
Bildnachweis: Centrum für Europäische Politik und Europäische Akademie Bozen.
Deutschland und Europa bremsen sich in der Transformation oft selbst aus: zu viel Bürokratie, zu wenig Risikokapital und fehlende Geschwindigkeit. Prof. Dr. Dr. Dr. Roland Benedikter und Prof. Dr. Henning Vöpel zeigen, warum strukturelle Defizite Innovation verhindern – und welche Rolle Beteiligungskapital als Hebel für echte Erneuerung spielt.
VC Magazin: Europa diskutiert strukturelle Disruption häufig defensiv. Wie wird aus Risiko eine produktive Erneuerung – und welche Rolle kann Beteiligungskapital dabei spielen?
Benedikter: Wir müssen wirtschafts- und förderungspolitisch umsetzen, was die meisten Unternehmer längst wissen: Brüche sind ebenso oft Entwicklungssprünge wie Abbauprozesse. Sie werden zur Chance, wenn wir sie als Umbauprogramm organisieren: das Unerwartete austesten, dabei Neues lernen, und das, was dann funktioniert, skalieren, um anderes wegzulassen. Dafür brauchen wir die Unterstützung des Systems: für flexiblere Unternehmensmentalität und -struktur, die Vereinfachung von Bürokratie und die Beschleunigung der Kapitalversorgung. Beteiligungskapital kann bei jedem dieser Punkte helfen.
Vöpel: Die Vorstellung, dass Transformation vor allem ein politisch-regulatorisches Steuerungsproblem wäre, ist irreführend und erklärt meines Erachtens, warum wir in Deutschland und Europa nicht so schnell vorankommen. Disruptive Erneuerung geht notwendigerweise mit unternehmerischem Risiko einher – Schumpeter sprach zu Recht von „kreativer Zerstörung“. Damit unternehmerisches Risiko zu produktiver Erneuerung führen kann, muss es finanziert werden. Je mehr Risikokapital zur Verfügung steht, desto strukturell tiefer und mit längerem Zeithorizont kann dieses Risiko finanziert werden.
VC Magazin: Dem Standort Deutschland werfen Unternehmen häufig zu viel Bürokratie vor. Wie viel Ordnung braucht Innovation, und wie viel kulturelle Offenheit gegenüber Scheitern, Experiment und Skalierung fehlt dem Standort Deutschland im Vergleich zu den USA oder Asien?
Benedikter: Ungewissheit und Beschleunigung wirken heute zusammen. Das wird auch so bleiben. Deshalb treten Zukünfte immer schneller ein – und im Plural auf. In dieser Lage braucht Innovation Ordnung, aber nicht als Belastung. Wenn Bürokratie länger dauert als manche Produktlancierung, verbauen wir uns im globalen Wettbewerb selbst die Chancen. Dann gewinnen nicht die besten Produkte, sondern jene, die schneller auf dem Markt sind. Europa ist zu langsam bei Genehmigungsverfahren und Standardbereitstellung – das bremst Entwicklung und Markteintritt. Im Vergleich zu den USA, den Staaten des „neuen arabischen Traums“ oder Asien fehlt bei uns öfter die Haltung: erst machen, dann verbessern. Die alte Mentalität: „Perfektion vor dem Start“ hat sich in Zeiten von immer kürzeren Produktzyklen, KI und Chatbots überholt.
Vöpel: Zu viel Bürokratie ist gerade bei Komplexität ein Problem. Sie verengt Freiräume, erlaubt kaum Abweichung und produziert dadurch eher Deformation als Transformation. Was wir stattdessen viel mehr benötigen, ist die Vielfalt der Ansätze und den Freiraum für Versuche. Scheitern und Erfolg sind Ergebnis desselben Prozesses. In den USA zahlt sich Erfolg stärker aus, wichtiger aber noch: Das Scheitern hat geringere Kosten.
VC Magazin: Ist der Engpass in Deutschland aus Ihrer Sicht eher fehlendes Kapital, fehlende Risikobereitschaft oder fehlende strategische Partnerschaften zwischen Investoren, Mittelstand und Forschung?
Benedikter: Es ist alles zu kompliziert geworden. Wichtig sind zwei Dinge: zuerst das Ganze sehen, dann unkomplizierte und direkte Vernetzung zwischen Unternehmen und Politik – klar, schnörkellos und ohne einzelne Branchen unnötig zu bevorzugen. Eine an den politischen Entscheidungsbereich angebaute Organisation für Zukunftskompetenz kann die Brücke schlagen. Beispiele, die funktionieren und Erfolge bescheren, gibt es. Eines davon ist das „Zentrum für strategische Zukünfte“ in Singapur, das älteste Zukunftskompetenzzentrum in hoch entwickelten Technogesellschaften. Es ermöglicht schnelle Entscheidungen und Unternehmen, die Innovation wirklich abnehmen – darunter auch die öffentliche Hand.
Vöpel: Meines Erachtens ist die Hauptursache, dass die Strukturen vor allem auf inkrementelle, aber nicht auf radikale Innovationen ausgerichtet sind. Vielfach wird die Kapitalmarktunion in der EU als Allheilmittel angesehen. Das glaube ich nicht. Ganz am Anfang der Kette von Innovationen stehen kulturelle Faktoren: die Risikobereitschaft und der Zukunftsoptimismus. Fehlen diese, kommt auch kein Risikokapital.
