In Europa galten Defence-Tech-Start-ups lange als Nischenphänomen, Investitionen in diesem Bereich als reputatives Minenfeld. Heute ist „Defence, Security & Resilience“ (DSR) geopolitisch getrieben, gesellschaftlich akzeptiert und damit investierbar. Weitgehender Konsens herrscht dahin gehend, dass das strukturell besondere Segment Renditepotenzial bietet und strategisch wichtige Bausteine für die Stabilität Europas liefert.
Der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 bewirkte in Deutschland ein kafkaeskes Erwachen aus unruhigen Träumen: Die Vorstellung, militärische Machtpolitik gehöre der Vergangenheit an, ist zerbrochen. Die geopolitischen Entwicklungen verstärken die Forderung nach einer eigenständigeren europäischen Sicherheitsarchitektur zusätzlich. Aufrüstung erscheint in diesem Licht nicht mehr als Tabubruch, sondern als nüchterne Konsequenz. So nimmt die Bundesrepublik bei den Verteidigungsausgaben bereits seit 2024 eine Spitzenposition im europäischen Vergleich ein. Für das laufende Jahr sind staatliche Investitionen aus Wehretat plus Sondervermögen von rund 108 Mrd. EUR geplant. Bis zum Jahr 2029 soll der deutsche Verteidigungshaushalt auf jährlich 153 Mrd. EUR anwachsen. Diese Dynamik macht sich auch im Innovationsökosystem bemerkbar: Gemäß Startup Monitor 2025 sind die Investitionen in junge Defencetech-Unternehmen hierzulande von 1,3 Mio. EUR (2020) allein in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 auf knapp 890 Mio. EUR gestiegen. Fast ein Viertel (24,1%) der befragten Start-ups gab an, dass ihre Lösungen sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind (Dual Use).
Dual Use – Mehr als ein Investorennarrativ
Schlüssel für Europas technologische Souveränität sind KI, Halbleiter, Cybersicherheit, Weltrauminfrastruktur sowie unbemannte Systeme. Strategische Abhängigkeiten bestehen insbesondere bei Hochleistungschips, Cloud-Infrastruktur und Satellitenkommunikation – hier stammen die Anbieter bisher primar aus den USA oder Asien. „In rasantem Tempo hat die geopolitische Lage die Logik militärischer Stärke verschoben: Technologien sind selbst zu Elementen glaubwürdiger Abschreckung geworden. Start-ups rücken dadurch vom Rand ins Zentrum sicherheitsrelevanter Innovation“, erklärt Prof. Dr. Rafaela Kraus, Professorin an der Universität der Bundeswehr München. „Natürlich ist die Truppe als Kunde speziell: Bisher galten lange Beschaffungszyklen, komplexe Vergaberegeln und eingeschränkter Zugang zu sensiblen Daten. Unsere strategische Aufgabe besteht nun darin, Innovationsgeschwindigkeit systemisch einzubauen, ohne die Versorgung mit hohen Stückzahlen zu unterminieren.“ Das Beschaffungsbeschleunigungsgesetz und das gerade eröffnete Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding sind Schritte auf diesem Weg. „Testzugänge und Experimentierräume sind wichtig. Trotzdem ist der erforderliche Kulturwandel nicht zu unterschätzen“, warnt die Wirtschaftswissenschaftlerin. „Jahrzehntelang wurden in der Bundeswehr Vorsicht und Fehlervermeidung belohnt, Experimente und Innovation dagegen kaum. Systemische Langsamkeit liegt nicht nur an fehlender Ausrüstung, sondern vor allem an der Umsetzungskultur in den Behörden.“ Dual Use ist aus ihrer Sicht vor allem eine Marktstrategie. „Viele Technologien – vom Sensor bis zur Drohne – lassen sich zivil wie militärisch einsetzen. Ob sich eine Zweigleisigkeit rechnet, ist im Einzelfall zu prüfen. Der Verteidigungsmarkt wächst zwar dynamisch, bleibt jedoch kleiner und regulatorisch komplexer als etwa der Automobilmarkt.“
Sicherheit und Resilienz sind Grundlage wirtschaftlicher Stabilität
