„Wo wären wir, wenn nicht mutige Venture Capital-Geber in Biotech-Start-ups investiert hätten?“

Interview mit Dr. Peter Güllmann, BIB – Bank im Bistum Essen

„Wo wären wir, wenn nicht mutige Venture Capital-Geber in Biotech-Start-ups investiert hätten?“ - Dr. Peter Güllmann, Bank im Bistum Essen
„Wo wären wir, wenn nicht mutige Venture Capital-Geber in Biotech-Start-ups investiert hätten?“ - Dr. Peter Güllmann, Bank im Bistum Essen
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Bildnachweis: © Bank im Bistum Essen.

Nach rund 20 Jahren im Beteiligungskapitalgeschäft engagiert sich Dr. Peter Güllmann als Vorstandssprecher der Bank im Bistum Essen heute für soziale Investments. Die Venture Capital-Szene schätzt er nach wie vor und blickt auf die aktuellen Entwicklungen.

VC Magazin: Nach den vielen Jahren, die Sie als aktiver Venture Capital-Geber unterwegs waren, interessiert uns Ihr heutiger Blick auf den Markt. Wie sehen Sie die Branche?
Güllmann:
Die aktuelle Situation macht einmal mehr die wichtige Rolle von Venture Capital deutlich. Wo wären wir, wenn nicht mutige Wagniskapitalgeber BioNTech, CureVac und andere Health-Start-ups finanziert hätten? Die Diskussion um die Medika­mentenproduktion in Europa ist ein gutes Beispiel dafür: Damit wir hier Ressourcen aufbauen können, braucht es sowohl Unter­nehmen in dieser Branche als auch Venture Capital-Gesellschaften, die in Europa ein Umfeld dafür finden und nicht zur Abwande­rung gezwungen sind. Das gilt insbesondere für Unternehmen der Biotechnologiebranche, die im Bereich der Wirkstoff- und Medikamentenentwicklung tätig sind. Deshalb muss ein Ziel der Politik sein, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Kapital gerade auch für diese Technologieunternehmen mobilisiert werden kann. Ich begrüße die Initiative der Bundesregierung in Bezug auf den Deutschlandfonds, der sicher den deutschen Beteiligungskapitalmarkt beleben wird – denn am Ende können diese Industrien eine Antwort auf die Überlebensfrage der Menschheit geben. Und zu dieser Antwort gehört auch ihre Finanzierung mit Venture Capital.

VC Magazin: Welche Learnings nehmen Sie aus 2020 mit?
Güllmann: Die Corona-Krise hat der Gesellschaft ihre Verletzlichkeit vor Augen geführt, und wir müssen uns rückbesinnen auf mehr Verantwortung, unseren Nächsten und unseren Bildungsauftrag. Zudem hat die Pandemie eins klar gezeigt: Wir brauchen unbedingt mehr Bewusstsein und Mittel für eine leistungsfähige Infrastruktur im Gesundheitssektor und im Bildungswesen. Ich wünsche mir, dass die Politik hier nicht in einen inhaltlichen Lockdown geht und sich mit diesen drängenden Zukunftsfragen befasst.

VC Magazin: Wie ist die BIB mit dem Thema Corona umgegangen?
Güllmann: Zum einen haben wir intern die Homeoffice-Kapazitäten massiv ausgebaut, sodass mittlerweile 80% unserer Mitarbeiter remote arbeiten können, und den Bereich Onlinebanking weiter optimiert. Darüber hinaus haben wir in Schutzmasken und Plexiglas im Kundenbereich investiert, um auch weiterhin mit unseren Kunden im persönlichen Gespräch bleiben zu können. Unseren Geschäftskunden aus dem Sozialbereich hat der Rettungsschirm aus dem Frühjahr, zum Beispiel für Kran­kenhäuser, zum Glück sehr gut geholfen. Viele Kliniken mussten ja Operationen absagen und die Betten für Corona-Patienten freihalten. Aber auch bei unseren karitativen Kunden gab es ­erhebliche Einbrüche – hier konnten wir mit Spenden in Höhe von 400.000 EUR, etwa für die Suppenküche, Notschlafstellen für Jugendliche oder eine Online-Suizidberatung, helfen.

