
Sechs Zentren, sechs Städte, eine Mission: Start-ups von der ersten Idee an zu begleiten. Eine Reise durch den deutschen Life Sciences-Kosmos.
Deutschland gehört zu den stärksten Life Sciences-Standorten der Welt. Die Biotechnologiebranche sammelte 2025 laut EY Biotech Report Germany 2025, trotz des schwierigen globalen Finanzierungsumfelds, insgesamt 1,787 Mrd. EUR an Kapital ein. Erst vor Kurzem gelang dem Biotech-Start-up Tubulis ein enormer Exit. Der US-Konzern Gilead zahlt bis zu 5 Mrd. EUR für das Unternehmen, das Antikörper-Wirkstoff-Konjugate entwickelt, die Krebsmedikamente gezielt in Tumorzellen schleusen. „Tubulis ist bei uns und in den Räumen des IZB Innovations- und Gründerzentrum in Martinsried groß geworden. Ein Team Effort sozusagen“, erklärt Prof. Dr. Ralf Huss, Geschäftsführer von BioM. Tubulis gewann 2017 den Vorgründungswettbewerb m4 Award und damit 500.000 EUR. Deutschlandweit verteilt arbeiten Inkubatoren, Netzwerke und Technologiezentren daran, aus Forschungsideen marktreife Unternehmen zu machen – jede Region mit eigenem Schwerpunkt.
Bayern
Das Innovations- und Gründerzentrum Biotechnologie (IZB) in Planegg-Martinsried bietet mehr als nur Büros und Labore. Ein Highlight ist das angeschlossene Hotel mit dem Faculty Club im siebten Stock – Treffpunkt für Gründer und Wissenschaftler sowie Ort für Investorengespräche mit Blick auf die Alpen. Auch BioM hat seinen Sitz am IZB. Direkt nebenan forschen zwei Max-Planck-Institute, die LMU, das Helmholtz-Zentrum und das Genzentrum. „Wir sind ein globales Biotech-Village“, sagt IZB-Geschäftsführer Christian Gnam. In dem Gründerzentrum arbeiten derzeit mehr als 40 Start-ups mit über 700 Mitarbeitern. Was das IZB produktiv macht, ist das Ökosystem. „Die Vielzahl erfolgreicher Gründungen wirkt wie ein Magnet – für neue Unternehmen und Investoren. Auch München als internationaler Wirtschaftsstandort mit hoher Lebensqualität trägt dazu bei“, ergänzt Gnam. Die Hälfte aller Mitarbeitenden komme aus dem Ausland. Eine wichtige Rolle spielt am IZB mittlerweile Künstliche Intelligenz; ein Beispiel ist die LMU-Ausgründung Eisbach Bio. Das Start-up setzt auf KI-gestütztes Moleküldesign, um genetische Schwachstellen von Tumorzellen gezielt anzugreifen. Parallel gewinnen neben dem medizinischen auch andere Bereiche der Biotechnologie an Bedeutung. So arbeitet Twogee Biotech, gegründet von zwei ehemaligen Clariant-Wissenschaftlern, an Enzymen zum Abbau industrieller Biomassereste. Am zweiten IZB-Standort in Freising-Weihenstephan ist ein Agri- und Foodtech-Cluster entstanden. Auch politisch gibt es neue Impulse: Gründungsanreize an Universitäten fördert das bayerische Hochschulinnovationsgesetz. „Ein positives Beispiel aus der Politik. Dennoch müssen auf Bundesebene mehr Anreize für Investoren geschaffen werden – es braucht deutlich mehr Kapital im Ökosystem“, fordert Gnam. Sein Büronachbar Huss stimmt dem zu. BioM ist die zentrale Netzwerkorganisation der Biotechnologiebranche in Bayern, gibt Frühphasenunterstützung und ist erster Ansprechpartner für alle, die aus der Wissenschaft heraus gründen wollen. „Wir nehmen Gründer bei ihren ersten Schritten an die Hand und ermöglichen ihnen den Einstieg in das Netzwerk der Biotechnologie in Bayern. Wir sehen dabei deutlich: Kapital muss leichter fließen können. Hohes Risiko zuzulassen und dann die Renditechance zu beschneiden, funktioniert in meinen Augen nicht.“ Doch Huss bleibt optimistisch: Die Szene verändere sich zum Positiven. Mehr als 550 Unternehmen und Forschungseinrichtungen gehören mittlerweile zum BioM Netzwerk. „Wir begleiten jährlich rund zwölf bis 20 Neugründungen sowie mindestens 50 Gründerteams in der Vorbereitungsphase“, berichtet Huss. Der 2024 eröffnete MAxL-Inkubator bietet 900 Quadratmeter direkt im IZB-Gebäude. Seit 2011 koordiniert BioM alle zwei Jahre den m4 Award: fünf Mal 500.000 EUR pro Runde, finanziert vom Bayerischen Wirtschaftsministerium. „In den letzten zehn Jahren haben wir 328 Projekte begutachtet, 38 gefördert, und daraus sind 17 Start-ups hervorgegangen, die zusammen rund 900 Mio. EUR eingesammelt haben“, blickt Huss zurück. Auch für BioM spielt Künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtigere Rolle. Huss sieht KI längst als Commodity, denn niemand mache mehr sein Geld allein damit. BioM hat deshalb die Initiative „AI4Biotech“ gegründet. Huss erklärt: „Wir bringen KI-Experten mit Biotechnologen zusammen, sodass Biologen, Chemiker und Mediziner sich auf den wahren Kern ihrer Arbeit fokussieren können: Therapien, Diagnostik und Behandlungen entwickeln.“
