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Impact und Bioökonomie sind derzeit keine Selbstläufer – bieten aber Chancen für antizyklische Investoren. Dr. Michael Brandkamp, ECBF Venture Capital, spricht über selektiveres Kapital, KI als Effizienztreiber in der Kreislaufwirtschaft sowie seine Erwartungen für nachhaltiges Venture Capital 2026.
VC Magazin: Sie haben im letzten Jahr acht Investments getätigt, und zwar in ein breites Feld an nachhaltigen Start-ups. Wie ist Ihr Portfolio derzeit aufgestellt, welche Schwerpunkte setzen Sie momentan?
Brandkamp: Unser Portfolio ist breit in der Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft aufgestellt. Wir analysieren einzelne Segmente sehr genau und investieren nicht entlang eines starren Technologiefokus, sondern gezielt in Unternehmen, die bereits zeigen, dass sie wirtschaftlich tragfähig sind – etwa durch solide Margen und einen klar nachgewiesenen Product-Market-Fit. Im Food- und Agrarbereich interessieren uns beispielsweise Innovationen rund um neue Züchtungen und leistungsfähigere Pflanzen; auch neue genetische Technologien können hier eine Rolle spielen. Daneben sehen wir Potenziale in der Tierproduktion, insbesondere dort, wo Verbesserungen sowohl das Tierwohl als auch eine nachhaltigere, qualitativ hochwertigere Produktion ermöglichen. Weitere Schwerpunkte liegen auf Smart- und Precision Farming sowie auf Foodtech, insbesondere im Bereich Ingredients – also verbesserten Vorprodukten, die gesündere und nachhaltigere Ernährung unterstützen. Nicht zuletzt steht Prozess- und Abfallmanagement weit oben auf unserer Agenda: Die Reduktion großer Abfallströme im Ernährungsbereich bleibt weiterhin ein zentrales Handlungsfeld.
VC Magazin: Wie bewerten Sie die Wahrnehmung von Impact-Themen und Nachhaltigkeit im aktuellen Marktumfeld?
Brandkamp: Wir sehen aktuell eine stabile Gruppe von Konsumenten und Multiplikatoren, die dem Thema Nachhaltigkeit treu bleibt und es weiterhin aktiv vorantreibt. Dieses Segment wächst derzeit weniger dynamisch als noch vor einigen Jahren, zeigt dafür aber eine hohe Verlässlichkeit und Wirkungstiefe. Gleichzeitig kommen neue Innovationen von Start-ups auf den Markt, was die Wettbewerbssituation erhöht und wiederum ein Zeichen dafür ist, dass sich die Märkte für Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft zunehmend professionalisieren. Für junge Unternehmen bedeutet das höhere Anforderungen, aber auch klarere Marktmechanismen. Parallel beobachten wir, dass Nachhaltigkeitsthemen in Phasen multipler Krisen kurzfristig weniger Aufmerksamkeit erhalten: Sie schließen sprichwörtlich die Augen und hoffen, dass es von selbst vorbeigeht. Unsere Erfahrung zeigt jedoch: Die zugrunde liegenden Herausforderungen bleiben bestehen und lassen sich nicht ausblenden. Entsprechend sind wir überzeugt, dass diese Märkte langfristig nicht nur zurückkehren, sondern strukturell an Bedeutung gewinnen und attraktive Entwicklungsmöglichkeiten bieten werden.
VC Magazin: Spüren Ihre Start-ups aktuell besondere Herausforderungen aufgrund ihres Impact-Fokus – was berichten Ihnen Ihre Gründer?
Brandkamp: Ja, die Herausforderungen sind spürbar gewachsen – vor allem, weil das Umfeld reifer und kompetitiver geworden ist. In der Finanzierung sehen wir, dass Wachstumsfinanzierungen anspruchsvoller zu strukturieren sind und die Bewertungen heute realistischer ausfallen als noch vor einigen Jahren. Das liegt auch daran, dass viele nicht spezialisierte Investoren sich aus dem Markt zurückgezogen haben. Übrig bleiben vor allem erfahrene, thematisch fokussierte Investoren, die selektiver agieren, dafür aber gezielt Mehrwert liefern können. Ein weiteres zentrales Thema ist Capex: Der Aufbau von industriellen Anlagen lässt sich nicht allein über Venture Capital finanzieren. Große Fabrikinvestitionen ausschließlich mit Wagniskapital zu finanzieren, ist strukturell nicht sinnvoll, da es für „Bricks and Stones“ nur begrenzt geeignet ist. Entsprechend braucht es neue Finanzierungsstrukturen – etwa eine stärkere Kombination aus Zuschüssen, Projektfinanzierungen oder innovativen Leasingmodellen. In solchen Set-ups kann Venture Capital weiterhin eine wichtige Rolle spielen, etwa mit 10% bis 20%, um Technologie, Skalierung und Markteintritt zu ermöglichen. Unternehmen, die diese Logiken früh verstehen und sauber umsetzen, sind aus unserer Sicht klar im Vorteil.
