Mut zur Lücke

Status Quo der Series A - Finanzierungen in Deutschland

Johanna Antonie Tjaden- Schulte (NRW.Bank), Barbara Dombay (BayStartUP), Markus Lehmann (IBB Ventures), Katja Ruhnke (BAND), Christian Meermann (Cherry Ventures) & Christoph J. Stresing (Startup-Verband)
Johanna Antonie Tjaden- Schulte (NRW.Bank), Barbara Dombay (BayStartUP), Markus Lehmann (IBB Ventures), Katja Ruhnke (BAND), Christian Meermann (Cherry Ventures) & Christoph J. Stresing (Startup-Verband)

Bildnachweis: NRW.Bank, BayStartUP, IBB Ventures, BAND, Cherry Ventures, Startup-Verband, VentureCapital Magazin, Pixabay.

Die Start-up-Gründungen erreichen ein Rekordniveau, obwohl Risikokapitalgeber –  insbesondere wegen ausbleibender Exit-Rückflüsse – immer vorsichtiger agieren. Paradox? Ja. Und trotzdem eine Chance: Historisch gesehen öffneten die großen Umbrüche stets Freiräume für neue Technologien, Geschäftsmodelle und mutige Teams. Branchenkenner berichten, wie sie die Entwicklung einordnen und welche Zukunftsfelder sie ausmachen.

Während die deutsche Wirtschaft stagniert, die geopolitischen Unsicherheiten zunehmen und die Abhängigkeit Europas von den Vereinigten Staaten immer problematischer wird, demonstrieren Gründer hierzulande unerschrocken Innovationskraft und Gestaltungswillen. Mit 3.568 neuen Start-ups wurde 2025 ein neuer Höchststand erreicht – ein Plus von 29% gegenüber dem Vorjahr und sogar mehr als im bisherigen Rekordjahr 2021. Dies geht aus dem Report „Next Generation – Startup-Neugründungen in Deutschland“ hervor, der von Startup-Verband und startupdetector kürzlich veröffentlicht wurde. Demnach betrifft die positive Entwicklung fast alle Bundesländer, wobei die meisten Gründungen in Bayern (+785, +46%), NRW (+658, +33%) und im Stadtstaat Berlin (+619, +24%) erfolgten. Das Feld der städtischen Hotspots führt ebenfalls München an, vor Berlin und Düsseldorf. Unverkennbar beschleunigt der Softwaresektor (vor Medizin und Food) das Wachstum des deutschen Start-up-Ökosystems. Quer durch alle Branchen hinweg wirkt Künstliche Intelligenz (KI) als spezielle Triebkraft. „Der Anteil der Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf KI basiert, hat sich in einem Jahr von unter 20% auf knapp 30% erhöht“, erklärt Christoph Stresing, Geschäftsführer des Branchenverbands. „Zudem erleichtert KI viele Prozesse jenseits des Geschäftsmodells, was die Einstiegshürden beim Gründen senkt.“ Entscheidend sei es, diese Dynamik zu verstetigen und den jungen Unternehmen echte Wachstumsperspektiven zu bieten. „Bei den Venture Capital-Investitionen liegen wir bezogen auf die Wirtschaftskraft im internationalen Vergleich nur auf Platz 18 – das muss sich ändern“, so Stresing. „Hier erwarten wir von der Bundesregierung Impulse. Der Deutschlandfonds war ein guter Schritt. Ein weiterer wichtiger Hebel ist die WIN-Initiative. Laut Koalitionsvertrag soll sie bis zum Jahr 2030 25 Mrd. EUR von institutionellen Investoren für die Start-ups- und Scale-ups-Finanzierung mobilisieren. An diesen eigenen Vorgaben wird sich die Bundesregierung messen lassen müssen.“

Bayern/München: Starke Vorbilder wirken ermutigend

Als zentraler Akteur in der bayerischen Frühphasenförderung unterstützt BayStartUp Tech-Talente bei Gründung, Unternehmensaufbau und Kapitalsuche. Letztere ist insbesondere eine Herausforderung, seit sich das Gros der Investoren bei anhaltender Exit-Flaute auf reife Wachstumsstorys fokussiert. „Trotzdem verzeichneten auch wir 2025 einen stärkeren Zulauf zu unseren Businessplan-Wettbewerben – und mit 377 Einreichungen liegen wir aktuell noch einmal 40% über dem Vorjahreswert. Das ist ein neuer Rekord in der BayStartUp-Historie“, erzählt Barbara Dombay, Geschäftsführerin des Investorennetzwerks. KI spiele bei (fast) jedem Geschäftsmodell eine wichtige Rolle. Finanzierbar sind aber nur diejenigen, die über tiefes Branchen-Know-how, echtes Kundenverständnis, einen klar messbaren ROI und Zugang zu proprietären Daten verfügen. Die Anziehungskraft der bayerischen Hauptstadt erklärt Dombay mit dem über Jahrzehnte gewachsenen Ökosystem: „München bietet eine ausgeprägte Angel- und Venture Capital-Szene, erfolgreiche Großunternehmen und eine exzellente Hochschul- und Forschungslandschaft. In diesem Umfeld kann die klassische Konzernkarriere leicht an Attraktivität verlieren. Nicht zuletzt machen Start-ups wie Quantum Systems, Helsing oder Arx Robotics Erfolg sichtbar in Zukunftsfeldern wie europäischer Souveränität, Verteidigung und Robotik – sie sind starke Vorbilder, die junge, aber auch berufserfahrene Fachkräfte ermutigen, Verantwortung zu übernehmen und mit eigenen Projekten ins Risiko zu gehen.“ Ihr Appell: Investoren sollten nicht nur auf potenzielle Unicorns setzen. Zwar seien diese für das Ökosystem wichtig, betont Dombay. „Zugleich entstehen in Deutschland zahlreiche technologisch exzellente Gründungen mit dem Potenzial, nachhaltige Unternehmen und die Hidden Champions von morgen zu werden – auch ohne das Narrativ vom Milliarden-Exit. Wir brauchen sie, um neue Arbeitsplätze zu entwickeln und Deutschlands Zukunftsfähigkeit zu sichern.“