VC Magazin: Deutschland investiert Milliarden in Transformation. Warum entsteht dennoch zu selten globale Technologieführerschaft – und was müsste sich im Zusammenspiel von Politik, Kapital und Unternehmertum ändern?
Benedikter: Wir sind stark im Erfinden, aber zu langsam beim Kommerzialisieren und beim Aufbau von Plattformen. Politik muss mit dem steigenden Tempo für Innovation mitgehen und dabei helfen, dass Kapital länger Commitment zeigt und Unternehmer inter- und transdisziplinär agieren können: also bestehende Spezialisierungsbereiche samt Platzhirschen frei überschreiten. Das würden sie ohne so viele Auflagen längst tun. Beteiligungskapital hilft dabei, wenn es nicht nur Geld bringt, sondern Optionen, Tempo und Marktzugang.
Vöpel: Die milliardenschweren Investitionen treffen zu oft auf veraltete Strukturen. Man würde ein sanierungsbedürftiges Unternehmen doch auch erst restrukturieren, bevor man wieder investiert. Deutschland muss sich von einer industriell geprägten, prozessorientierten in eine digitale und agile Ökonomie wandeln. Dafür muss es neue Infrastrukturen, Institutionen und Ökosysteme aufbauen.
VC Magazin: Welche Zukunftspartnerschaften empfehlen Sie dem deutschen Mittelstand? Welche Rolle sollten dabei Start-ups spielen?
Benedikter: KMU sollten Partnerschaften dort aufbauen, wo der Hebel für sie am größten ist: im Bereich der KI-Automatisierung, der Energieeffizienz, der digitalen Lieferketten. Start-ups wirken dabei als Inspiratoren und Beschleuniger: Sie stellen Technologie und Talent bereit, während die KMU Daten, Domänenwissen und Kundenbezug liefern. Wichtig ist ein klares Modell, warum und wie man zusammenpasst und was man miteinander in welchen Schritten bis wann erreichen will.
Vöpel: Der deutsche Mittelstand lebt von Prozess- und Technologiewissen entlang von Lieferketten und Branchen. Dieses Paradigma ändert sich fundamental. Es bilden sich branchenübergeifende Wertschöpfungsnetzwerke. Der Schlüssel für den deutschen Mittelstand liegt darin, Teil dieser „Zukunftsnetzwerke“ zu werden. Dazu gehören vor allem agile Organisationsformen, wie Start-ups sie haben, die anpassungsfähig sind und Wachstumspotenziale agil entwickeln können.
VC Magazin: Vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen: Braucht Europa eine neue strategische Industrie- und Kapitalmarktpolitik, um technologische Souveränität zu sichern?
Benedikter: Auf jeden Fall. Technologische Souveränität heißt nicht Autarkie, sondern Handlungsfähigkeit in Schlüsselsektoren. Wir brauchen neben höherer Pro-Kopf-Produktivität thematische Fokusfelder, resilientere Lieferketten und Beschaffungsverfahren, die Innovation nicht mehr behindern. Wichtig ist auch eine EU-Kapitalmarktunion, damit europäisches Geld europäische Firmen ähnlich schnell finanzieren kann wie die globalen Raubtier-Risikokapital-Märkte arabische, amerikanische oder asiatische Firmen.
Vöpel: Europa droht in der Tat zurückzufallen. Letta und Draghi haben in ihren Berichten ja gezeigt, wie es besser gehen könnte. Europa muss in der Lage sein, größer zu denken, strategischer zu entscheiden und schneller zu handeln. Technologieführerschaft ist die Grundlage für Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit. Eine interessante Option ist das sogenannte 28. Regime, also die Option, eine Regulierung zu wählen, die automatisch in allen 27 Mitgliedstaaten anerkannt ist. Die neue Gesellschaftsform „EU Inc.“ kann zudem innerhalb von 48 Stunden und ohne großes Kapitalaufkommen angemeldet werden.
VC Magazin: Wenn Sie auf die kommenden zehn Jahre blicken: Was entscheidet darüber, ob Deutschland ein Standort der produktiven Erneuerung wird: Kapitalverfügbarkeit, politische Reformen oder ein Mentalitätswandel – oder sehen Sie einen ganz anderen Punkt?
Benedikter: Entscheidend werden die Schnittstellen zwischen Disziplinen, Spezialisierungen und Branchen sein. Weil die Produktanforderungen immer komplexer und interdisziplinärer werden, ist es für KMU entscheidend, dass sie Kapitalzugang für Investitionen in interdisziplinäre Forschung und Entwicklung erhalten, wo es oft am meisten fehlt. Wir brauchen dazu Zukunftskompetenz nicht nur als Themen-, sondern als Prozesskompetenz, schnellere Entscheidungswege und eine klarere Innovationsförderung. Dafür müssen die politischen und rechtlichen Voraussetzungen reformiert werden: digitalere Verwaltung, einfachere Regeln, tieferer Kapitalmarkt. Unsere KMU wissen längst, wo es langgeht. Die Politik muss das Tempo halten und nachziehen.
Vöpel: Es ist nicht die eine Reform, die entscheidend ist, sondern das Zusammenspiel aus mehreren, die sich gegenseitig verstärken. Ich sehe drei entscheidende Faktoren: mehr Lust auf Zukunft, mehr regulatorische Freiräume und mehr Bildung und Wissenschaft. Wenn diese drei Voraussetzungen erfüllt sind, kommen der Mut und das Kapital wieder zurück.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.