VC Magazin: Sie sind als Investor im Food- Segment aktiv – ein breites Feld von Extrusion über 3D-Druck bis Myzel-Fermentation. Welche dieser Technologien sehen Sie als am vielversprechendsten für skalierbare, marktführende Geschäftsmodelle?
Brandkamp: Wir legen uns nicht exklusiv auf eine bestimmte Technologie fest. Natürlich analysieren wir die Bereiche – Extrusion, 3D- Druck oder Fermentation – sehr genau. Entscheidend ist für uns jedoch, welche Unternehmen innerhalb dieser Segmente zeigen, dass sie wirtschaftlich tragfähig sind, also attraktive Margen erzielen und einen Product-Market-Fit nachweisen. Darüber hinaus schauen wir auf die großen Innovationsfelder in der Food- und Agrarinnovation: neue Crops, nachhaltigere Tierproduktion, Smart Farming, Ingredients und Abfallvermeidung. Das sind aus unserer Sicht die Bereiche, in denen sich skalierbare und marktführende Geschäftsmodelle entwickeln können.
VC Magazin: Wie sehen Sie den Bioökonomiesektor derzeit aufgestellt, welche Trends und Entwicklungen sollte man als Investor besonders im Blick haben?
Brandkamp: Wir sehen aktuell sehr gute Möglichkeiten, antizyklisch zu investieren. Der Bioökonomiesektor befindet sich in einer Art Dornröschenschlaf. Genau das eröffnet attraktive Einstiegsmöglichkeiten zu hochwertigen Targets, weil wir überzeugt sind, dass diese Themen strukturell wieder zurückkommen. Das ist nicht nur unsere Einschätzung – der Global Risks Report 2026 des World Economic Forum zeigt, dass Nachhaltigkeit kurzfristig weniger priorisiert wird, langfristig jedoch vier der fünf größten globalen Risiken einen klaren „grünen“ Bezug haben. Aus diesen Risiken entstehen konkrete Chancen. Viele große Unternehmen haben Nachhaltigkeit herunterpriorisiert und Innovationsprozesse verlangsamt. Wenn der regulatorische und gesellschaftliche Druck wieder zunimmt, werden sie Innovationen verstärkt von außen zukaufen müssen. Das schafft hervorragende Voraussetzungen für Start-ups – und damit auch für attraktive Exits.
VC Magazin: Welche Rolle ordnen Sie Künstlicher Intelligenz in der Kreislaufwirtschaft zu, wie wichtig ist KI für Sie bei Investmententscheidungen?
Brandkamp: Künstliche Intelligenz ist ein ganz wichtiger Treiber für Innovation. Wir bringen diese Instrumente gezielt in unseren Bioeconomy-Unternehmen zur Anwendung. Ein Beispiel ist unser Portfoliounternehmen Nuritas aus Irland: Dort wird KI eingesetzt, um in Nahrungsmitteln Proteine zu identifizieren, die besonders zur Gesundheit beitragen. Daraus lassen sich neue, hochwertige Nahrungsmittel entwickeln – unter anderem in Kooperationen mit großen Unternehmen wie Nestlé. Wir investieren dabei nicht „in KI“ als Selbstzweck, sondern in Geschäftsmodelle, in denen KI konkret Wertschöpfung ermöglicht. Gleichzeitig nutzen wir KI auch in unseren eigenen Prozessen – etwa zur effizienteren Dokumentation und um die Qualität von Entscheidungen zu verbessern.
VC Magazin: Welche Erwartungen haben Sie hinsichtlich der Marktentwicklung bei nachhaltigem Venture Capital für 2026?
Brandkamp: 2026 wird aus unserer Sicht ein Jahr, in dem wir sehr gezielt antizyklisch investieren können. Der Markt befindet in einer frühen Phase des Zyklus – und genau das eröffnet Chancen, sehr attraktive Unternehmen zu vernünftigen Konditionen zu finanzieren. Die Wettbewerbssituation hat sich deutlich entspannt: Es gibt weniger kurzfristig agierende Impact-Fonds, was Raum für qualitativ hochwertige Syndizierung und den Aufbau nachhaltiger Investment Cases eröffnet. Wenn die Themen Nachhaltigkeit und Bioökonomie in den kommenden Jahren wieder stärker in den Fokus rücken, kann sich daraus eine neue Exit-Dynamik entwickeln. Davon profitieren vor allem Investoren, die den Markt frühzeitig verstanden haben, langfristig positioniert sind und über die notwendige sektorale Expertise verfügen.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über den Interviewpartner:
Dr. Michael Brandkamp ist General Partner und einer der Gründer des ECBF. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung im Venture Capital-Bereich. Vor seiner Tätigkeit beim ECBF war er als Geschäftsführer beim High-Tech Gründerfonds und bei der tbg Technologie-Beteiligungsgesell- schaft tätig, wo er über 500 Start-up- Investitionen und fast 100 Exits leitete.