VC Magazin: Welche Auswirkungen und Herausforderungen verbinden Sie mit Corona für den künftigen Geschäftsalltag?
Güllmann: Homeoffice wird auch in Zukunft bleiben, da bin ich ­sicher. Und das erleichtert ja auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch die Reisen werden wohl nicht mehr in dem Umfang wie vor Corona stattfinden, was eine große Zeitersparnis mit sich bringt. Außerdem hat die Digitalisierung der Bank einen deutlichen Schub bekommen, und wir haben eine leistungsfähige Onlinefiliale entwickelt. Wer möchte, kann heute mit dem Kundenberater jederzeit einen Videocall vereinbaren.

VC Magazin: Das VentureCapital Magazin legt in dieser Ausgabe einen Schwerpunkt auf Impact Investing und Social Venture ­Capital. Welche Bedeutung haben die Themen in Ihrem Haus?
Güllmann: Unser Claim lautet „Wir geben Ihrem Kapital eine ­andere Richtung“ – und dafür stehen wir mit all unseren Finanz­lösungen ein. Wir haben als Bank eine gesellschaftspolitische Verantwortung und orientieren uns stark an den SDG der UN. Wir arbeiten nicht mit Provisionen, beraten unsere Kunden fair und verkaufen nur das, was wir selbst auch kaufen würden. Mit unserem Mikrofinanzgeschäft leisten wir darüber hinaus ­einen entscheidenden Beitrag zur Teilhabe in den sogenannten Schwellenländern, damit die Menschen dort selbst für ihren Lebens­unterhalt sorgen können.

VC Magazin: In welcher Form investieren Sie in diese Projekte?
Güllmann: Wir refinanzieren Mikrofinanzinstitute weltweit, sodass diese wiederum Kleinstkredite vergeben und Gründungen ermög­lichen können. Wir kennen unsere Kunden persönlich und stehen mit ihnen in engem Kontakt – im Moment natürlich nur über Video­konferenzen, weil harte Restriktionen und strenge Lockdowns Besuche verhindern. Der Bereich Social Impact hat für uns als Bank eine große Bedeutung, und wir arbeiten an Lösungen für die Bereiche Bildung, Trinkwasser und Wohnraum. Weltweit können durch Lockdowns 1,5 Mrd. Kinder nicht zur Schule gehen. Dadurch wird der Bildungs-Gap immer größer. Hier brauchen wir dringend Lösungen – und daher gibt es bei der BIB auch Überlegungen für einen eigenen Fonds.

VC Magazin: Sehen Sie Impact Investing als eine neue Revolution des Investmentdenkens oder nur als einen vorübergehenden Trend?
Güllmann: Immer mehr Anleger achten darauf, wie ihr Geld angelegt wird und welche Wirkungsmessung es erzielt. Nachhaltige Kapitalanlagen werden weiter an Bedeutung gewinnen. Bei der BIB gehören nachhaltige Investments zur DNA, daher ist das Thema für uns weit mehr als ein Trend, sondern vielmehr Teil unserer strategischen Ausrichtung.

VC Magazin: Welche weiteren Schwerpunkte setzt die BIB für 2021 und die folgenden Jahre?
Güllmann: Wir bauen das Kreditgeschäft weiter aus mit Blick auf die Gesundheitswirtschaft, den Wohnungsbau und erneuerbare Energien. Natürlich werden wir auch die Mikrofinanzierung für Investments wieder öffnen. Seit Mitte 2020 haben wir wegen der Unberechenbarkeit der Corona-Pandemie die Fonds geschlossen und uns erst mal auf das bestehende Portfolio konzentriert. Bis Mitte des Jahres wollen wir das wieder ändern und unser Mikrofinanzgeschäft auch weiter ausbauen.

VC Magazin: Sind künftig Investments in Venture Capital denkbar?
Güllmann: Gegenwärtig sind wir dafür nicht aufgestellt, aber die Zukunft ist bekanntlich offen.

VC Magazin: Herr Dr. Güllmann, vielen Dank für das Interview.

Dr. Peter Güllmann, Bank im Bistum Essen:

Dr. Peter Güllmann ist Sprecher des Vorstands der BIB – Bank im Bistum Essen. Von 2014 bis 2016 war er Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) und hat als Leiter Beteiligungen das Venture Capital- und ­Private Equity-Geschäft der NRW.Bank von deren Gründung im Jahr 2002 bis zu seinem Einstieg in der Bank im Bistum Essen aufgebaut – zuletzt mit mehr als 600 Mio. EUR under Management.