„Ich spüre ein wachsendes Interesse an Europa“

Interview mit Adam Kostyál, Nasdaq Stockholm

Adam Kostyál, Nasdaq
Adam Kostyál, Nasdaq

Bildnachweis: Nasdaq.

Europas Kapitalmärkte stehen vor einem Comeback: Adam Kostyál, Präsident und Head of Listings EMEA der Nasdaq Stockholm, erklärt im Interview, warum IPOs und Bondmarkt 2026 an Dynamik gewinnen könnten, weshalb US-Investoren Europa neu entdecken – und wo Chancen jenseits von KI liegen.

VC Magazin: Herr Kostyál, die Aktienbörsen sind 2025 sehr gut gelaufen. Besteht in diesem Jahr überhaupt noch großer Spielraum nach oben?

Kostyál: In Europa wird gerade viel getan, um den Kapitalmarkt zu stärken, und global betrachtet überwiegt der Optimismus. Das wird letztlich auch auf Europa überschwappen. Weltweit erleben wir, dass die Aktienmärkte viel wichtiger werden für die Wachstumsfinanzierung der Unternehmen.

VC Magazin: Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Kostyál: Der Optimismus rührt beispielsweise daher, dass die Zinsen weltweit niedrig sind und tendenziell noch zurückgehen könnten – das sorgt in der Regel für neue Investments in innovative Märkte. Außerdem gibt es eine Tendenz hin zu weniger Regulierung der Kapitalmärkte. Und auch die milliardenschweren Private Equity-Fonds und die Venture Capital-Fonds brauchen die Börsen mehr denn je für ihre Exits, denn der Liquiditätsbedarf der institutionellen Investoren ist groß. Die Symbiose zwischen den Private Markets und den Börsen wird sich deshalb im laufenden Jahr weiter vertiefen. Wir werden zwar einerseits weiterhin Delistings sehen, bei denen Finanzinvestoren Firmen vom Kurszettel nehmen, auf der anderen Seite aber auch Börsengänge von Portfoliounternehmen der Beteiligungsfonds.

VC Magazin: Aber viel Kapital geht in nur wenige Themen, nämlich Künstliche Intelligenz
(KI) und Rüstung. Da hat Europa nicht so viel zu bieten wie etwa die USA …

Kostyál: Ich spüre ein wachsendes Interesse an Europa, auch von US-Investoren. Und die Europäer entdecken auch wieder die eigenen Börsen, von daher ist dort noch reichlich Potenzial vorhanden. KI ist sicher eine Domäne der Amerikaner, aber beispielsweise bei Healthcare und auch im Defence-Bereich können die Europäer durchaus mithalten. Die Healthcare-Unternehmen sind im Vergleich zu KI-Unternehmen derzeit oftmals niedriger bewertet; das gilt auch für viele spezielle Maschinenbauer. Außerdem gibt es noch die Unternehmen, die von den Infrastrukturprogrammen und den Investitionen im Energiebereich profitieren. Für erneuerbare Energien wird langfristig sehr viel Kapital benötigt. Zudem gibt es einen wachsenden Risikoappetit auf kleinere Werte, was Börsen wie der Nasdaq Europe zugutekommt.

VC Magazin: Dann können wir 2026 also unter dem Strich mehr Neuemissionen und Notierungsaufnahmen erwarten?

Kostyál: Wie gesagt, ich bin optimistisch. 2025 haben die Unternehmen bei 16 Initial Public Offerings (IPOs) an der Nasdaq Europe insgesamt 6,8 Mrd. EUR Kapital aufgenommen, hinzu kamen noch viele Listings. Nasdaq Europe – angeführt von Stockholm – erzielte rund 60% des gesamten in Europa aufgenommenen Kapitals durch eine Börse. Wir führen derzeit mit vielen Vorständen Gespräche über mögliche IPOs und Listings, auch mit Unternehmen und Start-ups aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir gute Dialoge.

VC Magazin: Was waren die Highlights im vergangenen Jahr?

Kostyál: Der Sicherheitsdienstleister Verisure war mit 3,7 Mrd. EUR das größte IPO in Europa seit drei Jahren und das mit der höchsten Marktkapitalisierung am ersten Handelstag seit 2017. Auch das Healthcare-Unternehmen Asker legte einen erfolgreichen Börsenstart hin. Aber viel Potenzial sehe ich auch beim Bondmarkt; das ist eine sehr spannende Entwicklung.

VC Magazin: Warum?

Kostyál: Bei den Unternehmens- und den High Yield-Anleihen sehen wir ein starkes Wachstum im Bereich von rund 20%. Im vergangenen Jahr haben wir die erste Verteidigungsanleihe emittiert und einen entsprechenden Defence-Rahmen implementiert, sodass wir noch mehr Neuzugänge in diesem stark wachsenden Markt erwarten können. Prominente Beispiele aus dem vergangenen Jahr waren übrigens DSI Holding (Dywidag) mit Sitz in München und Tier Mobility aus Berlin, die im Dezember am Nordic Bond-Markt zugelassen wurden.

VC Magazin: Stichwort Nachhaltigkeit – man hat den Eindruck, dass die ESG-Kriterien für Umweltverträglichkeit, Soziales und gute Governance nicht mehr so wichtig sind bei Börsengängen. Stimmt diese Einschätzung?

Kostyál: Ich glaube eher, dass das Thema nach wie vor wichtig ist, aber keine großartige Überregulierung in diesen Bereichen mehr stattfindet. Fest steht jedoch auch, dass wir uns beispielsweise beim Thema Energie in der Übergangsphase hin zu erneuerbaren Energien befinden – daran wird sich nichts ändern. Letztlich werden Risiken minimiert und die Wettbewerbsfähigkeit erhöht, wenn man das Thema Nachhaltigkeit angemessen adressiert.

VC Magazin: Wäre es nicht an der Zeit, die europäischen Börsen weiter zu konsolidieren, damit am Ende eine Europabörse ein Gegengewicht bilden kann zu den Handelsplätzen in den USA und in Asien?

Kostyál: Eine Börse ist aus meiner Sicht nicht die Lösung, aber wir müssen uns besser vernetzen. Statt Fusionen sind mehr regionale Kooperationen nötig. Bei der Abwicklung der Aufträge gibt es dagegen sicher noch Spielraum für mehr Konsolidierung.

VC Magazin: Die geopolitischen Risiken sind erheblich – ist das nicht die größte Gefahr 2026 für eine Baisse?

Kostyál: Unsicherheit auf dem Markt ist etwas, woran wir uns gewöhnt haben. Die Aktienmärkte waren in der ersten Hälfte des letzten Jahres volatil, erholten sich jedoch schnell, insbesondere der schwedische Aktienmarkt, wo die IPO-Aktivitäten deutlich anzogen. Es gibt einen Gewöhnungseffekt bei den politischen Risiken. Und die Politiker in Europa setzen immer stärker auf Aktiensparen zur Altersvorsorge. Schließlich liegen in Europa schätzungsweise 9,4 Bio. EUR auf Girokonten oder niedrig verzinsten Sparkonten. Die Anleger haben auch gelernt, dass Timing am Aktienmarkt schwierig ist, weil man nie den optimalen Einstiegs- und Ausstiegszeitpunkt trifft. Daher bleiben immer mehr Investoren langfristig investiert, was zur Stabilität der Börsen beiträgt.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Interviewpartner:

Adam Kostyál ist Präsident und Head of Listings und Corporate Services für EMEA an der Nasdaq Stockholm. Er ist seit 2001 an der Nasdaq Stockholm tätig, hat an der Vrije Universiteit Brussel studiert und spricht vier Sprachen fließend.