Schlaglicht Private Equity

Die positive Stimmung in der deutschen Private Equity-Branche hält trotz makroökonomischer Unsicherheiten nach wie vor an, so die Studie „Deutsche Beteiligungsbranche 2017“ des Beratungshauses Rödl & Partner.
Die positive Stimmung in der deutschen Private Equity-Branche hält trotz makroökonomischer Unsicherheiten nach wie vor an, so die Studie „Deutsche Beteiligungsbranche 2017“ des Beratungshauses Rödl & Partner.

Branchenblick

Digitalisierung: Zwischen Spannungsfeld und Impulsgeber

Bei Nachrichten aus Unternehmen oder Politik gehört die „Digitalisierung“ inzwischen zum guten Ton. Je nach Wirtschaftssektor wird sie jedoch sehr unterschiedlich gelebt. Im Automotive-Sektor ist nicht nur die Transparenz der Supply Chain gefragt, Mobilität bekommt eine ganz neue Perspektive: Ein Auto wird zum Mobile Device auf Rädern. Mit Digitalisierung leben geht nur, indem man sich selbst revolutioniert. Die Alternative: Man wird ­revolutioniert und verschwindet. Kein Geschäftsmodell ist mehr sicher.

Martin Reichenbach
Martin Reichenbach

Vielfalt charakterisiert die Dienstleistungsbranche, und für eine erste Standortbestimmung ist nicht nur vor den aktuellen Corona-Diskussionen die Hotel- und Gaststättenindustrie (Hospitality) besonders spannend. Die Tourismus- und Reisebranche hat sich in der Vergangenheit stark digitalisiert, die Reisebuchung über das Web ist selbstverständlich. Martin Reichenbach, Founder und COO bei apaleo, weiß, dass nicht alle Branchenteilnehmer mit an Bord sind: „Technologiefirmen wie Booking.com oder Airbnb setzen Maßstäbe im Buchungserlebnis. Leider haben die meisten Hotels bis heute noch nicht den Sprung in die Digitalisierung geschafft. Zahlreiche Back Office-Prozesse und die Abwicklung vor Ort erfordern viel Handarbeit. Die aktuelle Pandemie ist ein schmerzhafter, aber entscheidender Modernisierungstreiber.“ Mit Blick auf die Kunden­bedürfnisse von morgen ergänzt er: „Jüngere Zielgruppen orientieren sich an Marken wie Airbnb oder Plattformen wie limehome. Ob klassische Hotelmarken wie Accor oder Marriott hierauf eine Antwort finden, bleibt abzuwarten. Das businessorientierte Stadthotel oder Serviced Apartment hat hier die klare Aufgabe, die vollständig digitale Gästereise zu unterstützen. Dieses Konzept wurde bereits vor Jahren von citizenM Hotels vorgelebt und heute von Anbietern wie Stayery optimiert. Mixed Use-Konzepte werden im Rahmen von Homeoffice und für sogenannte Digitalnomaden deutlich an Fahrt gewinnen. Marken wie Selina oder R.evo der Vienna House-Gruppe ermöglichen die Ansprache neuer Zielgruppen, für die Arbeit und Freizeit immer stärker verschmelzen.“

Rechtsberatung im Wandel

Birte Gall
Birte Gall

Veränderungsdruck verspürt auch die Rechtsberatung. Maximilian Block, Founder von advocado, heute auch als Investor unterwegs, sieht eine stark steigende Wettbewerbsintensität: „Die Digitalisierung der Rechtsbranche fördert den Wettbewerb unter den Kanzleien und eröffnet zudem neue (Wachstums-)Märkte. Prozessoptimierung senkt den Aufwand und damit die Kosten pro Mandat.“ Dies ermögliche auch Großkanzleien den Einstieg in das ehemals unprofitable Massengeschäft mit Kleinansprüchen. Gleichzeitig müssen Kanzleien durch die zunehmende Markttransparenz (beispielsweise Bewertungsportale) kurzfristig auf sich verändernde Ansprüche von Rechtsuchenden zum Beispiel bei Reaktionszeiten und digitalen Dokumenten eingehen. Auch kleine Sozietäten könnten sich mit Legaltech immer mehr spezialisieren und dadurch den Druck auch bei den Großkanzleien erhöhen. „Nur wer intelligent in Technologie und digitale Infrastruktur investiert, kann sich einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil verschaffen“, so Block. Und auch Dr. Birte Gall, Gründerin des Erblotsen, rückt Technologien in den Blick: „In der Praxis werden sich die Produkte weiter durchsetzen, die eine mandantenseitige (Vor-)Prüfung wieder­kehrender Fragen ermöglichen, zum Beispiel zur Frage der Einhaltung der DSGVO, Compliance-Fragen bei der Annahme von Geschenken oder bei der Scheinselbststän­digkeit im Fremdpersonaleinsatz.“ Hier wer­den laut Dr. Gall die Kanzleien in Zukunft Lösungen liefern müssen, mit denen die Mandanten diese wiederkehrenden Fragen selbst klären. KI werde beim Einsatz von Vertragsprüfungen zum Beispiel bei großen M&A-Transaktionen immer relevanter, um Due Diligence-Prüfungen schneller und umfassender durchzuführen. Die Blockchain ist derzeit bei der Tokenisierung von (Vermögens-)Werten auf dem Vormarsch. Rechte und Pflichten werden digital übertragen werden. „Bei weiterer Durchdringung des Internet of Things ist die Vernetzung von Gegenständen möglich, und so bildet in Zukunft die Blockchain Vertrags­beziehungen ab“, blickt sie voraus.

