Bildnachweis: UnternehmerTUM GmbH.
Anlässlich des MSC Hub 2026, den UnternehmerTUM und TUM Venture Labs im Umfeld der Münchner Sicherheitskonferenz veranstalten, spricht CEO Prof. Dr. Helmut Schönenberger über Skalierungschancen in Cybersecurity, New Space, Defence und Life Sciences, den Kapitalbedarf von Deeptech-Scale-ups und die Rolle von KI für europäische Marktführer.
VC Magazin: UnternehmerTUM und TUM Venture Labs veranstalten im Rahmen der. Münchner Sicherheitskonferenz den MSC Hub 2026. Im Fokus stehen Themenbereiche wie New Space, Cybersecurity, Defence und Life Sciences. Wo sehen Sie aktuell die größten Skalierungschancen?
Schönenberger: Die größten Skalierungschancen sehe ich aktuell dort, wo Sicherheits- und Resilienzbedarfe auf Märkte treffen und Technologien bereits eine hohe Reife erreicht haben: Cybersecurity, duale Technologien mit ziviler und verteidigungsnaher Nutzung, New Space mit konkreten Anwendungen wie Erdbeobachtung, Kommunikation oder Navigation sowie Life Sciences an der Schnittstelle zu Daten. Hinzu kommen breite Effizienz- und Automatisierungspotenziale durch Künstliche Intelligenz in nahezu allen Industrien.
VC Magazin: In welchen Industrien hinkt Deutschland trotz starker Forschung noch hinterher?
Schönenberger: Trotz exzellenter Forschung – auch mit positiven Impulsen durch Initiativen der Hightech Agenda – hinkt Deutschland vor allem in der Kommerzialisierung und Skalierung hinterher. In den Bereichen Defence und duale Innovationen liegt das weniger an Ideen als an langsamen Beschaffungsprozessen, fehlenden Testfeldern und mangelnder Planbarkeit von Abnahmen. In Biotech und Medtech bremsen zu wenig Wachstumskapital, lange regulatorische Wege und fehlende skalierbare Go-to-Market-Strukturen. In Halbleitern, Photonik und quantennahen Technologien sind wir stark in Forschung und Komponenten, aber schwächer beim Aufbau globaler Plattformen. Ähnliches gilt für kritische KI- und Softwareplattformen: starke Nischen, aber zu selten globale Champions.
VC Magazin: In einem gemeinsamen Whitepaper mit der Joachim Herz Stiftung fordern Sie mehr Kapital für Deeptech-Scale-ups. Kann der Deutschlandfonds aus Ihrer Sicht hier ein neuer Treiber sein oder wie sollte aus Ihrer Sicht Kapital generiert werden?
Schönenberger: Der Deutschlandfonds kann ein wichtiger Hebel sein, wenn er das adressiert, was im Markt aktuell am meisten fehlt: große Tickets, Geschwindigkeit und intelligente Risikoteilung in der Wachstumsphase. Deeptech skaliert später, kapitalintensiver und häufig stärker reguliert. Dafür braucht es deutlich mehr Growth Capital in Series B-, C- und späteren Runden – auch von institutionellen Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungen. Staatliches Kapital sollte dabei als Hebel wirken, nicht als Ersatz: etwa als professionell gemanagter Ankerinvestor mit klaren Renditezielen, um privates Kapital zu mobilisieren. Ergänzend können Garantien oder First-Loss-Modelle helfen, institutionelle Investoren einzubinden. Entscheidend sind zudem bessere Exit-Pfade in Europa und Anreize, Gewinne wieder in Innovation zu reinvestieren. Ein einzelnes Instrument reicht nicht – aber ein richtig konzipierter Deutschlandfonds kann Skalierung real finanzierbar machen.
VC Magazin: Welche sektorübergreifenden Innovationen haben aus Ihrer Sicht das größte Potenzial, neue europäische Marktführer hervorzubringen? Welche Rolle spielt dabei Künstliche Intelligenz?
Schönenberger: Großes Potenzial liegt in Innovationen, die mehrere Branchen gleichzeitig transformieren und neue Plattformen schaffen. Dazu zählen KI in Industrie, Robotik und Automatisierung, Cybersecurity in Verbindung mit kritischen Infrastrukturen, daten- und KI-getriebene Ansätze in Health und Life Sciences sowie New Space als Dateninfrastruktur für Klima, Landwirtschaft, Logistik und Sicherheit. Auch Energie- und Materialinnovationen im Climatetech-Bereich sind zentral. KI wirkt dabei als ein Beschleuniger und Plattformfaktor. Sie entscheidet zunehmend über Geschwindigkeit, Kosten, Qualität und Differenzierung. Europäische Marktführer entstehen dort, wo KI mit tiefem Domänenwissen, Datenzugang und industrieller Umsetzung kombiniert wird.
VC Magazin: Sie haben selbst Luft- und Raumfahrttechnologie studiert. New Space kommerzialisiert die Raumfahrt, München zählt in diesem Feld zu den Top-Standorten. Wie sehen Sie die deutschen New Space-Start-ups im internationalen Vergleich?
Schönenberger: Deutschland – und insbesondere München – ist international sehr stark im New Space-Ökosystem. Die Stärken liegen in Engineering-Tiefe, Zuverlässigkeit, spezialisierten Komponenten sowie Erdbeobachtungs- und Downstream-Anwendungen. Die Nähe zu Forschung und starken Industriepartnern ist ein klarer Vorteil. Die größten Herausforderungen bleiben Skalierungsgeschwindigkeit und Kapitalvolumen. In den USA wird früher und größer finanziert; zudem ist staatliche Nachfrage oft schneller und planbarer. Gleichzeitig wächst in Europa der Bedarf an souveränen Fähigkeiten in Kommunikation, Lagebild und Resilienz. Wenn wir schneller pilotieren, abnehmen und in Serie gehen, können deutsche New Space-Start-ups international deutlich mehr Gewicht bekommen.
VC Magazin: Wie muss sich das Zusammenspiel zwischen Universitäten, Mittelstand und Start-ups ändern?
Schönenberger: Viele Start-ups scheitern nicht an der Technologie, sondern an zu langsamem Marktzugang. Dafür braucht es ein systematisches Zusammenspiel „vom Lab in den globalen Markt“. Industriepartner sollten früher echte Anwendungsfälle ermöglichen – mit klaren Entscheidungswegen und realen Daten. Staatliche Beschaffung muss schneller, standardisierter und skalierbarer werden. Wichtig sind zudem Testfelder und Reallabore, gerade in regulierten Bereichen, sowie gemischte Teams aus Forschung, Start-up und Mittelstand. Unternehmerische Karrierepfade an Hochschulen sollten stärker anerkannt werden. Entscheidend sind langfristige Partnerschaften statt einzelner Pilotprojekte – denn Scale-ups brauchen planbare Roadmaps, Abnahmen und wiederholbares Geschäft. Wenn diese Schnittstellen besser funktionieren, wird aus exzellenter Forschung deutlich häufiger globale Wertschöpfung in Europa.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über den Interviewpartner:
Prof. Dr. Helmut Schönenberger ist Geschäftsführer von UnternehmerTUM sowie Honorarprofessor und Vice President Entrepreneurship an der Technischen Universität München.




