Bildnachweis: ifo Institut .
Deutschland verfügt über eine starke industrielle Basis und hat in den vergangenen Jahren auch bei Innovationen aufgeholt. Damit daraus nachhaltige Wachstumsimpulse entstehen, rücken Start-ups und Venture Capital zunehmend in den Fokus. ifo-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest zeigt auf, wo Chancen liegen und welche Hebel jetzt wirken können.
VC Magazin: Deutschland möchte als Innovationsstandort glänzen – die Wirtschaft steht allerdings vor vielen Herausforderungen, die Bürokratisierung hemmt Innovationen. Wie schätzen Sie den Innovationsstandort Deutschland ein?
Fuest: Der Innovationsstandort Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren durchaus verbessert. Wir kommen aus einer Phase, in der vergleichsweise wenig passiert ist – insbesondere bei Neugründungen. Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland grundsätzlich stark, vor allem aufgrund seiner industriellen Basis. Die Industrie ist per se innovationsintensiv: Es wird viel in Forschung und Entwicklung investiert, Patente entstehen, und hier haben wir traditionell eine hohe Kompetenz. Die Betonung liegt allerdings auf „traditionell“. Deutschland ist stark in klassischen Industrien, weniger jedoch in den wachstumsstarken Bereichen der vergangenen Jahre – insbesondere in der Digitalisierung. Genau dort entstehen aktuell die entscheidenden Innovationen. Hier hat Deutschland Nachholbedarf.
VC Magazin: Welche Bedeutung messen Sie Start-ups und Venture Capital beim Blick auf die gesamtwirtschaftliche Lage Deutschlands bei?
Fuest: Start-ups sind ein zentraler Treiber von Innovation, vor allem bei neuen, nicht etablierten Technologien. Das Problem in Deutschland und Europa ist, dass wir kaum Unternehmen haben, die in den letzten Jahrzehnten gegründet wurden und heute global führend sind. Das unterscheidet uns deutlich von den USA. Diese Lücke führt dazu, dass wir technologisch zurückfallen. Unternehmensgründungen sind daher essenziell. Es gibt Fortschritte: Während wir vor zehn Jahren praktisch keine großen erfolgreichen Start-ups hatten, sprechen wir heute von etwa 30 bis 40 Unicorns. Das ist ein deutlicher Unterschied, aber noch lange nicht ausreichend. Gerade in Zukunftsfeldern wie Digitalisierung oder künstlicher Intelligenz wird es ohne neue Unternehmen sehr schwierig, international erfolgreich zu sein.
VC Magazin: Frankreich punktet auf politischer Ebene sowie mit ausreichend Kapital bei dortigen Jungunternehmen. Was braucht das hiesige Start-up-Ökosystem aus Ihrer Sicht, um europaweit mithalten zu können?
Fuest: Unser Anspruch sollte nicht sein, nur innerhalb Europas aufzuschließen, sondern international wettbewerbsfähig zu werden. Dennoch lohnt der Blick nach Frankreich. Dort hat die Politik Start-ups sehr aktiv unterstützt, etwa durch zentrale Anlaufstellen für Gründer. Frankreichs Präsident hat sich für die Verbesserung des Start-up-Ökosystems eingesetzt. In Deutschland sind die Herausforderungen struktureller Natur. Es beginnt bei steuerlichen Themen wie der Nutzung von Verlustvorträgen und reicht bis zum Arbeitsmarkt. Der relativ rigide Kündigungsschutz erschwert es Unternehmen, flexibel zu agieren – ein entscheidender Nachteil für innovative Geschäftsmodelle. Wir bräuchten eine Arbeitsmarktreform, die nicht nur Start-ups helfen würde, sondern der Wirtschaft generell. Ein weiteres Problem liegt im Kapitalmarkt: Deutschland verfügt über hohe Ersparnisse, aber diese fließen überwiegend in sichere Anlagen wie Staatsanleihen statt in Aktien oder Venture Capital. Das bremst die Finanzierung junger Unternehmen. Hinzu kommen bürokratische Hürden, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen oder Genehmigungsverfahren. Start-ups haben es hier schwer, besonders im Deeptech-Bereich. Schließlich spielen auch Universitäten eine wichtige Rolle: Sie sind häufig stark in der Forschung, aber bei der Umsetzung in Geschäftsmodelle bleiben viele hinter ihren Möglichkeiten zurück. Erfolgsbeispiele wie die Technische Universität München zeigen, dass es anders geht, wenn Unternehmertum systematisch gefördert wird.
VC Magazin: Wenn Sie ein Start-up gründen würden – in welchen Branchen sehen Sie aktuell die größten Erfolgschancen?
Fuest: Derzeit passiert am meisten in den Bereichen Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Das sind die zentralen Treiber des strukturellen Wandels; entsprechend groß sind hier die Chancen. Es ist daher naheliegend, dass viele Gründungen genau dort stattfinden. Aber auch Defencetech gewinnt an Bedeutung. Ich würde das nicht als kurzfristigen Hype sehen, sondern als Teil einer breiteren technologischen Entwicklung. Viele Innovationen in diesem Bereich basieren auf digitalen Technologien und haben Dual Use-Potenzial. Gerade im Verteidigungsbereich erleben wir aktuell tiefgreifende Veränderungen – von klassischen Systemen bis hin zu neuen Technologien wie Drohnen. Das eröffnet erhebliche Chancen für innovative Unternehmen. Insgesamt gilt: Dort, wo neue Technologien entstehen und bestehende Strukturen infrage gestellt werden, liegen die größten Potenziale für Gründer.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über den Interviewpartner:
Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest ist Präsident des ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.



