Mehr Geld, falsches System? Warum Europas Defencetech an der Beschaffung scheitert

Interview mit Ibrahim Köran, Head of Govtech & Defencetech, Heliad

Ibrahim Köran, Head of Govtech & Defencetech, Heliad
Ibrahim Köran, Head of Govtech & Defencetech, Heliad

Bildnachweis: Heliad.

Europa mobilisiert Milliarden für Verteidigung, Defencetech-Start-ups sammeln
Rekordfinanzierungen ein – doch zwischen technologischer Innovation und echter
Einsatzfähigkeit klafft weiter eine Lücke. „Wir haben in Europa kein Innovationsproblem, sondern ein Absorptionsproblem“, sagt Ibrahim Köran, Head of Govtech & Defencetech beim börsennotierten VC Heliad.

Sein Blick richtet sich weniger auf einzelne Technologien als auf das System dahinter: auf Beschaffung, Zertifizierung, Finanzierung und die Frage, ob Staaten schnell genug lernen, Software und schnell iterierende Hardware nicht nur zu testen, sondern in Serie zu bringen.

VC Magazin: Sie vertreten die These, dass Europas Defencetech-Problem weniger fehlende Innovation ist, sondern fehlende staatliche Absorptionsfähigkeit. Was meinen Sie damit konkret?

Köran: Wir haben in Europa kein Innovationsproblem, sondern ein Absorptionsproblem. Über 300 Defencetech-Start-ups, mehr als 900 aktive Investoren, Rekordfinanzierungen. Was fehlt, ist die Fähigkeit des Staates, diese Innovation schnell zu beschaffen, zu zertifizieren, zu integrieren und in Serie zu bringen. Absorptionsfähigkeit heißt ganz konkret: Gibt es eine Haushaltslinie, eine Vergabevorlage, einen Zertifizierungspfad und eine Integrationslogik für eine Technologie, die sich alle paar Wochen weiterentwickelt? Wenn Freigabezyklen für neue Anbieter 18 bis 36 Monate dauern, misst genau das die Souveränität eines Landes, weit mehr als seine Patentzahl. Helsing ist hier das Lehrstück: Reine KI-Software war im deutschen Beschaffungsregime kaum greifbar, weil es weder Budgetlinie noch Vergabevorlage für „AI as a Service“ gab. Erst mit der HX-2, einem beschaffbaren Produkt, kam ein erster Rahmenvertrag im dreistelligen Millionenbereich zustande. Nicht die Technologie hat sich geändert, sondern ihre Anschlussfähigkeit an den Staat.

VC Magazin: Die Ukraine zeigt, wie schnell günstige, skalierbare Drohnen- und Abwehrsysteme operative Relevanz bekommen können. Warum tun sich europäische Beschaffungsstrukturen so schwer, solche Innovationszyklen aufzunehmen?

Köran: Weil die Uhren unterschiedlich schnell ticken. Eine Drohnen- oder Counter-UAS-
Software iteriert in Wochen, ein klassisches Beschaffungsverfahren denkt in Jahren. Unsere
Verfahren beginnen mit mehreren hundert Seiten Lastenheft und enden Jahre später mit
einem Produkt, das beim Rollout technologisch oft schon überholt ist. Dazu kommt die
Fragmentierung: In Europa laufen rund 35 verschiedene Counter-UAS-Programme, in
Nordamerika 13. Das zerstört Skalen und verhindert genau die vernetzten, interoperablen
Systeme, die wir bräuchten. Und wir kaufen Stückzahlen, keine Kapazität. Die Ukraine
bezahlt teils pro bestätigtem Abschuss und finanziert damit Produktionskapazität, wir
bestellen einzelne Lose. Solange Spezifikation, Stückzahl und Einzelvergabe die Logik
bleiben, kann das System schnelle Innovationszyklen strukturell nicht aufnehmen. Immerhin bewegt sich etwas, erste Programme experimentieren mit Rahmen- und Kapazitätsverträgen statt reiner Stückzahlbeschaffung.