Nordrhein-Westfalen
Im Jahr 2003 wurde das DITEC in Düsseldorf offiziell eröffnet. „Ein Mieter der ersten Stunde ist noch immer vor Ort und hat inzwischen mehrere Unternehmen gegründet“, freut sich Dr. Thomas Welfers, der vor Kurzem die Leitung des DITEC übernommen hat. Rund 50 Akteure teilen sich die Labor- und Büroflächen – Start-ups, KMU und sogar Forschungsstandorte internationaler Konzerne. Zu den Schwerpunkten in Düsseldorf zählen Wirkstoffforschung in Demenz und Onkologie, Diagnostik und Bildgebung. Laut Welfers zeichnet sich das DITEC durch seine Flexibilität aus und unterscheidet sich damit deutlich von klassischen Inkubatoren: „Wir reagieren auf individuelle Anforderungen. Außerdem bieten wir Beratungen für Gründung, Fördermittel und Patente. Wer sich auf das Wesentliche fokussieren will, soll das auch können. Schließlich geht es den Gründern darum, Impact zu erzielen“, betont er. Das Biomedizin Zentrum Dortmund (BMZ) ist Teil des TechnologieZentrumDortmund und liegt im Herzen eines der dichtesten Wissenschafts- und Wirtschaftscluster Europas. In direkter Nachbarschaft forschen die Technische Universität Dortmund, das Max-Planck-Institut für molekulare Physiologie und das ISAS, ergänzt durch etablierte Unternehmen wie das Lead Discovery Center und ProtaGene. Derzeit arbeiten rund 20 Unternehmen mit etwa 500 Mitarbeitenden am Standort. Zwei junge Start-ups stehen exemplarisch für den Schwerpunkt des Zentrums: KyDo Therapeutics entwickelt neuartige Wirkstoffe, die Krebszellen an bislang unangreifbaren Stellen treffen, und iDEL Therapeutics baut Systeme, die Wirkstoffegezielt ins Innere von Zellen schleusen. Venture Capital-Investoren wie der Khan Technology Transfer Fund, b.value und TU Capital sind direkt im Zentrum ansässig. Netzwerkformate wie die Health Founders Ruhr Meetups oder das Format „3rd Wednesday“ bringen Gründer und Investoren in lockerer Atmosphäre zusammen. Die Philosophie des BMZ bringt Zentrumsleiterin Dr. Joanna Stachnik auf den Punkt: „Der Weg zum Investor ist kein Sprint, sondern ein strategischer Marathon, der frühzeitigen Austausch, kontinuierliche Sichtbarkeit und den Aufbau von Vertrauen erfordert.“ Direkt hinter dem BMZ entsteht derzeit das Zentrum für integrierte Wirkstoffforschung (ZIW) mit modernen S2-Labor- und Büroflächen. „Das ZIW ist die direkte Antwort auf einen strukturellen Engpass. Nach der frühen Gründungsphase fehlen in der Biotechnologie oft spezialisierte Flächen für wachsende Unternehmen“, betont Stachnik.
Sachsen-Anhalt
Der Weinberg Campus in Halle ist der größte Technologiepark Mitteldeutschlands. Dort sind mehr als 100 Tech-Unternehmen, acht außeruniversitäre Forschungseinrichtungen der vier großen Forschungsgemeinschaften Fraunhofer, Helmholtz, Leibniz und Max-Planck, die naturwissenschaftlichen Fakultäten der Martin-Luther-Universität und Universitätsmedizin Halle vertreten. „Wir sind das zentrale Innovationsökosystem für Life Sciences und Bioeconomy in Mitteldeutschland – und noch dazu das einzige Netzwerk der de:hub-Initiative mit diesen kombinierten Schwerpunkten“, sagt Dr. Ulf-Marten Schmieder, Geschäftsführer des Weinberg Campus. Besonders aktiv ist der Campus im mRNA-Bereich. Wacker Biotech, ein Spin-off der Martin-Luther-Universität und heute Konzerntochter, investierte 2024 über 100 Mio. EUR in eine Produktionsstätte direkt am Standort. KI spielt als Enabler für neue Geschäftsmodelle eine zentrale Rolle. Die Fraunhofer-Ausgründung Denkweit baut eine KI-basierte Lösung, die medizinische Bilder schnell auswerten und Erkenntnisse liefern kann. Doch es entstehen auch Produkte für den Alltag. PerioTrap Pharmaceuticals hat eine Zahnpasta gegen Paradontitis entwickelt, die gezielt diese Erreger angreift, die sonstige Mundflora erhält und bereits eine Woche nach Markteintritt ausverkauft war. Schmieders Ziel ist eine langfristige Standortentwicklung: „Wer hier einzieht, soll bleiben und wachsen.“ Die Überlebensquote der betreuten Start-ups liege bei weit über 90%. In den nächsten fünf Jahren investiert der Weinberg Campus 150 Mio. EUR in Gebäude und Infrastruktur, mit dem Ziel, um mehr als 40% zu wachsen. Erfolgsmesser sei nicht die Zahl der Exits, sondern die positive Entwicklung der Unternehmen am Standort.
