Strategische Neuordnung der deutschen Insurtech-Landschaft

Konsolidierung als Reifeprüfung

Carolin Schmied (Konzern Versicherungskammer), Philipp Belli (WWK Versicherungen), Alexander Huynh (QAware), Dr. Klaus Driever (ITHM, Allianz), Martin Gräfer (Die Bayerische) & Sascha Poggemann (Nice Cognigy)
Carolin Schmied (Konzern Versicherungskammer), Philipp Belli (WWK Versicherungen), Alexander Huynh (QAware), Dr. Klaus Driever (ITHM, Allianz), Martin Gräfer (Die Bayerische) & Sascha Poggemann (Nice Cognigy)

Bildnachweis: Konzern Versicherungskammer, WWK Versicherungen, QAware, ITHM, Allianz, Die Bayerische, Nice Cognigy.

Der deutsche Versicherungsmarkt, oft als konservativ und schwerfällig charakterisiert, hat in den vergangenen sieben Jahren einen bemerkenswerten Zyklus durchlaufen. Was um das Jahr 2016 als disruptive Welle begann, in der junge Start-ups antraten, um die Wertschöpfungskette der Assekuranz neu zu definieren, ist heute einer nüchternen Realitätsprüfung gewichen.

Für Investoren und Gründer stellt sich die Lage im Jahr 2025 differenziert dar: Konsolidierung, technologische Tiefe und eine strikte B2B-Fokussierung prägen das Bild. Ein Blick auf die quantitativen Marktdaten verdeutlicht den Paradigmenwechsel. Zwischen 2018 und 2020 galt die Insurtech-Branche in Deutschland als einer der dynamischsten Innovationsmotoren im Finanz- und Versicherungswesen. Getrieben von hohem Investoreninteresse und der These, dass digitale Angreifer signifikante Marktanteile im B2C-Sektor erobern könnten, stieg die Zahl der Unternehmen laut Capgemini binnen zweier Jahre um rund 42% – von 120 auf etwa 160 Unternehmen. Doch dieser rasante Aufstieg erlebte ab 2021 eine merkliche Verlangsamung. Bereits Ende 2021 sanken die Zahlen auf 155 aktive Player. Heute hat sich der Markt auf einem Plateau stabilisiert. Die Gründungsaktivität, ein klassischer Frühindikator für die Attraktivität eines Sektors für Risikokapital, zeigt nach unten: Gab es 2018 noch 32 Neugründungen, so sank die Zahl 2021 auf 24 und dann 2023 auf 5 Neugründungen.

Enablement der Versicherer

Die Gründe für diesen Rückgang sind struktureller Natur. Das anfängliche B2C-Modell der „Neoversicherer“ erwies sich aufgrund extrem hoher Customer Acquisition Costs (CAC) und der geringen Interaktionsfrequenz von Versicherungskunden als kapitalintensiver als erwartet. Die anfängliche B2C-Orientierung ist daher einem stärkeren Fokus auf B2B-Lösungen gewichen. Neue Insurtechs entstehen fast ausschließlich im Bereich technologischer Unterstützung etablierter Versicherer – nicht mehr als reine Endkundenanbieter. Das Narrativ wandelte sich von „Disruption der Versicherer“ hin zu „Enablement der Versicherer“.

