„Nicht nur investieren, sondern transferieren“

Neujahrsgespräch mit Anne-Janine Freund (Impetuum)

Anne-Janine Freund (Impetuum)
Anne-Janine Freund (Impetuum)

Bildnachweis: Carolin Krekow, VentureCapital Magazin.

Der Jahresauftakt steht im Zeichen eines vorsichtigen, aber spürbaren Stimmungsumschwungs. Nach Jahren permanenter Krisenrhetorik und wirtschaftlicher Verwerfungen wächst in der Branche die Erwartung, dass sich die Märkte neu sortieren und wieder Raum für nachhaltiges Wachstum entsteht. Welche strukturellen Brüche die vergangenen Jahre offengelegt haben, welche Weichen jetzt gestellt werden und wo sich trotz aller Unsicherheiten neue Chancen auftun, analysieren Persönlichkeiten der Szene in unseren Neujahrsgesprächen. 

VC Magazin: Frau Freund, Impetuum arbeitet in Sachsen-Anhalt an Innovationsmanagement, Entrepreneurship und Technologietransfer. Wie ist der Stand der Dinge aktuell?

Freund: Das Potenzial ist eindeutig vorhanden. Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt haben ihre Third Mission längst weiterentwickelt und setzen klare Schwerpunkte auf Wissenstransfer und Gründungsförderung. Konzepte allein reichen jedoch nicht aus. Uns geht es als Tochtergesellschaft der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter anderem darum, Forschungsergebnisse tatsächlich in die Anwendung zu bringen. Dabei steht für uns nicht primär die Ausgründung im Vordergrund, sondern der Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft.

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Damit das gelingt, müssen Forschungsprojekte drei zentrale Kriterien erfüllen: ein relevantes Problem, ein klarer Anwendungsfall mit realistischer Pilotchance innerhalb von sechs bis zwölf Monaten und – nicht zu unterschätzen – ein echtes Team-Commitment für Transfer. Um diesen Prozess weiter zu stärken, pilotieren wir 2026 unter anderem neue Inkubator- und Accelerator-Programme in der Region.

VC Magazin: Sie öffnen den in der Szene etablierten Investforum Startup-Service und den Investforum Pitch-Day nun auch für Hochschulforschung. Wie bringen Sie Startup-Finanzierung und Forschungstransfer zusammen?

Freund: Der Kern unserer Aufgabe bei Impetuum ist immer die Innovation. Mit unseren Projekten und Dienstleistungen regen wir Innovation bei sehr unterschiedlichen Zielgruppen an, identifizieren sie und begleiten ihren Transfer. Deshalb sind Startup-Finanzierung und Forschung für uns keine zwei Welten, sondern eine.

Investoren möchten wir in diesem System noch stärker als Multiplikatoren und Katalysatoren positionieren. Das Motto lautet: nicht nur investieren, sondern transferieren. Neben der Unterstützung von Investoren und Startups bei nachhaltigen Finanzierungen bringen wir gezielt kuratierte, marktnahe Forschungsergebnisse über Investoren in die Verwertung. Der Mehrwert liegt auf der Hand: Investoren erweitern ihren Dealflow um sehr frühe Forschung, verkürzen die Tech-Scouting-Zeit und versorgen Portfolio-Startups mit neuen Technologiebausteinen. Das beschleunigt die Weiterentwicklung bestehender Beteiligungen und eröffnet Optionen für Folgeinvestments oder Spin-offs.

Gleichzeitig wird Forschung sichtbar und anschlussfähig – nicht nur für Kapital, sondern direkt für Anwendung in der Wirtschaft. Wir sehen frühzeitig Kooperations- und Entwicklungspartnerschaften entstehen, bauen Pilotprojekte auf und erhöhen die Chancen auf Ausgründungen oder Lizenzierungen.

VC Magazin: Wie sieht die Rolle der Investoren als Multiplikatoren konkret aus?

Freund: Nach dem ersten Kennenlernen folgen thematische Deep Dives, etwa in den Bereichen Health, Energy oder Agri, ergänzt durch Portfolio-Briefings und Matching-Sprints. Investoren spiegeln Bedarfe aus ihren Beteiligungen, stellen gezielt Kontakte her und testen gemeinsam mit uns Pilot-Integrationen. So wird aus einem Pitch ein konkreter Transferpfad.

VC Magazin: Welche Erfolge streben Sie 2026 an – und wünschen Sie sich vom VC‑Ökosystem in diesem Jahr?

Freund: Natürlich geben wir in unseren etablierten Projekten und Programmen wieder alles, um unternehmerisches Handeln und Innovationen zu fördern. Hier gilt es immer, mehr Menschen zu erreichen. Das neue Inkubatorenprogramm ist für uns jetzt schon ein Meilenstein für das Jahr, auf den wir mit Hochdruck hinarbeiten. Er soll sich insbesondere an Forschungs- und Entwicklungskonsortien richten und sie in der Erreichung ihrer Entwicklungsziele unterstützen. Wir bereiten zudem einen sich anschließenden Accelerator vor, um die Konsortien frühzeitig auf den Markt vorzubereiten und passende Partner zu finden. Funktionieren die Pilotprogramme, sind diese sicher auch auf andere Transferprozesse anwendbar.

Vom VC-Ökosystem wünsche ich mir vor allem Neugier auf „Research as Fuel“: offene Türen für Tech-Briefings in Portfolios, schnelle Kontaktbrücken zu Produkt- und Tech-Leads und die Bereitschaft, Pilotprojekte aktiv mit zu ermöglichen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Interviewpartnerin:
Anne-Janine Freund ist Geschäftsführerin der Impetuum GmbH in Halle (Saale) und verantwortet den Aufbau tragfähiger Brücken zwischen Wissenschaft, Startups und Kapital. Mit Fokus auf Skalierbarkeit und Verwertung begleitet Impetuum innovationsgetriebene Projekte von der Forschung bis zur investitionsreifen Marktanwendung.