„Defence, Security & Resilience“ gehören heute zusammen, was Verteidigung zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe macht. Es geht um die Rekonstitution der Bundeswehr, aber auch um den Schutz von Infrastruktur und Kommunikationsnetzen als Basis einer resilienten Gesellschaft. „Resilienz ist Europas neue Währung und das Leitmotiv der kommenden Jahre. Förderbanken finanzieren Infrastruktur, Technologie und Innovationskraft, die Europas Widerstandsfähigkeit sichern“, sagt Christoph Büth, Leiter des Bereichs Eigenkapitalfinanzierungen der NRW.Bank. Als erste deutsche Landesförderbank hat das Institut gerade das „Cooperation Framework for Security and Defence“ unterzeichnet. Die europäische Initiative zielt auf einen Schulterschluss nationaler Förderbanken bei der Finanzierung sicherheitsrelevanter Technologie- und Industrieprojekte. Auf regionaler Ebene unterstützt die Bank zum Beispiel den DefenseTech-Inkubator.NRW. „Wir fördern gezielt Austausch und Kooperationen von relevanten Start-ups, Industrie und Forschung – häufig auch bei Triple Use-Anwendungen mit zusätzlicher Bedeutung für Daseinsvorsorge und Heimatschutz“, so Büth. Zudem eröffnen sich strukturpolitische Chancen: Kompetenzen aus klassischen Industrien – etwa aus der automobilen Lieferkette mit ihrer starken Metallbearbeitung, Systemintegration und Fertigungskompetenz – lassen sich in neue sicherheitsrelevante Technologien überführen. Damit kann Defencetech nicht nur Innovationen beschleunigen, sondern auch Beschäftigung stabilisieren und die industrielle Wertschöpfung neu beleben. Büth: „Unser Beteiligungsansatz ist langfristig, erfordert dennoch klare Exit-Perspektiven – gerade in diesem Bereich, wo geopolitische Restriktionen und außenwirtschaftsrechtliche Faktoren Grenzen setzen. Entscheidend für Start-ups ist daher nicht nur technologische Exzellenz, sondern auch ein tragfähiger Entwicklungspfad innerhalb eines Verteidigungsökosystems, das in Deutschland inzwischen weit über die sogenannten Primes, also klassische Rüstungshersteller wie Airbus Defence and Space, Diehl Defence, Hensoldt, KNDS und Rheinmetall, hinausreicht.“
Internationale Risikokapitalgeber treiben Dynamik an
Exemplarisch für die rasante Entwicklung steht die neue Generation von Defencetech-Unternehmen, zu der etwa Arx Robotics, Helsing, Quantum Systems und Stark Defence gehören. Innerhalb weniger Jahre seit Gründung haben sie Milliarden an Venture Capital eingeworben, millionenschwere Aufträge gewonnen und teilweise bereits den Kapitalmarkt im Blick. „Investoren bietet der aktuelle Technologiesprung die Chance, skalierbar in eine bislang stark regulierte Branche vorzustoßen. Dual Use-Modelle schlagen dabei die Brücke zur Venture-Logik: Zivile Märkte finanzieren die Skalierung, Staaten werden zu strategischen Großkunden. Gleichzeitig verschiebt sich der Engpass moderner Verteidigungssysteme vom Menschen zu Hardware und Software; zu Technologien, die sich planbar entwickeln und finanzieren lassen. Defencetech ist damit weniger klassisches Rüstungsgeschäft als ein investierbarer Deeptech-Sektor mit dualer Kommerzialisierung und langfristigem Wachstumspotenzial“, berichtet Max Wagner, Director der Frankfurter M&A-Boutique Grossgate. „Das ist kein Hype, sondern ein geopolitisch getriebener Nachholeffekt, den erfahrene Unternehmer – teils aus dem ehemaligen E-Commerce-Segment – mit erheblichem Risikokapital opportunistisch nutzen.“ Laut Analysedienst Dealroom erreichen Venture Capital-Investitionen in Defencetech-Start-ups in Europa aktuell ein Rekordniveau: Für das Gesamtjahr 2025 wird mit rund 2 Mrd. EUR gerechnet – fast doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Dabei ist Deutschland der Markt mit dem stärksten Wachstum. Nach Einschätzung der KfW sind rund 30% der deutschen Venture Capital-Investoren bereits in diesem Sektor aktiv. „Ein erheblicher Teil des Kapitals stammt von US-amerikanischen Venture Capital-Fonds – darunter Investoren wie Lightspeed Venture Partners und Accel, aber auch Peter Thiel“, erklärt Wag ner. „Während EU und Deutschland mit Programmen und Sondervermögen vor allem die Produktentwicklung antreiben und für erste Umsätze sorgen, finanzieren Risikokapitalgeber Technologien und Skalierung, unabhängig davon, wie sich geopolitische Konflikte kurzfristig entwickeln. Auch werden Investitionen zunehmend strategisch genutzt, um Talente und operative Fähigkeiten zu gewinnen – ein Ansatz, den Konzerne wie Rheinmetall inzwischen mit eigenem M&A-Team systematisch verfolgen.“