Produzierendes Gewerbe im Spannungsfeld

Lasse Dumstrei
Lasse Dumstrei

Diese Perspektiven zeigen, dass in den Dienstleistungsbranchen hoher Aufholbedarf besteht. Das produzierende Gewerbe, bei­spiels­weise in der Agrarbranche, steht hingegen im Spannungsfeld nachhaltiger Landwirtschaft und weltweiter Lebensmittelproduktion. Technologisch ist der Agrarsektor schon weit: Bei Erntetechnik und Ackerbau kommt heute Hightech zum Einsatz. Aber Digitalisierung ist mehr: Sie revolutioniert Prozesse und Strukturen. Lasse Dumstrei, Founder der Betriebsmittelhelden, kennt die Landwirtschaft aus eigener Perspektive: „Die Land­wirt­schaft ist eine Hightechbranche. Acht von zehn Betrieben setzen bereits auf digitale Technologien. Dabei geht es nicht nur um Landmaschinen. Auch Plattformen zur Maschinensteuerung sind für viele mittlerweile Alltag.“ Standards vernetzen laut Dumstrei Maschinen herstellerübergreifend; in der Regel komme auch ein Farmmanagementsystem zum Einsatz. Hier werden von der Erstellung teilflächenspezifischer Düngeapplikationskarten bis zur Düngebilanz so ziemlich alle Betriebsprozesse abge­deckt. Auch für Veredlungsbetriebe ist das ein wichtiger Pfeiler des Betriebsalltags. Aktuell noch wenig Beachtung findet indessen der Einkauf von Betriebsmitteln. ­Einige Farmmanagementsysteme ermöglichen etwa bereits eingeschränkte Funktionen zum Düngemittelkauf. Auch bieten diverse Futtermittelhersteller oder Landhändler eine Onlinebestellfunktion. „Dennoch hapert es einfach an der Transparenz. Landwirte kaufen in der Regel noch ganz klassisch bei ihrer hiesigen Genossenschaft ein. Ein Vergleich von mehreren Angeboten ist aktuell schlichtweg zu aufwendig. Und hier setzen wir mit unserem Start-up an: Zeit­ersparnis und Transparenz spart Geld.“

Corporate Venture Capital als Impulsgeber

Philipp Rittershaus
Philipp Rittershaus

Philipp Rittershaus, Managing Director vom RootCamp, einem Agrifood-Inkubator, sieht gerade Corporate Venture Capital-Aktivi­täten als wichtigen Impuls: „In einer stark fragmentierten Industrie wie dem Agrarbereich ist es für Start-ups schwer, die nötige Traktion zu bekommen. Daher ist es umso wichtiger, dass durch Kooperation mit Corporates früh die nötige Ska­lierung erreicht wird. Für Corporates dieser traditionellen, noch wenig digitalisierten Branche ist die Interaktion mit den Inno­vationstreibern aus dem Start-up-Bereich genauso wichtig. Corporate Venture ist ein wichtiger Baustein für die Ergänzung der Zusammenarbeit und ermöglicht den Aufbau eines Dealflows und Partizipation am Wertzuwachs.“ Gerade die Digitalisierung könne in der Pflanzenproduktion eine entscheidende Rolle spielen, so Rittershaus weiter: „Sie ist der Schlüssel zu ­einer erhöhten Präzision und Effizienzsteigerung. Daten aus dem Remote Monitoring über Satelliten ermöglichen in Kombination mit gewachsenen Erfahrungen eine neue Dimension.“ Kombiniert mit der Ertragskontrolle ergebe sich eine wertvolle Grundlage für den bedarfsgerechten Stoffeinsatz zur optimalen Pflanzengesundheit bei minimiertem Ressourcenverbrauch. ­Zudem könne die Ver­marktung frühzeitig präzise geplant und der Weg vom Feld zum Verbraucher vorgezeichnet beziehungsweise verfolgt werden.

Öffentlicher Sektor mit großen Hürden

Letztlich steht auch der öffentliche Sektor bei den Zukunftsherausforderungen vor höchstem Veränderungsdruck. Marcel „Otto“ Yon, Gründer von [email protected], sieht in der Zusammenarbeit mit Start-ups noch große Innovationsblocker: „Die größte Herausforderung besteht darin, dass angefragte Leistungen maximal zu 50% sinnvoll sind. Die ausschreibende Stelle hat oft eine veraltete Vorstellung des Lösungsansatzes, gibt diesen aber detailliert vor. Das Ausmaß des Problems geht übrigens weit über Digitalisierungsprojekte hinaus. In den letzten zwölf Monaten haben wir zum Beispiel mehrere Ausschreibungen für Beratungsleistungen gesehen, bei denen es um die Erarbeitung von Transformations- und Digitalstrategien ging, die schlicht und ergreifend lebensfremd waren.“ Eine nicht wirklich positive Standortbestimmung für den öffentlichen Sektor, die zeigt, wie viel Weg noch zu bewältigen ist, um durch digitale Innovationen Branchen zu revolutionieren.

AUTOR:

Peter Wolff
Peter Wolff

Dr. Peter Wolff ist Co-Founder EnjoyVenture Management und Vorstand Private Equity Forum NRW e.V.