Berlin
Der Campus Berlin-Buch im Nordosten der Hauptstadt gehört zu den zwölf Berliner Zukunftsorten und vereint Grundlagenforschung, klinische Forschung und Biotechpark. Auf dem Wissenschafts- und Biotechcampus arbeiten rund 3.000 Menschen aus etwa 70 Nationen. Das Max Delbrück Center, die Charité, das Berlin Institute of Health und das Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie forschen hier Seite an Seite, ergänzt durch drei Kliniken am Standort. Seit Ende 2023 bietet das Gründerzentrum BerlinBioCube flexible Labor- und Büroflächen für Biotech- und Medtech-Start-ups. Netzwerkformate wie „Talk im Cube“ bringen Forschende, Gründer und Investoren zusammen. Stark ist der Campus vor allem in Deeptech: Beim Deep Tech Award 2026 stammen zwei der drei Nominierten in der Kategorie „Bio- & Healthtech“ direkt vom Campus – CARTemis Therapeutics in der Immunonkologie und MyoPax mit Ansätzen zur Muskelregeneration. Den Weg zu solchen Teams finden Investoren über den Venture Capital Day des Max Delbrück Centers sowie über die bio:cap, ein internationales Life Sciences- und AI-Investival, das im Juni 2026 in Berlin Premiere feiert. „Das wird eine hervorragende Gelegenheit, um sich mit spannenden Start-up-Teams und Gründern aus der Hauptstadtregion zu vernetzen“, sagt Dr. Christina Quensel, Geschäftsführerin der Campus Berlin-Buch GmbH. Der Campus will sich zu einer „Green Health City“ entwickeln. Eine Campuserweiterung soll bis zu 1.275 neue Arbeitsplätze in Biotech und Medtech schaffen; mehr als 4.000 neue Wohnungen sind in Planung. „Bereits jetzt ist unser Biotech-Park führend in Europa. Unsere Vision ist, dass die Start-ups hier in Zukunft eigene Laborgebäude beziehen und dadurch das Life Sciences-Ökosystem weiter stärken“, erklärt Quensel.
Mecklenburg-Vorpommern
Hoch im Norden, direkt am Campus der Universität Greifswald, entsteht Medizin der Zukunft an einem Ort, den es so kein zweites Mal gibt. WITENO ist weltweit der einzige Standort, der Biotechnologie und Plasmamedizin auf einem Campus kombiniert – und das zahlt sich aus: neoplas med baut Kaltplasma-Medizintechnik zur Wundbehandlung, Enzymicals entwickelt Biokatalysatoren und Enzyme für industrielle Anwendungen. Rund 670 Beschäftigte forschen hier an der Schnittstelle von Physik, Biochemie und Medizin, Seite an Seite mit dem Leibniz-Institut für Plasmaforschung und dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Über Netzwerke wie BalticNet-PlasmaTec und BioCon Valley reicht der Standort bis in die Ostseeanrainerstaaten. Investoren treffen die besten Teams bei den StartUp Nord°Ost°-Tagen oder beim Digitalkongress Nørd am 27. und 28. Mai 2026 in Rostock. „In zehn Jahren wollen wir das Technologie- und Gründungszentrum für Biotech, Medtech und Plasmatech in Norddeutschland sein und Greifswald als smarteste Meile Europas für Life Sciences und Plasmatechnologie noch bekannter machen“, sagt Martin Nätscher, Prokurist und Mitglied der Geschäftsleitung der WITENO GmbH.
Fazit
Die Reise von Süden nach Norden zeigt: Deutschland hat die Wissenschaft, die Infrastruktur und die Menschen. Was alle Zentren eint, ist ein gemeinsamer Wunsch nach mehr Kapital im System, weniger Bürokratie im Gründungsprozess und steuerlichen Anreizen, die Risikokapital attraktiver machen. Das größte Potenzial liegt in der Vernetzung untereinander und den Partnerschaften miteinander. Wenn das gelingt, kann Deutschland im globalen Life Sciences-Wettbewerb eine Rolle spielen, die seiner Forschungsstärke endlich gerecht wird.



