„Wir agieren nicht als Beobachter, sondern als aktive Brückenbauer“

Interview mit Henrike Luszick, Bridgemaker, Florian Nöll, PwC Deutschland, und Michael Janßen, Segenia Capital

PwC Deutschland, Bridgemaker und Segenia Capital haben das gemeinsame Venture Studio Resilience & Defence Technology gestartet. Der Inkubationsraum soll Expertise, Marktzugang und Kapital für Technologien rund um die Themen Dual Use, Resilienz und Schutz kritischer Infrastruktur bieten.

 

VC Magazin: Defencetech erlebt aktuell einen Aufschwung und breite Akzeptanz bei den Fonds. Was gab den Anstoß für PwC, Bridgemaker und Segenia Capital, ein Venture Studio für Resilienz- und Verteidigungstechnologien ins Leben zu rufen, und wie sind Ihre Rollen bei dem gemeinsamen Projekt verteilt?

Nöll: Sicherheit ist die Basis für ökonomische Stabilität. Mit dem Venture Studio bieten wir einen hoch effizienten Inkubationsraum, der Tech-Innovationen mit den komplexen Anforderungen des öffentlichen Sektors und der nationalen Sicherheit harmonisiert. PwC-seitig bringen wir dabei insbesondere unsere Expertise bei der Entwicklung und Umsetzung von Innovations- sowie Corporate Venturing-Strategien ein. Durch unser tiefes Branchen-Know-how ist es uns möglich, relevante Themenfelder zu erschließen sowie nachhaltige Geschäftsmodelle zu entwickeln und diese bereits in der Entstehungsphase zu validieren.

Luszick: Bridgemaker verantwortet den operativen Aufbau der neuen Unternehmen. Dabei zeichnet uns unser strukturierter Venture Building-Ansatz aus, den wir jetzt gezielt in den Defence- und Resilience-Bereich bringen: Wir testen Geschäftsmodelle frühzeitig und systematisch auf ihre Skalierbarkeit, Investierbarkeit und Resilienz, bevor zu viel Kapital geflossen ist. Wir bauen keine kurzlebigen Start-ups, sondern die technologischen Champions für Europas Sicherheit von morgen.

Janßen: Segenia Capital übernimmt die Verwaltung des Fonds, das professionelle Portfoliomanagement, die Kapitalallokation sowie die Koordination mit den Limited Partners. Dabei bringen wir unsere langjährige Erfahrung im Corporate Venture Capital-Markt ein und das Wissen über die Anforderungen strategischer Investoren.

VC Magazin: Der Fonds wird im Dual Track-Ansatz operieren. Wie viele Investments sind geplant – und sind bereits erste Ideen in der Pipeline?

Janßen: Unser Investitionsansatz verbindet die Finanzierung neu entstehender Unternehmen mit gezielten Direktinvestitionen in externe Start-ups, die komplementäre sicherheitsrelevante Technologien entwickeln. Dabei streben wir ein Gesamtportfolio von circa zwölf bis 16 Ventures an. Die genaue Verteilung zwischen Aufbau neuer Ventures und Direktinvestitionen in bestehende Lösungen wird in der Umsetzung stark von den definierten Problem- und Wachstumsfeldern sowie dem aktuellen Marktumfeld abhängen.

Nöll: Sowohl beim Aufbau neuer Unternehmen als auch bei Investitionen in vorhandene Start-ups orientieren wir uns an den Bedürfnissen unserer Investoren. Darüber hinaus haben wir durch unsere Aktivitäten im PwC-Netzwerk, beispielsweise unser europäisches Start-up-Programm „Scale Defence and Resilience Tech“, für das wir bereits rund 1.000 Start-ups in Europa gescoutet haben, eine starke Pipeline vielversprechender Unternehmen aufgebaut.

VC Magazin: Welche Gründer möchten Sie mit dem Venture Studio ansprechen, und welche Vorteile bringen Sie für die Gründer mit?

Janßen: Wir richten uns an Early Stage-Gründer in der Pre-Seed- und Seed-Phase, die sicherheitsrelevante Technologien mit echtem Dual Use-Potenzial entwickeln – vorwiegend aus dem DACH-Raum und der EU. Statt uns auf wenige Technologiefelder festzulegen, bleiben wir bewusst opportu-nistisch: Entscheidend ist, ob eine Lösung in kritischen Märkten wirksam skaliert werden kann.

Nöll: Unser oberstes Ziel ist es, sicherheitskritische Innovationen schnell und robust zur Anwendung zu bringen. Dafür erhalten Gründer von uns ein umfassend validiertes Start-up-Konzept sowie Zugang zu den Industrie- und Innovationsnetzwerken von PwC, Bridgemaker, Segenia und der LPs. Darüber hinaus stellen wir eine Anschubfinanzierung bereit und schaffen eine Equity-Struktur, die „investor-ready“ ist. Gründer können sich so voll und ganz auf die Entwicklung ihrer Technologien konzentrieren, ohne sich mit grundlegenden Strukturierungsfragen befassen zu müssen. Und schließlich erhalten sie als Teil unseres Portfolios Zugang zu weiteren Investoren und besonderen Wachstumshebeln, die entscheidend für die Skalierung des Unternehmens sind, wie etwa Markt-Know-how, Unterstützung bei Zertifizierungen und langen Einkaufsprozessen. So sind die Gründer nicht nur am Anfang gut aufgestellt, sondern können auch langfristig erfolgreich in einem herausfordernden Umfeld navigieren.

VC Magazin: Defence-Technologien bewegen sich im Spannungsfeld zwischen sicherheitspolitischen Interessen, Regulierung und Kapitalmarktlogik. Wie bringen Sie strategische und finanzielle Rendite in Einklang?

