Bildnachweis: SECA/startupticker.ch.
Der Schweizer Venture Capital-Markt präsentiert sich im ersten Halbjahr 2026 robust, wie die Schweizer Private Equity & Corporate Finance Association SECA gemeinsam mit Startupticker.ch im Rahmen der Halbjahres-Presssekonferenz zeigt. Insgesamt flossen 1,245 Mrd. CHF in 123 Finanzierungsrunden. Das sind zwar 15,5 % weniger als im Vorjahreszeitraum, allerdings bewegt sich das Investitionsvolumen damit weiterhin auf dem Niveau der vergangenen Jahre. Während die Gesamtzahlen weitgehend Stabilität signalisieren, zeigen sich unter der Oberfläche signifikante Verschiebungen – sowohl zwischen den Branchen als auch regional.
Die Entwicklung im Hardware-Sektor sticht aus der Halbjahresbilanz heraus: Mit mehr als 324 Mio. Schweizer Franken erreichte das Segment einen historischen Rekordwert für ein Halbjahr. Große Finanzierungsrunden in den Bereichen Halbleiter, Rechenzentrums-Infrastruktur und Raumfahrttechnologien unterstreichen den anhaltenden Trend hin zu kapitalintensiven Deeptech-Investments. Unternehmen wie Kandou AI, PAVE Space oder SWISSto12 stehen exemplarisch für diese Entwicklung. „Hardware erlebt derzeit einen starken Lauf. Gerade die Bereiche Raumfahrt und Halbleiter profitieren von der weltweit steigenden Nachfrage nach leistungsfähiger Infrastruktur für Rechenzentren. Entsprechend sehen wir hier einige der größten Finanzierungsrunden des Halbjahres“, sagte Stefan Kyora, Co-Autor des Swiss Venture Capital Reports und Chefredakteur von Startupticker.ch.
Cleantech-Sektor bleibt stabil
Auch Cleantech konnte deutlich zulegen. Große Finanzierungsrunden sorgten dafür, dass das Segment trotz des international schwieriger gewordenen politischen Umfelds seine Attraktivität für Investoren behauptete. „Cleantech zeigt sich bemerkenswert stabil. Trotz politischer Unsicherheiten bleibt das Interesse der Investoren hoch, insbesondere wenn Unternehmen überzeugende Technologien mit internationalem Skalierungspotenzial entwickeln“, so Kyora.
Biotech eingebrochen – wenngleich wichtiger Sektor für die Schweiz
Ganz anders präsentiert sich dagegen das Bild im Biotech-Sektor. Nachdem Life-Science-Unternehmen im vergangenen Jahr den Gesamtmarkt noch maßgeblich geprägt hatten, brach das investierte Kapital im ersten Halbjahr 2026 um mehr als 70% ein. Für Kyora ist dies jedoch kein strukturelles Warnsignal: „2025 wurde im Biotech-Bereich ein erheblicher Nachholbedarf bei Finanzierungsrunden abgearbeitet. Diese Welle ist nun zunächst abgeebbt.“ Thomas Heimann, Deputy Managing Director der SECA, ergänzt: Biotech ist einer der wichtigsten Pfeiler des Schweizer Startup-Ökosystems und wird das auch künftig bleiben.“
Seed-Markt sendet positive Signale
Erfreulich entwickelt sich das frühe Marktsegment. Zwar bleibt die Zahl der Seed-Finanzierungen nahezu unverändert, das investierte Kapital legte jedoch deutlich zu. Für Kyora spiegelt sich darin eine insgesamt verbesserte Stimmung im Startup-Ökosystem wider. „Gerade bei jungen Start-ups in der Seed-Phase ist die Stimmung deutlich besser als noch vor einem Jahr. Das spürt man nicht nur an den Finanzierungszahlen, sondern auch im direkten Austausch auf Veranstaltungen und in der Gründerszene.“ Von einem neuen Gründungsboom könne allerdings noch keine Rede sein. Die Zahl neu entstehender Start-ups habe sich nach Einschätzung der Studienautoren auf einem Niveau von rund 350 bis 400 Gründungen pro Jahr eingependelt.
