„Fördermittel und öffentliches Beteiligungskapital ergänzen die Einlage privater Finanzmittel“

Interview mit Dr. Johannes Loheide, Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen

Gerade in der Gründungsphase können die wenigsten Jungunternehmer auf große Mengen eigener finanzieller Mittel zurückgreifen. Für die Finanzierung der ersten Schritte bietet es sich daher an, sich mit den Förderprogrammen des jeweiligen Bundeslandes zu befassen.

VC Magazin: Herr Dr. Loheide, welche Förderprogramme für Start-ups gibt es in Hessen und wie sind sie gestaltet?
Loheide: Das Land Hessen bietet zum Beispiel über unsere Tochter BMH Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen mbH eine Vielzahl von Beteiligungsprodukten an, die alle gemeinsam die Stärkung der Eigenkapitalbasis zum Ziel haben. Darüber hinaus vergeben wir Kredite wie zum Beispiel den Innovationskredit Hessen. Er wird über die Hausbank beantragt, bietet dieser eine 70%ige Haftungsfreistellung und hat eine beachtliche Flexibilität. Es können beispielsweise Maßnahmen zur Marktdurchdringung darunterfallen, was besonders für Start-ups ein großes Plus ist. Um das Bild hier abzurunden, sollten auch unsere Produkte für Unternehmensnachfolge oder Gründungen mit größerem Finanzierungsbedarf kurz erwähnt werden. Auch hier bieten wir Fördermöglichkeiten an, zum Beispiel mit der Gründungs- und Wachstumsfinanzierung, dem Kapital für Kleinunternehmen oder auch über eine Bürgschaft des Landes. Besonders hervorheben möchte ich das Hessen-Mikrodarlehen. Wie der Name sagt: ein Kredit, der ganz besonders auf die Bedarfe von kleinen Gründungen abgestimmt ist. Alle Kosten, die für eine Gründung und eine erste Platzierung am Markt anfallen, können damit abgedeckt werden, solange der Höchstbetrag von 35.000 EUR nicht überschritten wird. Da die Antragstellung über einen unserer Kooperationspartner, wie Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer, erfolgt, kann die antragstellende Person auch die Vorteile der dortigen Gründungsberatung ausschöpfen. Im Bereich der Forschung und Entwicklung stehen jungen technologieorientierten Unternehmen für die Umsetzung von Innovationsprojekten zur Schaffung von neuen, verbesserten Produkten, Dienstleistungen oder Verfahren ebenfalls hessische Förderprogramme zur Verfügung. Im Rahmen einer anteiligen Zuschussförderung können sie so Wachstumssprünge generieren und ihre Innovationsfähigkeit weiter ausbauen. Mit Distr@l gibt es in Hessen ein Förderprogramm im Bereich der Digitalisierung, welches Start-ups ermöglicht, ihre nächsten Entwicklungsschritte im Rahmen eines Innovationsprojekts mithilfe von Zuschüssen für Personalausgaben umzusetzen.

VC Magazin: Gibt es einen messbaren Impact der Förderungen auf die hessische Start-up-Szene?
Loheide: Den sehen wir sehr deutlich. Über alle von der BMH verwalteten Beteiligungsfonds waren Ende 2019 110 Mio. EUR in 275 Beteiligungen investiert – 2015 waren es über alle Fonds hinweg 72 Mio. EUR in etwas mehr als 200 Beteiligungen. Wenn ich mir das Wachstum des investierten Volumens anschaue oder die stetige Zunahme der Teilnahme an Programmen und Veranstaltungen, dann sehen wir ein ungebrochen ansteigendes Interesse.