NRW/Düsseldorf: Breites Branchenspektrum lockt Start-Ups wie Investoren

Auch in Nordrhein-Westfalen war 2025 ein starkes Gründungsjahr. „Erfreulich ist: Der Trend setzt sich fort“, erklärt Johanna Antonie Tjaden-Schulte, Vorständin der NRW.Bank. „Als Förderbank haben wir weiterhin viel zu tun – mehr als zu Beginn der Vorjahre. Wir sehen ein großes Interesse an Eigenkapitalfinanzierungen.“ Das Jahr 2026 birgt also hohes Potenzial. „Wir spüren, dass es aktuell etwas weniger Start-ups mit grünem und nachhaltigem Fokus gibt. Da schlägt sich die geopolitische Stimmung nieder, auch wenn Nachhaltigkeit essenziell bleibt. Die globale sicherheitspolitische Lage hat zur Folge, dass wir inzwischen auch Start-ups im Defencetech-Sektor sehen“, so Tjaden-Schulte. „Vor einigen Monaten ist in NRW der erste Inkubator für Verteidigungstechnik an den Start gegangen. Da in Zeiten hybrider Kriegsführung die Sicherheit in Rathäusern und Krankenhäusern beginnt, unterstützen und fördern wir Innovationen, die unser Gemeinwesen nach innen und außen schützen.“ Für Start-ups und Investoren sprechen in NRW die Nähe zu großen Industrien, wo sich etablierte Unternehmen als Partner für Pilotprojekte anbieten, sowie die Vielzahl an wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen. Entsprechend breit sei das Spektrum der Start-ups, das von Next-Gen-Computing und Industrial Automation über KI und Cybersecurity bis hin zu Energy und Life Sciences reiche. „Gerade im Umfeld forschungsstarker Hochschulen wie Aachen oder Bochum haben sich in den vergangenen Jahren viele junge Unternehmen ausgegründet“, sagt Tjaden-Schulte. Konkrete Beispiele dafür sind das Deep-tech-Start-up Black Semiconductor im Bereich Halbleiter oder der Batterierecycler cylib im Bereich Circular Economy. Beide Start-ups haben laut der Plattform Tech Tour im Jahr 2026 beste Chancen, Unicorns zu werden. Tjaden-Schulte: „Wir merken, dass NRW dadurch für immer mehr deutsche und europäische Investoren interessant wird.“

Land/Stadt Berlin: Hotspot punktet auch mit kreativen Vibes

Für Markus Lehmann, Geschäftsführer von IBB Ventures in Berlin, spiegelt der Gründungsboom einen doppelten Zeitgeist wider: „Politisch gilt Unternehmertum als Antwort auf den globalen Innovationswettbewerb. Individuell treibt der durch KI veränderte Arbeitsmarkt mehr Talente in die Selbstständigkeit. Dank niedriger Einstiegshürden und hoher Kapitaleffizienz beim Gründen entsteht breites Unternehmertum auch jenseits klassischer Venture Cases. Wir begrüßen das, denn jede Gründung stärkt den Standort Deutschland.“ Für Investoren blieben aber allein die skalierbaren, schwer kopierbaren Modelle zentral. Um die auch in der Hauptstadt spürbare Finanzierungslücke der Frühphase zu verringern, setzte IBB Ventures im vergangenen Herbst den Pre Seed-Fonds B# („be sharp“) auf. „Damit investieren wir 10 Mio. EUR in die Bereiche ‚Digital and Deeptech‘, ‚Cleantech‘ und ‚Biotechnologie‘. Die ersten Finanzierungen in Form von Wandeldarlehen haben wir gerade abgeschlossen“, berichtet Lehmann. Aktuell ist der Early Stage-Investor an knapp 100 Start-ups in Berlin beteiligt. Davon kamen vergangenes Jahr 13 neu ins Portfolio. „Besonderen Schwung gewann das Jahr im vierten Quartal – etwa die Hälfte des Finanzierungsvolumens von über 14 Mio. EUR entfiel darauf. Dabei sind für jeden Euro, den wir investiert haben, fast sechs weitere Euros von privaten Mitinvestoren in die Unternehmen geflossen. Für das erste Quartal 2026 sieht es ebenfalls vielversprechend aus. Wir blicken also zuversichtlich auf das neue Jahr.“ Überzeugt ist Lehmann von der Attraktivität des Standorts: „Berlin ist ein Schlaraffenland für Menschen mit Ideen. Das Ökosystem ist vielleicht weniger übersichtlich als andere, dafür aber radikal offen. Wer sucht, findet hier Kapital, Talent, Mitstreiter und Inspiration. Die Stadt bietet eine einzigartige kreative Energie – nicht umsonst sprechen wir von der magischen Mischung aus Tech, Talent und Techno. Englisch ist Arbeitssprache, Diversität gelebter Alltag, und uns allen ist klar: Die besten Unternehmen entstehen dort, wo Zusammenarbeit mehr zählt als Hierarchie. Für Gründer wie für Investoren ist Berlin einer der spannendsten Orte, um Neues zu bauen.“