Sektor unterliegt eigener Exit-Logik
Einen Venture Capital-Fonds nur für Defence-Start-ups plant die Hamburger Investmentfirma Digital Transformation Capital Partners (DTCP) unter dem Arbeitstitel „Project Liberty“. Das Anker-Closing liegt bei 320 Mio., das Zielvolumen bei 500 Mio. EUR. Damit wäre er der größte Fonds seiner Art in Europa. Mit unserem frühen Investment in Quantum Systems haben wir erkannt: Während die private Wirtschaft ihre digitale Transformation in rund zehn Jahren größtenteils abgeschlossen hat, steht der Verteidigungssektor infrastrukturell und technologisch noch am Anfang. Das verfügbare Zeitfenster zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Europas mittels neuer digitaler Technologien beträgt hier aber nur maximal fünf Jahre“, erklärt Thomas Preuss, Managing Partner von DTCP. Deutliche Unterschiede bestehen zum klassischen Software-Markt: „Indem der Zugang zu den wenigen Endkunden über etablierte Primes läuft, ist eine Partner-first-Strategie für junge Unternehmen erfolgversprechender als ein Disruptionsansatz – Defencetech-Start-ups werden in der Regel keinen großen Rüstungsanbieter aus dem Markt drängen, sondern ihre Technologie in bestehende Plattformen und Wert-schöpfungsketten integrieren müssen.“ Für Investoren bieten sich im Wesentlichen drei Ausstiegspfade: strategische Verkäufe an Industriepartner, Private Equity-Investments aufgrund stabiler Cashflows und attraktiver Margen sowie perspektivisch Börsengänge der Neo-Primes, die selbst zu Plattformen für M&A werden und einen öffentlichen Kapitalmarkt für Defencetech prägen. Grundsätzlich orientiere sich die Szene zunehmend an Modellen aus den USA und Israel, wo Venture Capital, Militär und Tech-Ökosysteme eng verzahnt sind. Preuss: „Militärisch getriebene Basisinnovationen haben das Silicon Valley und Israels Cybersektor hervorgebracht. Mit steigenden Verteidigungsbudgets hat auch Europa die Chance, aus Defencetech-Innovationen neue globale Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln.“
Marktnormalisierung erwartbar
Claus von Hermann, Managing Partner der Private Equity-Gesellschaft Triton, rechnet absehbar mit einer Normalisierung im Marktgeschehen. „Als wir 2020 bei Renk investierten, galt Defence noch als Randthema. Heute herrscht dagegen fast Goldgräberstimmung: Wir sehen Bewertungen von 20- bis 25-fachen EBITDA-Multiples, die nicht allesamt fundamental getrieben sind. Eine Korrektur ist deshalb zu erwarten.“ Die Renk-Beteiligung ist wieder veräußert. In der Zwischenzeit ist Deutschland laut Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri zum viertgrößten Rüstungsexporteur der Welt aufgestiegen. Fast ein Viertel dieser Exporte entfällt auf die Unterstützung der Ukraine. Spätestens bei diesem Gedanken trübt sich die Freude an der Entwicklung des speziellen Marktsegments. Dabei wird die Branche aktuell von zwei Entwicklungen überrollt: Zum einen bremst die operative Realität die Skalierung: Unternehmen wie Renk arbeiten daran, ihre Produktion deutlich auszuweiten, um die enormen Bestellungen zu bewältigen – doch anders als in hoch automatisierten Industrien lässt sich die Fertigung komplexer Verteidigungsprodukte nicht beliebig beschleunigen, da noch viele Arbeitsschritte manuell erfolgen“, so von Hermann. „Zum anderen ist die Nachfrage endlich: Sobald die staatlichen Beschaffungsprogramme erfüllt sind, wird die Dynamik der Neubestellungen abflachen und das Ersatzteil- und Servicegeschäft mit ganz anderen Wachstums- und Margenprofilen stärker in den Vordergrund treten.“ Für ihn steht fest: Die sicherheits-politische Zeitenwende wird strukturell Bestand haben. Wenn sich die geopolitischen Spannungen aber hoffentlich bald abschwächen, bieten Dual Use-Geschäftsmodelle langfristig stabilere Perspektiven und somit die resilientere Investmentlogik.




