„Die Pandemie hatte einen Katalysator-Effekt für digitale Lösungen“

Neujahrsgespräch mit Robin Godenrath, Picus Capital

Neujahrsgespräch mit Robin Godenrath, Picus Capital
Neujahrsgespräch mit Robin Godenrath, Picus Capital
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Der Beginn eines neuen Jahres ist gleichzeitig auch der richtige Zeitpunkt für ein Fazit der vergangenen zwölf Monate. Welche Erfolge gibt es zu verzeichnen, an welcher Stelle sollte nachjustiert werden, was sind die Learnings aus dem letzten Jahr? Darüber berichten Persönlichkeiten aus der deutschen Venture Capital- und Private Equity-Szene in der Reihe „Neujahrsgespräche“ und erzählen auch von ihren Erwartungen für 2021.

VC-Magazin: Picus Capital half dem neuen Unicorn Personio als einer der ersten Investoren 2016 auf die Beine. Was hat Sie damals bewegt, in das Start-up zu investieren und haben Sie schon vor vier Jahren einen solchen Erfolg erwartet?

Godenrath: Wir möchten möglichst früh mit Gründern zusammenzuarbeiten, die die Ambition haben, ganze Sektoren langfristig zu verändern und das Talent mitbringen, ihre Visionen umzusetzen. Das Gründerteam von Personio hat damals schon genau diese Voraussetzungen erfüllt. Die Gründer waren Teil des Entrepreneurship-Programms “CDTM” der TUM und LMU München und wir haben ihre Motivation dafür gespürt, etwas Relevantes aufbauen zu wollen. Natürlich dauert der Weg vom jungen Start-Up zum erfolgreichen Marktführer seine Zeit. Wir sind deshalb sehr stolz darauf, diesen Weg mit Personio gegangen zu sein und freuen uns auf das, was noch kommen wird.

VC-Magazin: Was hebt Picus Capital von anderen Venture Capital-Gesellschaften ab?
Godenrath: Picus Capital verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und unterstützt Start-ups mit mehr als nur Kapital – und das so früh wie möglich. Schon bevor eine finale Geschäftsidee, ein Produkt oder erste Kunden vorhanden sind, diskutieren wir mit Gründern spannende Märkte, Technologien, Trends und Geschäftsmodelle. Als Sparring Partner unterstützen wir dann die jungen Unternehmen bei strategischen Schlüsselentscheidungen wie beispielsweise dem Go-to-Market, bei der Gewinnung erster Kunden, bei der Rekrutierung der wichtigsten Mitarbeiter und beim Fundraising.
Zudem ermöglicht unsere privat finanzierte Struktur es uns, nicht nur wie ein Unternehmer zu denken, sondern auch wie einer zu investieren: langfristig und ohne jegliche Einschränkungen – vom ersten Tag bis zum Börsengang und darüber hinaus. Wir sind nicht durch Fonds-Lebenszyklen, Exit-Horizonte oder Investitionsbereiche eingeschränkt, sondern können vielmehr in jedes Gründerteam, jede Idee und jede Geografie investieren, die uns begeistert und selbst für zehn Jahre und mehr Teil einer Erfolgsstory bleiben, statt frühzeitig über einen Verkauf nachdenken zu müssen.

VC-Magazin: Wie haben das vergangene Jahr und die Corona-Pandemie ihre Arbeit als Start-up-Investor beeinflusst?
Godenrath: Mit der Corona-Pandemie kam ein unberechenbarer Faktor zu den üblichen Risiken der Gründung hinzu. Gleichzeitig haben sich Trends, die wir bereits antizipiert haben, durch Covid-19 deutlich beschleunigt, etwa in der Medizin oder im Bereich Arbeit. Andere Branchen wurden dagegen ausgebremst, wie etwa der weltweite Tourismus. Diese Faktoren müssen wir heute bei unseren Investments in Betracht ziehen.

Wir haben gelernt, dass es in Krisenzeiten deutlich wird, welche Unternehmen wirklich kritische Probleme lösen. Wir konnten das vergangene Jahr deshalb sehr gut nutzen, um mit Gründern zusammenzuarbeiten, die relevante Lösungen aufbauen. Somit können wir sogar auf ein Jahr des Wachstums zurückschauen: Wir haben bereits im Sommer ein erfolgreiches Team in New York aufgebaut, das nun noch enger mit Gründern in Nord- und Südamerika zusammenarbeitet. Zudem haben wir unsere Aktivitäten in Asien ausgeweitet.

VC-Magazin: Was hat Sie in dieser Zeit besonders bewegt?
Godenrath: In den ersten Wochen der Pandemie haben wir uns darauf konzentriert, unsere bestehenden Portfoliofirmen bestmöglich zu unterstützen. Wir waren mit den meisten Gründerteams im engen, oft täglichen Austausch, haben sie bei operativen und strategischen Fragen beraten und es so geschafft, die Mehrzahl der Unternehmen gut durch die Krise zu bringen. Es war wichtig, sowohl die langfristigen Auswirkungen von Covid auf das Geschäftsmodell des Start-ups zu erkennen, als auch kurzfristig notwendige Anpassungen einleiten zu können.