VC Magazin: Europäische Verteidigungsbeschaffung wurde lange für große Plattformprogramme gedacht, nicht für Software oder schnell iterierende Hardware. Ist das heutige Beschaffungssystem noch kompatibel mit der neuen Defence-Realität?

Köran: In seiner reinen Plattformlogik nicht mehr. Ein Jahrzehnt Entwicklungszeit, ein
Generalunternehmer, ein über die Hardware fest verdrahteter Funktionsumfang, das passt
nicht zu Software-Defined Defence, wo der Wert in kontinuierlich aktualisierter Software
liegt. Bezeichnend ist, dass der Beschaffer selbst umbaut. Mit der Reformagenda Rüstung
vom Mai 2026 wird das BAAINBw nach den Operationsdomänen Land, Luft, See, Cyber und
Weltraum neu gegliedert, hin zu einer Matrixstruktur mit abgestuften Beschaffungspfaden,
vom Fast Track für marktverfügbare Produkte über einen eigenen Innovationspfad bis zum
klassischen Großprojekt. Dahinter steht die Logik offener, modularer Architekturen, MOSA,
also wiederverwendbarer statt fest verdrahteter Fähigkeiten. Das ist die institutionelle
Anerkennung, dass die alte Logik nicht mehr trägt. Und es ist kein deutscher Sonderweg:
Großbritannien hat mit dem National Armaments Director denselben segmentierten
Beschaffungsansatz eingeführt und acht getrennte Beschaffungsbudgets zu einem
Investitionstopf zusammengelegt, Frankreich stellt seine Beschaffung unter dem Stichwort
économie de guerre um. Ein Entweder-oder ist es trotzdem nicht, Großplattformen wie
Luftverteidigung oder Kampfflugzeuge der sechsten Generation bleiben nötig. Aber daneben entsteht endlich der zweite Pfad für Software und schnell iterierende Hardware, mit Kapazitätsverträgen und ergebnisoffenen Ausschreibungen. Die offene Frage bleibt das
Tempo.

VC Magazin: Viele europäische Defencetech-Start-ups können technologisch liefern, aber nicht über Jahre vorfinanzieren, bis ein öffentlicher Auftrag kommt. Ist die eigentliche „Valley of Death“ im Defencetech also nicht die Technologie, sondern der Weg zur Beschaffung?

Köran: Ja, das ist der Kern. Das Valley of Death im Defencetech liegt nicht in der
Technologie, sondern auf der Strecke zwischen einsatzreifem Produkt und erstem
dauerhaftem, mehrjährigem Auftrag. Unternehmen scheitern dort selten an der Innovation.
Was fehlt, ist geduldiges, strukturiertes Kapital, um diese Strecke zu überbrücken. Die Daten zeigen das Muster: Die Late-Stage-Finanzierung hat sich 2025 auf 4,7 Milliarden Dollar verdreifacht, getragen von wenigen großen Runden. Die Breite dazwischen wächst nicht mit, die Mitte bleibt dünn. Ein Hardware-Start-up muss Produktion, Tests und Zertifizierung über Jahre vorfinanzieren, bevor der erste Vertrag kommt. Das ist ein Bilanzproblem, das klassisches Eigenkapital allein nicht löst. Die Antwort liegt auf beiden Seiten: Der Staat muss früher verbindlich Abnahme zusagen, und die Finanzierung muss Eigenkapital, Venture Debt, weitere Fremdkapitalvehikel und beschaffungsgebundene Meilensteinfinanzierung kombinieren.

VC Magazin: Nordamerikanische Investoren spielen bei europäischen Defence-Start-ups im Late-Stage Bereiche eine immer größere Rolle. Ab wann wird Kapital aus den USA für Europa vom Wachstumsbeschleuniger zum Souveränitätsrisiko?