Vaud übernimmt die Spitzenposition
Auch regional verschieben sich die Kräfteverhältnisse deutlich. Erstmals seit Jahren liegt der Kanton Vaud mit mehr als 330 Mio. CHF klar vor Zürich an der Spitze der Kapitalstatistik. Maßgeblich verantwortlich dafür ist die außergewöhnlich starke Hardware-Szene rund um Lausanne. „Vaud profitiert derzeit massiv davon, dass sich dort zahlreiche erfolgreiche Hardware-Unternehmen angesiedelt haben. Diese Entwicklung spiegelt sich jetzt unmittelbar in den Investitionszahlen wider“, erläutert Kyora. Für Zürich verlief das erste Halbjahr dagegen ungewöhnlich schwach. Fehlende Großfinanzierungen im Biotech-Sektor sowie weiterhin verhaltene ICT-Investments führten zum niedrigsten Investitionsvolumen seit 2018. Die Zahlen verdeutlichen zugleich, wie stark einzelne Megarunden inzwischen die regionale Statistik beeinflussen können.
Diversität kommt kaum voran
Wenig Bewegung zeigt sich weiterhin beim Thema Diversität. Lediglich gut 7% des investierten Kapitals entfielen auf Start-ups mit einer Frau an der Unternehmensspitze. Auch gemischte Managementteams konnten daran kaum etwas ändern. „Erstaunlich ist, wie wenig Bewegung wir bei Start-ups mit weiblichen CEOs sehen. Noch mehr fällt auf, dass sich das Bild kaum verändert, wenn zwar Männer CEO sind, aber Frauen zum Management gehören. Der überwiegende Teil des Kapitals fließt weiterhin in rein männlich geführte Teams“, sagt Kyora. Diese Homogenität überrasche ihn zunehmend: „Es erstaunt mich, dass dieses Modell nach wie vor dominiert.“ Heimann ergänzt mit Blick Diversität unter den Investoren: „Weibliche Investorinnen sind nach wie vor deutlich unterrepräsentiert, obwohl Ausbildung und fachlicher Hintergrund häufig sogar stärker ausgeprägt sind als bei ihren männlichen Kollegen. Quoten halte ich dennoch nicht für den richtigen Weg. Vielfalt sollte sich aus Überzeugung entwickeln – sie verbessert letztlich die Qualität jeder Investitionsentscheidung.“
Umfrage: Investoren blicken optimistischer nach vorn
Parallel zur Marktanalyse zeigt die jährlich durchgeführte Investorenumfrage eine vorsichtig verbesserte Stimmung. Zwar bleibt das Fundraising für Venture Capital-Fonds die größte Herausforderung, gleichzeitig befinden sich wieder deutlich mehr Fonds in der Kapitalaufnahme als in den vergangenen Jahren. „Dass sich wieder mehr Fonds im Fundraising befinden, ist ein positives Signal. Das heute eingeworbene Kapital wird in den kommenden drei bis fünf Jahren investiert werden und sollte dem Schweizer Startup-Ökosystem zusätzlichen Rückenwind verleihen“, sagt CO-Autor Heimann. Unverändert bleibt dagegen die vergleichsweise geringe Größe vieler Schweizer Fonds. Gleichzeitig stammt ein erheblicher Teil des investierten Kapitals weiterhin aus dem Ausland. Trotz aller Herausforderungen fällt der Blick nach vorn insgesamt positiv aus. Die Mehrheit der Investoren erwartet für die kommenden zwölf Monate mehr Investmentmöglichkeiten, steigende Bewertungen sowie eine zunehmende Zahl erfolgreicher Exits. Lediglich das Fundraising-Umfeld wird weiterhin etwas vorsichtiger eingeschätzt.
Künstliche Intelligenz treibt Investoren um
Auch das Thema Künstliche Intelligenz beschäftigt die Investoren zunehmend. Zwar investieren Schweizer Fonds bislang nur begrenzt in internationale AI-Megarunden, dennoch genießt das Thema höchste Aufmerksamkeit. „KI steht bei vielen Investoren ganz oben auf der Agenda. Gleichzeitig führt das zu einem teilweise angespannten Bewertungsniveau“, erklärt Heimann. Besonders im SaaS-Bereich rechnen viele Investoren damit, dass KI klassische Softwaremodelle und zahlreiche Dienstleistungen grundlegend verändern oder sogar ersetzen wird.