Außerdem haben wir analysiert, welche Auswirkungen die Pandemie langfristig haben wird. Darauf basierend haben wir einige unserer grundlegenden Investment-Hypothesen geschärft und unsere Investment Aktivitäten weitergeführt. Insbesondere im Pre-Seed Bereich waren wir sehr aktiv. Die Lähmung der Wirtschaft wurde von vielen Teams genutzt, um kritische Probleme zu identifizieren und entsprechende Lösungen zu entwickeln. PeopleFlow ermöglicht beispielsweise Remote-Work weltweit, Hive unterstützt den stark wachsende E-Commerce Unternehmen beim Fulfillment und MedKitDoc revolutioniert Tele-Medizin.

VC-Magazin: Mit welchem Gefühl starten Sie in dieses noch junge Jahr 2021?
Godenrath: Das Jahr 2021 beginnen wir mit einem vorsichtig optimistischen Gefühl. Aus unserer Perspektive ist die Pandemie nicht überstanden, wenn die Bevölkerung durchgeimpft ist, sondern dann, wenn auch alle langfristigen wirtschaftlichen Implikationen überstanden sind.

Die Pandemie hatte einen Katalysator-Effekt für digitale Lösungen und Innovationen. Der schnelle Wandel und die Anpassung an den neuen Status Quo haben uns sehr beeindruckt. Wir möchten unseren Beitrag dazu leisten, dass die Motivation zum Wandel weiterhin bestehen bleibt, dieser aber selbstbestimmt, nicht notgedrungen ist. Wir freuen uns also auf die Zusammenarbeit mit vielen talentierten und motivierten Gründerteams, die die Ambition haben, den Status Quo neu zu denken und signifikante Veränderungen aktiv anzustoßen.

VC-Magazin: Was sind Ihre Pläne und Ziele für dieses Jahr?
Godenrath: 2021 wollen wir das Thema “Gründen” sowohl für junge Talente als auch für erfahrene Unternehmer grundsätzlich zugänglicher machen. Unser Ziel ist es, zur ersten Anlaufstation für internationale Talente und zum unternehmerischen Sparringspartner für Gründern weltweit zu werden. Dabei stehen für uns vor allem jene Start-ups im Fokus, die die Welt von morgen aktiv mitgestalten möchten.

Um unserer globalen Ambition gerecht zu werden, verstärken wir im Jahr 2021 weiter unsere internationale Präsenz. Insbesondere in Indien, China und Südostasien planen wir stärker aufzutreten. Die Präsenz beginnt für uns bereits mit Programmen an den Top-Universitäten der jeweiligen Ländern. Wir bauen hier strategische Partnerschaften mit jungen Talenten auf, mit denen wir langfristig interagieren. Auch der Ausbau der Zusammenarbeit mit Branchen- und funktionalen Experten in den jeweiligen Regionen steht auf unserer Agenda.

Auch möchten wir unsere Expertise in den Branchen, in die wir investieren, weiter ausbauen und gleichzeitig neue Branchen erschließen. Aufbauend auf grundsätzlichen Thesen steigen wir systematisch in neue Bereiche ein. Im Bereich Medtech etwa haben wir bereits die ersten Investments in Unternehmen wie Avi Medical und MedKitDoc getätigt. Infrastruktur für E-Commerce und Payments als Teil des Fintech-Bereichs gehören auch zu unseren Fokus-Gebieten. Zusätzlich bauen wir eine umfassende Expertise in technischen Themen wie Developer Tools und Robotics auf.

Durch die besondere Struktur von Picus Capital ist es möglich, auch unser grundsätzliches Geschäftsmodell stetig weiterzuentwickeln und unsere Value Proposition gegenüber Gründern und Unternehmern zu schärfen. Nach unserem ersten Investment am Kapitalmarkt in Home24 vergangenes Jahr planen wir uns auch in 2021 als Entrepreneurial Sparringspartner für alle Entwicklungsstadien eines Unternehmens zu positionieren. Ziel ist es, ambitionierte Unternehmer von der Ideenfindung bis zum Börsengang und darüber hinaus aktiv zu unterstützen!

VC-Magazin: Vielen Dank für das Gespräch! 

Robin Godenrath, Picus Capital:
Robin Godenrath (30) ist seit 2016 Founding Partner und Managing Director bei Picus Capital. Vorher war er zwei Jahre als Consultant bei McKinsey & Company tätig. Seinen Master in Science hat er in Banking and Finance an der WHU – Otto Beisheim School of Management absolviert. Seine Expertise liegt vor allem in den Bereichen Venture Capital sowie PropTech, HR-Tech, HealthTech.