Karrierewende im Venture Capital-Segment

Warum Investment Professionals zunehmend Corporate Venture Capital verlassen

Hans-Heinz Wisotzky, ESE Executive Search Excellence GmbH
Hans-Heinz Wisotzky, ESE Executive Search Excellence GmbH

Bildnachweis: ESE Executive Search Excellence GmbH.

Investment Professionals wechseln derzeit spürbar häufiger aus Corporate Venture Capital-Einheiten und Family Offices in Richtung Limited Partner-basierter Venture Capital-Gesellschaften. Dahinter stehen selten rein persönliche Motive, sondern veränderte Kapitalstrategien, Governance-Logiken und Karriereerwartungen in einem selektiver gewordenen Markt.

In den vergangenen drei Jahren hat sich durch die veränderten Marktbedingungen das Tätigkeitsprofil vieler Investment Professionals deutlich verschoben, denn Neuinvestments wurden reduziert oder kamen vollständig zum Erliegen, während sich der Schwerpunkt zunehmend auf Portfoliomanagement verlagerte. Für viele ist genau das der kritische Punkt, denn sie sind angetreten, um Märkte zu analysieren, Deals zu entwickeln, in Start-ups zu investieren und einen eigenen Investment Track Record aufzubauen. Sie sind nicht zu einem Corporate Venture Capitalist gegangen, um primär bestehende Beteiligungen zu verwalten. Für Investment Professionals verändert das die Qualität ihrer Arbeit. Weniger opportunistische Breite, mehr These und mehr Exit-Disziplin.

Warum Corporate Venture Capital an Attraktivität verliert

In Corporate Venture Capital-Einheiten entscheidet zunehmend nicht mehr allein die Qualität eines Investments. Konzernstrategie, Budgetzyklen und interne Stakeholder prägen stärker, welche Transaktionen möglich sind. Werden Mittel aus Venture Capital in strategische Beteiligungen, Real Estate, Infrastruktur oder andere Assetklassen umgeschichtet, entsteht ein struktureller Zielkonflikt für Investment Professionals, denn der Wagniskapitalmarkt verlangt Tempo und klare Entscheidungen, Konzernorganisationen jedoch häufig mehr Abstimmung, Vorsicht und längere Freigabewege.

Family Offices überprüfen ihre Asset Allocation

Auch Family Offices steuern ihre Kapitalallokation selektiver. Venture Capital bleibt attraktiv, steht aber stärker im Wettbewerb mit Private Equity, Immobilien, strategischen Direktinvestments und liquiden Anlagen. Für Investment Professionals verändert sich dadurch ihre Rolle in der Form, dass sie weniger neue Deals realisieren können und mehr Portfoliomanagement betreiben. Daraus resultiert eine geringere Carry-Fantasie und häufig eine Tätigkeit, die näher an Vermögensverwaltung als an aktiver Venture Capital-Arbeit liegt.

Limited Partner-basierte Fonds gewinnen Profil

Klassische Limited Partner-basierte Venture Capital-Gesellschaften bieten in dieser Lage ein klareres berufliches Narrativ. Das Mandat ist eindeutig, die Investmentthese steht im Zentrum, Entscheidungswege sind häufig direkter, und der persönliche Track Record kann kontinuierlich gestaltet werden. Gerade Professionals mit belastbarer Sourcing-Kompetenz, kommerziellem Urteilsvermögen und echter Portfolionähe suchen Umfelder, in denen Performance, Dealqualität und Netzwerkzugang unmittelbar zählen.

Vergütung ist nur ein Teil der Wechselmotivation

Gehalt und Beteiligungsmodelle bleiben wichtig, sind aber nicht unbedingt die Hauptgründe für eine Wechselbewegung. In jährlich rund 150 bis 200 vertraulichen Tiefeninterviews mit Investment Professionals im deutschen und österreichischen Markt zeigt sich vor allem ein wiederkehrendes Muster: Neben marktgerechten Fixgehältern und glaubwürdigen Carry- oder Bonusmodellen zählen Entscheidungsautonomie, Partnerperspektive, Fondsqualität, Reputation der Gesellschafter und die Möglichkeit, über mehrere Fondsgenerationen einen belastbaren Investment Track Record aufzubauen.

Der Talentmarkt verändert sich

Für Venture Capital-Gesellschaften entstehen zunehmend neue Anforderungen an den Talentmarkt. Gesucht werden nicht nur Investmentmanager, Principals oder Partner, sondern auch Funktionen, die institutionelles Wachstum ermöglichen: Finance Manager, Compliance Manager, Investor Relations-Verantwortliche und (Plattform) Operations Manager. Parallel steigt der Bedarf an Führungskräften in Portfoliounternehmen, insbesondere in Scale-ups, die nach Wachstumskapital den Übergang von Gründerpragmatismus zu skalierbarer Organisation bewältigen müssen. Auch hier kann ein eng am Portfolio agierender Venture Capitalist konkrete Mehrwerte bei der Suche und Platzierungvon Top-Führungskräften leisten.

Was erfolgreiche Besetzungen unterscheidet

Entscheidend ist die Passung zwischen Fondsstrategie, Reifegrad der Organisation und individueller Karriereambition. Wer Corporate Venture Capital oder ein Family Office verlässt, sucht nicht automatisch den nächsten Titel, sondern ein glaubwürdiges Investmentumfeld. Erfolgreiche Besetzungen entstehen dort, wo Marktkenntnis, Vergütungsverständnis, belastbare Beziehungen zu renommierten Venture Capital-Gesellschaften und ein realistisches Bild der Wechselmotive zusammenkommen. Genau diese Transparenz entscheidet, ob ein Wechsel nur kurzfristig attraktiv wirkt oder langfristig Wert schafft.

 

Über den Autor: 

Hans-Heinz Wisotzky ist geschäftsführender­ Gesellschafter der ESE Executive Search Excellence GmbH und unter anderem auf Besetzungen im Venture Capital- und Scale-up-Umfeld spezialisiert.