Köran: Kapital aus den USA ist grundsätzlich willkommen und ein echter Beschleuniger,
gerade im Wachstumssegment, wo es oft die einzige verfügbare Option ist. Die jüngste
Helsing-Runde etwa wird von Dragoneer und Lightspeed angeführt. Insofern ist das erst
einmal eine gute Nachricht: Europäische Defencetech zieht globales Spitzenkapital an. Die
eigentliche Frage ist nicht die Herkunft des Geldes, sondern die Balance. Die Zahlen zeigen
eine Schieflage: Nordamerikanische Investoren stellen inzwischen 38 Prozent der
europäischen Defencetech-Finanzierung, 2019 waren es sieben. Wenn ausgerechnet bei
den strategisch sensibelsten Technologien, also Führungssystemen, Targeting und
Autonomie, die Wachstumsfinanzierung fast nur von außerhalb Europas kommt, entsteht
über die Eigentümerstruktur eine Abhängigkeit, wie wir sie von der Plattformbeschaffung
kennen. Die Antwort ist nicht, US-Kapital fernzuhalten, das wäre der falsche Reflex. Die
Aufgabe ist, daneben eine europäische Wachstumsarchitektur zu bauen, damit Gründer eine echte Wahl haben: mehr dediziertes Kapital für Verteidigungsthemen und die Stärkung von institutionellem und börsennahem Kapital über alle Phasen hinweg.

VC Magazin: Europa mobilisiert inzwischen deutlich mehr Geld für Verteidigung. Warum reicht mehr Budget ihrer Meinung nach aber allein nicht aus?

Köran: Weil Geld in ein falsches System nur das falsche Ergebnis skaliert. Die Lehre aus dem ersten Sondervermögen ist unmissverständlich: Die 100 Milliarden flossen im Verhältnis von etwa 99 zu 1 in Legacy-Systeme, und zu erheblichen Teilen nicht-europäisch. Mehr Geld durch dieselbe Pipeline reproduziert genau die Abhängigkeit, die wir abbauen wollen. Dazu kommt die Strukturfrage: Europa konzentriert rund 70 Prozent der Verteidigungsausgaben auf die zehn größten Konzerne, in den USA sind es unter 30 Prozent. Wir leisten uns 17 Kampfpanzer- und 20 Kampfflugzeugtypen, die USA kommen mit einem Panzer- und sechs Flugzeugtypen aus. Laut SWP erzielt Europa dadurch 30 bis 40 Prozent weniger Fähigkeit pro Euro als ein konsolidierter Staat. Und die zehn größten Anbieter haben bereits sechs Jahre Auftragsbestand. Ohne neue Absorptionskapazität, also neue Zulieferer, neue Produktion, neue Technologiefelder, treibt zusätzliches Budget vor allem Auftragsbücher und Preise. Genau davor warnen inzwischen auch Industrievertreter mit dem Stichwort Blase. Das Budget ist notwendig. Entscheidend ist aber, wohin es fließt und wie beschafft wird.

VC Magazin: Was müsste sich strukturell ändern, damit deutsche und europäische Start-ups nicht nur Pilotprojekte gewinnen, sondern echte Beschaffung, Serienproduktion und langfristige Programme erreichen?

Köran: Man darf zwei Dinge nicht verwechseln: schneller beschaffen und anders beschaffen. Das Tempo ist inzwischen adressiert. Das Planungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz ist seit Februar 2026 in Kraft, es vereinfacht Vergabe- und Nachprüfungsverfahren, und das ist ein echter Fortschritt. Nur löst Geschwindigkeit das Start-up-Problem nicht, denn ein schnelleres Verfahren hilft dem etablierten Anbieter genauso wie dem jungen. Tempo schafft noch keinen Zugang. Der eigentliche Engpass für ein Start-up sitzt an zwei anderen Stellen. Die erste ist die Brücke vom Pilotprojekt zum Programm. Pilotbudgets liegen in den Innovationstöpfen, im Innovationszentrum in Erding, im Cyber Innovation Hub, bei der NATO-Initiative DIANA. Das große Geld liegt in den regulären Beschaffungslinien mit eigenen Regeln. Zwischen beiden fehlt bislang die verbindliche Verbindung, ein gewonnener Pilot wird eben nicht automatisch zum mehrjährigen Auftrag. Die zweite Stelle sind die Eignungskriterien. Wer Referenzen, jahrelange Track Records und Zertifikate verlangt, selektiert strukturell für die Incumbents und gegen die jungen Anbieter, die liefern könnten.

