Venture Capital-Investoren: Partner auf Zeit

Was Gründer von Kapitalgebern erwarten dürfen

Aufseiten der Gründerinnen und Gründer besteht bei der Entscheidung, ob man sich an einen Investor wenden soll, mitunter die eine oder andere Unklarheit. Worauf man sich einstellen muss, wenn man einen Venture Capital-Investor mit an Bord holt:

Allem voran sei festgehalten, dass Venture Capital-Investoren ein eigenes Mindset besitzen: Gemeinsam mit ihren Beteiligungsunternehmen wollen sie viel erreichen – und das am besten schnell. Dafür gibt es dann auch nicht Normalbenzin oder Diesel von irgendeiner Tankstelle, sondern Raketentreibstoff für die Weltraummission. So bahnbrechend wie die Raumfahrttechnik vor einigen Jahrzehnten muss heute auch die Technologie der Start-ups sein, die ein Investment erhalten und damit zu den nächsten Senkrechtstartern werden – und genauso intensiv wie die Vorbereitung auf einen Weltraumflug sollte man sich auch den Workflow vorstellen, der sich im Vorfeld eines Investments ergibt. Es gilt zum Beispiel, ein professionelles Reporting aufzustellen, das sowohl in der Form als auch in den abgebildeten KPIs für Produkte und Applikationen mit starkem USP den marktüblichen Standards von Venture Capital-Fonds entspricht. Das hat den Vorteil, dass es bei weiteren Finanzierungsrunden wesentlich leichter fällt, internationale Fonds als Co-Investoren anzusprechen. Des Weiteren müssen belastbare Budgets erstellt werden, Gremialsitzungen vorbereitet, abgehalten und dokumentiert werden: Investoren wollen zeitnah informiert werden, ob sich die Entwicklung des Beteiligungsunternehmens „on track“ befindet oder davon abweicht. Gute Investoren verstehen sich als langfristige Partner und werden deshalb auch in engem Kontakt zum Führungsteam ihrer Beteiligung stehen. Das Ganze bedeutet zugegebenermaßen Aufwand – dies ist aber lediglich der Preis für starkes unternehmerisches und finanzielles Backing auf dem Weg zum durchschlagenden Unternehmenserfolg! Schließlich erhält man mit einem Investment nicht nur Kapital, sondern vom richtigen Partner auch das nötige Know-how für die Umsetzung seiner geplanten Mission und die entsprechende Unterstützung dafür.

Klarer Investmenthorizont steht für transparente Strategie

Halten wir also fest: Mit einem Venture Capital-Investor an Bord wird es ein arbeitsintensiver und abenteuerlicher Flug in Unternehmenssphären, die einem sonst unerschlossen blieben! Was erwarten sich also Gründerinnen und Gründer von einer solchen Zusammenarbeit? Denken wir zum Vergleich ans Raumschiff Enterprise. Die meisten kennen wahrscheinlich das Intro aus der bekannten Fernsehserie: „Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen …“ Wer mit seinem Vorhaben Neues und Unbekanntes erschließen will, benötigt zur Umsetzung seiner Vision die Unterstützung erfahrener Partner, die bereit sind, einen erheblichen Teil des Risikos mitzutragen! Jemanden, der auch weiß, welche Hürden es zu nehmen gilt, worauf man besonders achten sollte, auf welche Partner man sich verlassen kann und nicht zuletzt, wie die Risiken einer solchen Mission zu adressieren sind! Jemanden, der bereit ist, das Ziel gemeinsam und konsequent zu verfolgen. Im Falle von Venture Capital-Investoren ist das gemeinsame Ziel, das Unternehmen zum erfolgreichen Exit zu entwickeln, zumeist in Form des Verkaufs an einen Strategen oder einen internationalen Fonds, der den nächsten Abschnitt der Reise mit dem Founder- und Managementteam gestaltet und die Treibstoffbehälter wieder anfüllt. Bis es aber so weit ist, liegt es im beiderseitigen Interesse, die Pläne für die gemeinsame Entwicklung des Start-ups umzusetzen und dem Team ausreichend Handlungsspielraum zu geben, seine Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Entschlossenheit und Zielstrebigkeit der Gründerinnen und Gründer sowie die partnerschaftliche und unternehmerische Unterstützung und Zusammenarbeit mit den richtigen Investoren sind letztlich entscheidend für eine erfolgreiche Unternehmensentwicklung. Bereits beim Einstieg eines Kapitalgebers wird im Einklang mit den Gründerinnen und Gründern vereinbart, dass es zum geeigneten Zeitpunkt zum gemeinsamen Exit kommen wird. Die Details werden bewusst frühzeitig und konkret vereinbart, sodass später keine Unklarheiten entstehen.

Fazit

Ein Venture Capital-Investor ist also Partner auf Zeit auf der gemeinsamen Reise, die mitunter auch fünf Jahre oder mehr dauern kann. Ein guter Investor kennt seine Rolle, bringt sich während der in seinem „Sweetspot“ stehenden Lebenszyklusphase des Zielunternehmens nicht nur mit Geld, sondern auch unternehmerisch und gestalterisch ein. Der Ausstieg ist wesentlicher Teil des Geschäftsmodells und lässt entweder mit den Gründerinnen und Gründern gemeinsame Ernte einfahren oder verkürzt den Cap Table und ermöglicht dem Beteiligungsunternehmen, neue Partner für den nächsten Entwicklungsschritt an Bord zu holen.

 

Ralf Kunzmann ist seit 2013 Geschäftsführer der aws Fondsmanagement GmbH und des aws Gründerfonds, der bisher in 35 österreichische Tech-Start-ups investiert hat. Gemeinsam mit internationalen Co-Investoren wurden insgesamt etwa 319 Mio. EUR für technologieorientierte österreichische Start-ups eingesammelt. In Zusammenarbeit mit der Rechtsanwaltskanzlei Eisenberger & Herzog hat der aws Gründerfonds heuer den Praxisratgeber „Vom Start-up zum Börsekandidaten“ im Linde Verlag herausgegeben.