Die Perspektive der Etablierten: Kooperation statt Konfrontation

In der Praxis zeigt sich, dass etablierte Versicherungsunternehmen ihre einstige Abwehrhaltung längst abgelegt haben und zunehmend offen für Kooperationen mit Insurtechs sind. Die Branche durchläuft eine Phase, in der datenbasierte Services, KI-gestützte Prozesse und modulare Plattformmodelle an Bedeutung gewinnen. Die großen Häuser nutzen die Agilität junger Unternehmen gezielt, um interne Innovationslücken zu schließen. Drei Statements führender Versicherer verdeutlichen, wie unterschiedlich die Schwerpunkte – von Geschwindigkeit über Reibung bis hin zum Wissensmanagement – gesetzt werden und dass die Zusammenarbeit heute auf Augenhöhe stattfindet. Philipp Belli, Abteilungsleiter Digitale Kommunikation und Online Marketing bei den WWK Versicherungen, betont die Notwendigkeit, externe Geschwindigkeit mit interner Substanz zu koppeln: „Wir schätzen die Zusammenarbeit mit Insurtechs sehr – sie liefern neue Technologien, Mut und Tempo. Gleichzeitig ist es entscheidend, diese Impulse mit unserer Erfahrung, Stabilität und Servicestärke zu kombinieren. Nur so entsteht Innovation, die unserem Anspruch als Serviceversicherer gerecht wird und echten Nutzen für unsere Kunden schafft.“ Die Versicherungsbranche erlebe derzeit eine dynamische Phase, in der datenbasierte Services, KI-gestützte Prozesse und modulare Plattformmodelle zentrale Trends prägen. Für die WWK Versicherungen seien Insurtech-Start-ups dabei ein interessanter Innovationstreiber. Ihre Agilität, neue Ideen und Geschwindigkeit eröffneten neue Perspektiven und konkrete Chancen für bessere Serviceerlebnisse. Einen Ansatz, der Innovation bewusst dort sucht, wo es schmerzt, verfolgt Martin Gräfer. Der Vorstand bei Die Bayerische, unter anderem verantwortlich für die IT, beschreibt die Strategie seines Hauses wie folgt: „Innovation passiert nicht im stillen Kämmerlein. Bei Der Bayerischen gehen wir bewusst dorthin, wo Reibung entsteht: ausprobieren, verwerfen, neu denken. Die kurzen Schleifen bringen Geschwindigkeit, und durch starke Partner sind wir breiter aufgestellt. Die Branche steht unter Konsolidierungsdruck. Für uns ist das der Moment, Nähe zum Kunden nicht zu versprechen, sondern konkret zu liefern.“ Auch für den Konzern Versicherungskammer (VK) sind Prozessgeschwindigkeit, Kundennähe und Servicequalität zentrale Themen. Da diese Aspekte wesentlich vom Know-how und Engagement der Mitarbeitenden getragen werden, legt die VK besonderen Fokus auf das Thema Wissensmanagement. Vor diesem Hintergrund wird laut Carolin Schmied, Abteilungsleiterin Externe Innovationen, gezielt der Einsatz von KI-Lösungen erprobt, um den Erhalt und die Weitergabe von institutionellem Wissen sicherzustellen. „Beim Konzern Versicherungskammer zählt für uns gegenseitiger Respekt, Verantwortung und ein starkes Miteinander. Wir sind überzeugt: Wissen entsteht vor allem durch Erfahrung und Austausch. Angesichts des demografischen Wandels und weil Teams sich verändern, wird es für uns immer wichtiger, Wissen gezielt zu bewahren und weiterzugeben. Moderne KI hilft uns, Erfahrungen und Fachwissen systematisch zu erfassen, zu vernetzen und verfügbar zu machen. So gelingt uns Wissenstransfer, wir fördern eine lernende Organisation und sichern langfristig unsere hohe Servicequalität“, erklärt Schmied.

Insurtech Hub Munich als Innovationsplattform

Der InsurTech Hub Munich e.V. (ITHM) ist eine Non-Profit-Innovationsplattform
und einer von zwölf Gründungs-Digital-Hubs (de:hubs) Deutschlands, der von der Bundes- sowie Bayerischen Staatsregierung finanziell unterstützt wird. Der Hub hat sich zum Ziel gesetzt, die Digitalisierung der Versicherungsbranche sowohl national als auch international voranzutreiben und Innovationen in die Unternehmen zu bringen. Hierfür arbeitet der ITHM mit führenden Versicherungsunternehmen, Start-ups, Tech-Firmen, Spitzenuniversitäten,
Forschungszentren und Investoren zusammen. 2017 von zwölf Versicherungsunternehmen gegründet, netzwerken im ITHM derzeit 30 Mitglieds- und Partnerunternehmen. Über
Innovationsprogramme zu ausgewählten Themen aus der Versicherungsindustrie
ermöglicht der Hub Start-up-Kollaborationen. „Der InsurTech Hub Munich ist mit der Ambition gestartet, die Welt der digitalen Innovation der Insurtechs nach Deutschland zu bringen und konkret nutzbare Impulse für den Versicherungsstandort und die Mitglieder des ITHM zu liefern. Ich glaube, man kann sagen: Der ITHM hat sich zu einem erfolgreichen ‚Silicon Valley vor der Haustür‘ entwickelt. Diesem Austausch von Start-ups und etablierten Playern Raum zu geben, bleibt eine der Aufgaben des ITHM. ‚InsurTech‘ ist aber mehr als Start-up-Kultur. Gerade der ‚AI Shift‘, die Dynamik der Künstlichen Intelligenz, zeigt, wie wichtig der ITHM auch in Zukunft als Ort für den Zugang zu digitaler Innovation und zu den Machern dieser Innovation ist“, sagt Dr. Klaus Driever,
Vorsitzender des ITHM-Vorstands und Managing Executive bei der Allianz.