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Was es deshalb braucht, ist weniger eine Liste von Einzelmaßnahmen als grundlegend
andere Beschaffungsverträge. Der Staat müsste früh und verbindlich Abnahme zusagen,
also nicht 1.000 Drohnen bestellen, sondern die Fähigkeit, Millionen pro Jahr zu produzieren, mit einer garantierten Abnahmegrundmenge und einer Prämie für vorgehaltene Reservekapazität. Erst eine solche mehrjährige Zusage rechtfertigt betriebswirtschaftlich, dass ein Unternehmen eine Fabrik baut. Dazu gehören Qualifizierungspfade, über die ein neuer Anbieter ohne jahrzehntelange Historie überhaupt erst beschaffbar wird. Und es gehört ein europäischer Markt dazu, denn Serienproduktion lohnt sich nur, wenn gemeinsame Beschaffung über EDIP und SAFE die Stückzahlen über nationale Grenzen hinweg bündelt. Ein Pilot ohne vordefinierten Hochlauf- und Abnahmepfad bleibt ein teurer Proof of Concept. Genau diese Brücke vom Piloten zur Serie ist die strukturelle Lücke, nicht die Geschwindigkeit des Vergabeverfahrens.

VC Magazin: Defencetech ist kapitalintensiver als klassische Software: Hardware, Zertifizierung, Tests, Produktion und Vertrieb an Staaten brauchen andere Finanzierungsmodelle. Welche Instrumente fehlen in Europa neben klassischen Venture Capital?

Köran: Neben klassischem Venture Capital fehlt vor allem nicht-verwässerndes Kapital für
Hardware. Konkret: Structured Finance und Bank-Debt-Vehikel für Produktions-Capex und
F&E-Linien, Venture Debt und beschaffungsgebundene Meilensteinfinanzierung. Venture
Debt für Defencetech ist 2025 zwar um das 26-Fache auf 1,4 Milliarden Dollar gewachsen,
bleibt für hardwareintensive Unternehmen aber zu klein. [Wir unterstützen unser Portfolio
aktiv dabei, alternative Finanzierungsvehikel zu nutzen.] Es fehlen außerdem abnahmegestützte Finanzierungen, bei denen ein bestätigter staatlicher Auftrag als Sicherheit für die Produktion dient, sowie Garantie- und Versicherungsinstrumente, die das Capex-Risiko abfedern. Und es fehlt in der Breite noch institutionelles Ankerkapital, das mehrere Runden im dreistelligen Millionenbereich mitträgt und die europäische Verankerung über die Phasen hält. Helsing und STARK zeigen den Bedarf exemplarisch: Beide brauchen Reservetiefe für Runden jenseits der klassischen VC-Struktur, Stark als 2024 gegründetes Unternehmen, das in Monaten zum Unicorn wurde und jetzt den Sprung in die Serienfertigung finanzieren muss. Solche Runden ziehen heute oft internationales Kapital an, was den Bedarf unterstreicht: Im Wachstumsmarkt muss Europa deutlich stärker werden und dazu auch verstärkt strukturell die Teilhabe von bspw. großen Pensionsfonds an der Assetklasse Venture Capital ermöglichen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Interviewpartner:

Ibrahim Köran ist Head of Govtech & Defencetech beim börsennotierten VC Heliad. Sein
Fokus liegt auf Investments in Govtech, Resilience und Defencetech. Vor Heliad war er im
öffentlichen Sektor beratend tätig, u.a. bei PwC und KPMG. Schwerpunkte seiner Arbeit: digitale Souveränität der Verwaltung, öffentliche Infrastruktur, KI im Staat und Start-ups an der Schnittstelle von Staat, Technologie und öffentlichem Nutzen.