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Innovation findet Wege

Fakt ist: Seit 2022 schrumpft auch das von Business Angels investierte Kapital und die durchschnittliche Ticketgröße. Das ergab die jüngste Befragung der Mitglieder von Business Angels Deutschland (BAND). Die Zahl gescheiterter Beteiligungen nimmt unterdessen seit 2023 zu. „Aus unserer Sicht ist das kein Qualitätsproblem der Start-ups, sondern Ausdruck eines strukturell geschwächten Exit-Markts“, betont Katja Ruhnke, Vorstandsvorsitzende von BAND. „Ausbleibende Anschlussfinanzierungen, Zurückhaltung bei M&A-Transaktionen und ein insgesamt verengtes Finanzierungsumfeld belasten das gesamte Frühphasenökosystem.“ Entmutigen lassen sich Gründer aber davon offensichtlich nicht. Seed-Strapping heißt der neue Trend, mit dem bereits einige der Situation begegnen. „Die Kombination aus Bootstrapping und ein bis zwei gezielten Startkapitalrunden von Familie, Business Angels und Family Offices ist die logische Antwort auf einen Markt, in dem immer mehr Start-ups um sehr selektiv verfügbares Venture Capital konkurrieren“, erklärt Ruhnke. Beispiele liefern Geoxip (pflanzliches Geobranding), CarVia (Mobilität) oder kraftschluck (Smoothies aus heimischen Biozutaten), die Geschäftsmodelle aufgebaut haben, die zunächst ohne klassisches Risikokapital auskommen. „Unterstützt von effizienzsteigernden KI-Tools wird gerade so viel Kapital eingesetzt, dass nachhaltiges Wachstum möglich ist. Der Vorteil: Aufwendige Pitch-Runden und Zugeständnisse an traditionelle Risikokapitalgeber entfallen. Die Verwässerung ist weniger stark, Kontrolle und Anteile bleiben überwiegend bei den Gründern.“

Umbruch der Branchen eröffnet Chancen

Christian Meermann, einer der beiden Gründer des Berliner Venture Capital-Fonds Cherry Ventures, betrachtet die Marktentwicklung mit Zuversicht: „Endlich ist der deutsche Start-up-Motor aus dem Leerlauf gekommen, angetrieben von erstklassig ausgebildeten technischen Talenten und einer KI-Infrastruktur, die Barrieren der alten Industrie abbaut. Wir erwarten, dass sich diese Dynamik noch beschleunigen wird, wenn die erste Welle von KI-nativen Start-ups zu den nächsten Branchenführern heranreift.“ Auto1 Group, Flixbus, Flaschenpost, Flink, Black Forest Labs, Proxima Fusion gehören neben anderen bereits zum Portfolio von Cherry Ventures. Aktuell stehen 500 Mio. EUR bereit für neue Investitionen. Meermann: „Im Jahr 2026 blicken wir über den ‚Wow-Faktor‘ der Technologie hinaus und konzentrieren uns auf die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells. Während KI für Verbraucher aktuell Schlagzeilen macht, wird der wahre Wert in den Bereichen geschaffen, die das Rückgrat von Wirtschaft und Industrie bilden und auf den ersten Blick langweilig erscheinen mögen: Compliance, Beschaffung, rechtliche Infrastruktur et cetera. Diverse Branchen leiden hier seit Jahrzehnten unter technischen Altlasten. Wir halten uns deshalb von oberflächlichen Anwendungen rund um Large Language Models fern und suchen stattdessen nach Gründern, die KI nutzen, um ganze Branchen grundlegend umzugestalten.“ Als Investor setzt Meermann auf die jahrzehntelangen Transformationen, „die historisch gesehen dann gedeihen, wenn makroökonomischer Druck die Schwachen aus dem Markt drängt“. Für ihn steht deshalb fest: „Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt, um ein Unternehmen zu gründen.“