Technologie als Infrastruktur und Überlebensfaktor

Dass der Wandel der Branche nicht nur technologisch, sondern auch strategisch erfolgt, bestätigen auch Stimmen aus der Start-up-Welt. Die Anbieter haben verstanden, dass sie nicht mehr als Disruptoren auftreten, sondern als Architekten der notwendigen Infrastruktur agieren müssen. Sascha Poggemann, COO des KI-Unternehmens Nice Cognigy, zeichnet ein Bild der Zukunft, in dem Künstliche Intelligenz weit mehr ist als ein bloßes Effizienztool. Seiner Einschätzung nach entwickeln sich KI-Agenten zu einer grundlegenden Infrastrukturkomponente für die gesamte Assekuranz. Dabei gehe es nicht primär darum, menschliche Arbeitskraft zu ersetzen, sondern vielmehr darum, den Betrieb überhaupt aufrechtzuerhalten. Poggemann argumentiert, dass Versicherer massiv unter standardisierten, aber extrem personalintensiven Abläufen leiden. Genau an dieser Schnittstelle schaffe Automatisierung durch KI den entscheidenden Mehrwert, um skalierbar zu bleiben. Poggemann bringt die langfristige Relevanz dieser Technologie prägnant auf den Punkt: „In zehn Jahren sprechen wir nicht mehr darüber, ob Versicherer KI einsetzen – sondern darüber, welche Teile des Geschäfts ohne KI überhaupt noch möglich wären.“

KI scheitert an technologischer Basis

Doch die Einführung solch moderner KI-Lösungen scheitert in der Praxis häufig an der technologischen Basis der Versicherer. Hier liegt laut Alexander Huynh, IT-Project Manager bei der QAware GmbH, der eigentliche Flaschenhals. Er identifiziert die fehlende Modernisierung der Legacy-Systeme als zentrales Hindernis für jede Form von datengetriebener Innovation. Die Versicherer befänden sich in einem Spannungsfeld zwischen Innovationsdruck, Regulatorik und der Last ihrer Altsysteme. Für Huynh ist die Diagnose eindeutig: Solange die Daten in den Silos der Legacy-IT gefangen sind, bleibt KI ein unerreichbares Versprechen. „Ohne die Daten aus Legacy-Systemen verfügbar zu machen und die geschäftskritischen Prozesse zu digitalisieren, ist es nicht möglich, den nächsten Schritt in weitere Automatisierung mit AI zu machen“, warnt Huynh. Sein Unternehmen verfolgt daher einen holistischen Ansatz zur Systemanalyse. Dabei werden technische, fachliche und organisatorische Daten zentral zusammengeführt, um eine „Single Source of Truth“ zu schaffen. Das Ziel ist es, fundierte Migrationsentscheidungen zu ermöglichen, ohne das laufende Tagesgeschäft zu gefährden.

Fazit

Der Markt hat sich von der euphorischen Gründungswelle hin zu einem stabilisierenden, technologiegetriebenen Bestandteil des Versicherungswesens gewandelt. Die Botschaft für Investoren ist klar: Das größte Potenzial liegt derzeit nicht in der Schaffung neuer Versicherungsmarken für den Endkunden. Diese Nische hat sich als kapitalintensiv und schwer skalierbar erwiesen.