VC Magazin: Welchen Einfluss hat Corona auf die Nachfrage nach Förderung seitens der Start-ups?
Loheide: Der Bedarf an Unterstützung ist sehr groß. In den vergangenen Monaten sind bereits vielfältige Hilfsmaßnahmen auf den Weg gebracht worden, um hessische Unternehmen dabei zu unterstützen, die wirtschaftlichen Folgen der Krise zu bewältigen. Dazu zählt zum Beispiel die Hessen-Mikroliquidität. Dieser Direktkredit kann bereits seit dem 03.04.2020 von hessischen Kleinunternehmen mit maximal 50 Vollzeitbeschäftigten beantragt werden. Dabei handelt es sich um einen Überbrückungskredit von 3.000 EUR bis maximal 35.000 EUR zur kurzfristigen Abdeckung von Liquiditätsbedarfen. Auch die Liquiditätshilfe für kleine und mittlere Unternehmen in Hessen – für Kleinstunternehmen und KMU im Bereich der gewerblichen Wirtschaft und freiberuflich Tätige – ist als Corona-Hilfsmaßnahme ins Leben gerufen worden. Über die Hausbank stellt die WIBank ein Nachrangdarlehen in Höhe von mindestens 5.000 EUR bis maximal 500.000 EUR zur Verfügung. Beide Programme werden aktuell stark nachgefragt. So haben wir zum Beispiel bis zum 30.09.2020 mehr als 210 Mio. EUR allein für diese beiden Programme bewilligt.

VC Magazin: Wie hoch ist das Volumen der jährlich ausgegebenen Fördermittel?
Loheide: Das Neugeschäftsvolumen im Geschäftsbereich Wirtschaftsförderung stieg 2019 deutlich von 237,5 Mio. EUR auf 270,7 Mio. EUR an. Im Beteiligungsgeschäft bedienen wir uns zur Erfüllung unserer Aufgaben unserer Tochtergesellschaft BMH Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen mbH. Über alle von der BMH betreuten Beteiligungsfonds hinweg wurden im Geschäftsjahr 2019 insgesamt 57 Beteiligungen bewilligt. Das bewilligte Gesamtbeteiligungsvolumen stieg deutlich auf insgesamt 22,4 Mio. EUR. Die durchschnittlich bewilligte Beteiligungshöhe betrug 2019 393.000 EUR. Zusätzlich wurden in diesem Jahr zehn Anträge aus dem Mikromezzanin-Programm des Bundes mit einem Volumen von insgesamt 620.000 EUR über die MBG H Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Hessen mbH bewilligt und ausgezahlt.

VC Magazin: Welche Rolle spielen Fördermittel im Rahmen von Finanzierungsrunden mit Venture Capital-Investoren?
Loheide: Anstehende Finanzierungsrunden, beispielsweise von Start-ups, werden in Hessen in der Regel von verschiedenen Finanzierungspartnern gestemmt. Fördermittel und insbesondere öffentliches Beteiligungskapital ergänzen die Einlage privater Finanzmittel in die Unternehmen. Für die Venture Capital-Investoren reduziert sich durch die Einbindung von öffentlichem Beteiligungskapital das Ausfallrisiko im Rahmen einer Risikopartnerschaft. Dabei können zudem weitere Förderprodukte, wie Bürgschaften, Kredite oder Zuschüsse, in die Finanzierung der Unternehmen einbezogen werden. Die Beteiligung von öffentlichen Fonds ist häufig auch ein Qualitätsmerkmal und öffnet weitere Türen. Traditionell ergänzt das öffentliche Förderangebot an Beteiligungskapital den Markt und setzt dort an, wo Unternehmen sich nicht oder nicht im benötigten Maß finanzieren können. So sind die frühen Unternehmensphasen und häufig innovative Geschäftsmodelle wichtige Förderschwerpunkte. Hier stehen wir als Finanzierungs- und Risikopartner zur Verfügung und ergänzen dabei sehr häufig als Co-Finanzierungspartner aus privaten Quellen stammende Finanzierungen unserer Kunden. Öffentliche Investoren haben in der Regel auch einen längeren Anlagehorizont. Wir können Unternehmen in mehreren Schritten länger begleiten, als dies dem einen oder anderen Venture-Fonds möglich ist.

VC Magazin: Herr Dr. Loheide, vielen Dank für das Interview.

 

Dr. Johannes Loheide ist Abteilungsleiter Grundsatzfragen bei der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (WIBank, Helaba). Zuvor war er unter anderem Büroleiter von Dr. Udo Bullmann, Mitglied des Europäischen Parlaments.