Bildnachweis: OMMM Operations Management Solutions GmbH.
Vor gut einem Jahr sorgte Microsoft-Chef Satya Nadella für einen Aufschrei: Klassische Geschäftsanwendungen seien im Grunde nur Datenbanken – die Logik wandere in KI-Agenten ab. SaaS sei tot. Angesichts solcher Schlagzeilen stellt sich unweigerlich die Frage: Müssen Software-Unternehmen ihr Geschäftsmodell ändern? Die Antwort ist ein klares Nein.
Ein potenzieller Kunde konfrontierte mich mit einer steilen These: Können zehn Werkstudenten mithilfe von KI unsere Software einfach nachbauen? Diese Vorstellung mag in Zeiten des Agenten-Hypes verlockend klingen, ist aber brandgefährlich. Die Provokation von Nadella hat zwar einen wahren Kern – mit KI-Agenten verschiebt sich die Arbeit in den Dialog. Das Versprechen lautet „Ergebnis statt Klicks“. Doch wer glaubt, er könne komplexe Software durch Prompts und ungelernte Kräfte ersetzen, hebt nicht die Potenziale der KI.
Das Fundament verschwindet nicht – Es wird wichtiger
Ein KI-Agent braucht zwingend einen geordneten Untergrund, um verlässlich handeln zu können. KI ersetzt diesen Grundstein nicht, sie stützt ihn lediglich. Ein treffendes Beispiel ist das Duo aus Power-Point und Copilot: Copilot kann in Sekunden großartige Folien entwerfen – aber ohne die robuste, im Hintergrund laufende Engine der Präsentationssoftware ist er vollkommen nutzlos. Ähnlich verhält es sich bei KI-gestützten Planungslösungen: Ohne ein konsistentes Fundament, in dem klar ist, wie Daten zusammenhängen und welche Regeln gelten, scheitert jede KI.
Der Plan, der nicht geträumt werden darf
Die entscheidende technologische Grenze: Große Sprachmodelle sind ihrer Natur nach probabilistisch – sie erzeugen das Wahrscheinliche, nicht zwingend das Korrekte; sie halluzinieren. Für offene Textaufgaben ist das verkraftbar. Für geschäftskritische Kernlogik ist es fatal. Ein Produktionsplan in der Prozessindustrie muss zu 100% exakt und reproduzierbar sein. Solche Kernlogik gehört unweigerlich in deterministische SaaS-Systeme; die KI darf bei der Planung unterstützen, aber sie darf den Plan nicht „träumen“.
Was der Markt tatsächlich zeigt
Die anfängliche Euphorie um autarke KI-Agenten trifft längst auf ernüchternde Zahlen. Eine groß angelegte Studie des MIT aus dem Jahr 2025 zeigt die Grenzen des Hypes schonungslos auf: Rund 95% der isolierten KI-Pilotprojekte in Unternehmen liefern keinen messbaren Ergebnisbeitrag. Vor allem jene Unternehmen scheiterten, die generische KI-Modelle über unstrukturierte Daten stülpten oder versuchten, Kernsysteme durch reine KI-Workflows zu ersetzen. Erfolgreich war hingegen jene Minderheit von 5%, die KI tief in bestehende, hoch spezialisierte Abläufe integrierte. Die Studie belegt klar: Der ROI entsteht nicht durch das nackte Modell, sondern durch die domänenspezifische Einbettung. Bezeichnend dabei: Den Einsatz spezialisierter Software-Anbieter krönte die MIT-Studie mit einer doppelt bis dreifach höheren Erfolgsquote gegenüber interner Eigenentwicklung.

Die eigentliche Revolution
Die nächste Software-Revolution heißt deshalb nicht „KI statt SaaS“, sondern „KI auf reifem SaaS“. Die Software wird um eine intelligente Schicht ergänzt, die den Nutzer direkt zum Ergebnis führt. Für Investoren verschiebt sich damit der Blickwinkel: Dauerhafter Wert entsteht exakt an der Schnittstelle, an der strukturierte Domänendaten und verlässliche Fachlogik zusammenkommen und eine KI sie veredelt und stützt – nicht bei austauschbaren Agentenaufsätzen. Totgesagt ist SaaS also keineswegs. Im Gegenteil: Mit der KI hebt sie weitere Potenziale.
Über die Autorin:
Dr. Gabriele Reith-Ahlemeier ist COO und CTO der OMMM Operations Management
Solutions GmbH, eines Anbieters KI-gestützter Planungssoftware für die Prozessindustrie. Die promovierte Wirtschaftsinformatikerin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und Lösung komplexer Planungsprobleme unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz.