Janßen: Mit unserem Venture Studio bieten wir den Raum, technologische Souveränität mit wirtschaftlicher Skalierbarkeit zu vereinen. Wir haben die Fondsstruktur bewusst so aufgesetzt, dass ausgewählte, geeignete LPs sich neben Kapital auch strategisch einbringen können – passend zu den besonderen Dynamiken in den Bereichen Verteidigung und Resilienz. Der entscheidende Gedanke dahinter: Strategischer und finanzieller Return beflügeln sich gegenseitig. Wer Marktzugang und Validierung mitbringt, beschleunigt die Unternehmensentwicklung – und das zahlt direkt auf die Rendite ein.

VC Magazin: Investitionen in Defencetech gehen einher mit der Frage nach dem Zugang zum Endkunden und nach der Exit-Strategie des Investors. Wie sehen Sie sich in diesen beiden Punkten aufgestellt, was macht das Venture Studio anders?

Luszick: Defencetech hat ein strukturelles Problem: Zwischen technologischer Exzellenz und realem Einsatz liegt eine tiefe Lücke aus langen Beschaffungszyklen, Zertifizierungsanforderungen und komplexen Stakeholder-Strukturen. Unser Venture Studio setzt genau hier an: Wir agieren nicht als Beobachter, sondern als aktive Brückenbauer. Unsere strategischen Partner und LPs bringen unmittelbaren Zugang zu kritischen Märkten, konkreten Anwendungsfällen und Entscheidungsträgern. Das bedeutet: Ventures aus unserem Studio bekommen vom ersten Tag an Kundenzugang, den andere erst mühsam aufbauen müssen. Und weil Dual Use-Technologien in zivilen wie militärischen Märkten Wirkung entfalten, entstehen Unternehmen mit breitem Marktpotenzial, die nicht nur operativ stark, sondern auch für strategische Käufer attraktiv sind.

Nöll: Mit Blick auf die Exit-Strategien verfolgen wir einen flexiblen Ansatz. Unser Ziel ist es, Mehrwert zu schaffen und Unternehmen aufzubauen, die entweder eigenständig erfolgreich wachsen können oder für strategische Übernahmen attraktiv sind. Wir evaluieren kontinuierlich den Markt und berücksichtigen dabei insbesondere auch mögliche Börsengänge als starken Exit-Kanal, um die Innovationskraft von Deutschland und Europa zu sichern.

Janßen: Aus Investorenperspektive gilt: Was für einen strategischen LP interessant zu finanzieren ist, ist für andere Strategen interessant zu kaufen. Dieser Kreislauf ist kein Zufall, sondern Teil unserer Fondslogik.

VC Magazin: Wie sehen Sie Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb um sicherheitsrelevante Technologien aufgestellt?

Nöll: Ich denke, die Zahlen lassen sich nicht beschönigen: Wir haben in den letzten vier Jahren einen Anstieg um 69% bei Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur in Europa zu verzeichnen. Gleichzeitig ist die EU in hohem Maße von Nicht-EU-Ländern abhängig da fast 78% aller Verteidigungsgüter von externen Lieferanten, vor allem aus den USA, bezogen werden. Dabei ist Europas Innovationspotenzial im Defence-Bereich gewaltig: Wir haben das Know-how, und unser Ruf in der Ingenieurskunst ist weiterhin exzellent.

Luszick: Das eigentliche Problem liegt nicht beim Talent, sondern beim Weg vom Labor in den Markt: Lange Beschaffungszyklen, kleinteilige Regulatorik und fehlende Brücken zwischen Forschung und Anwendung kosten uns Zeit, die wir im aktuellen geopolitischen Umfeld nicht haben. Genau das ist der Hebel des Venture Studios: Wir verkürzen den Weg von der Idee zum einsatzfähigen Unternehmen. Wer heute in Europa nicht systematisch in Defence- und Resilienztechnologien investiert, übergibt diese strategische Zukunftsbranche anderen. Das ist keine Option.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über die Interviewpartner: 

Florian Nöll ist Partner und Global Venturing & EMEA Startups, Scaleups Leader bei PwC Deutschland. Er ist Experte für Corporate Innovation, die digitale Wirtschaft und Start-ups sowie Brückenbauer zwischen Technologiegründungen und etablierten Unternehmen. Er berät Familienunternehmer, Geschäftsführer und Vorstände aus Industrie und Mittelstand und hilft ihnen dabei, ihre Geschäftsmodelle in die Zukunft zu überführen.

Henrike Luszick ist Gründerin und CEO von Bridgemaker, Europas führendem Corporate Venture Builder. Als Expertin für den operativen Aufbau neuer Geschäftsmodelle befähigt sie etablierte Unternehmen, skalierbare und resiliente Start-ups aus ihrer eigenen Substanz heraus zu entwickeln. Mit Bridgemaker verantwortet sie die Umsetzung von der ersten Idee bis zur Marktreife und agiert dabei als unternehmerische Co-Investorin.

Michael Janßen ist Unternehmer und Investor mit über 30 Jahren Erfahrung in den Bereichen Technologie und Innovation. Als General Partner bei Segenia Capital verantwortet er der Aufbau transatlantischer Investitions- und Partnerschaftsbeziehungen. Er war Mitgründer und CFO der Brokat AG (NASDAQ-Listing, 1.400 Mitarbeitende), anschließend Venture Partner bei Mangrove Capital Partners (Frühinvestor in Skype) und lebte vor 2009 bis 2017 als Investor und Brückenbauer im Silicon Valley.