„Es geh­ darum, an der ­Infrastruktur der nächsten Ära­ beteiligt zu sein“

Interview mit Alexandra Beckstein, QAI Ventures

Alexandra Beckstein, QAI Ventures
Alexandra Beckstein, QAI Ventures

Bildnachweis: QAI Ventures .

Quantentechnologien entwickeln sich zu einem eigenständigen Investmentfeld. Im Interview erläutert Alexandra Beckstein von QAI Ventures, welche Segmente bereits investierbar sind, warum Europa trotz starker Forschung Nachholbedarf bei der Skalierung hat und welche Chancen sich für Venture Capital-Investoren eröffnen.

VC Magazin: Welche Bereiche der Quantentechnologie sind für Investments besonders spannend? Wie bewerten Sie das aktuelle Chancen-Risiko-Profil?

Beckstein: Quantentechnologie ist ein breites Spektrum, kein einzelner Markt. Wir unterscheiden drei Reifestufen mit unterschiedlichen Risiko-Chancen-Profilen. Unmittelbar investierbar, mit klaren Anwendungsfällen und begrenztem Restrisiko, sind Quantum Sensing und Post-Quantum-Kryptografie: Sensing liefert schon heute präzisere Anwendungen in Navigation, Medizindiagnostik und Verteidigung; Post-Quantum-Kryptographie ist regulatorische Notwendigkeit und Standards sind gesetzt. Im mittleren Reifegrad stehen Quantum Communications und selektive Hardware, interessant für längere Haltedauern. Die dritte Stufe, Full-Stack-Quantum-Computing, ist transformativ, aber mit langen Zeithorizonten. 2025 flossen global rund 12,6 Mrd. USD in Quantentechnologien, laut McKinsey Quantum Technology Monitor mehr als das Sechs- fache des Vorjahres. Der private Kapitalanteil stieg von zwei Dritteln auf 97%. Institutionelle und private Investoren übernehmen das Steuer. Wer jetzt nicht positioniert ist, kauft in drei bis fünf Jahren zu Bewertungen ein, die heute undenkbar scheinen. Für private Investoren mit generationenübergreifendem Horizont ist das genau das richtige Thema: Es geht darum, an der Infrastruktur der nächsten Ära beteiligt zu sein. Wer die Basisschicht hält, partizipiert an jeder Anwendung, die darauf entsteht.

VC Magazin: Welchen Investitionsfokus setzen Sie mit QAI Ventures, und was müssen Gründerteams mitbringen?

Beckstein: Unser Investitionsfokus spannt die gesamte Quantentechnologie-Wertschöpfungskette inklusive der Enabling Technologies. Nicht, weil wir alles machen wollen, sondern, weil diese Technologien nicht in Silos existieren. Es ist eine Plattformthese, keine Konvergenzthese. Es gibt weltweit nur eine Handvoll dedizierter Quantumwagniskapitalisten. Was uns von Pure Play-Fonds unterscheidet, ist unsere Plattformstruktur: Venture Capital-Fonds von Pre-Seed bis Series A, globale Accelerator- und Venture Building-Programme und ein Corporate-Offering unter einem Dach. Gründerteams müssen dasselbe wie bei jeder anderen erstklassigen Investitionsstrategie mitbringen: ein außergewöhnliches Team und technische Tiefe. Wir suchen Gründer, die wissenschaftliche Exzellenz mit kommerziellem Mut und unternehmerischem Antrieb verbinden.

VC Magazin: Wie ist Ihr Portfolio aktuell aufgestellt?

Beckstein: Historisch bedingt trägt Europa den größten Anteil unseres Portfolios – ein direktes Spiegelbild der exzellenten Forschungslandschaft. Doch Forschungsexzellenz verteilt sich über mehrere Regionen, und so sind wir bewusst dort verankert, wo die nächsten starken Unternehmen entstehen: Europa, Nordamerika, APAC. Bisher haben wir 34 Investments getätigt, zwei Exits in unter zwei Jahren und über 250 Mio. USD an Anschlussfinanzierungen von Partnern wie IBM, Toshiba und der Europäischen Investitionsbank. Strategische Großinvestoren folgen unserem Portfoliourteil. Technologisch folgt das Portfolio den drei Reifestufen: heute kommerzialisierbares Sensing und quantensichere Kommunikation, Algorithmen mit Nutzen schon vor der Hardware-Reife in Pharma, Energie und Finanzwesen die Hardware selbst und die Enabling-Infrastrukturen, ohne die nichts skaliert: Detektoren, kryogene Verstärker, Interconnects, Steuerungssoftware. Wertschöpfung entsteht über den gesamten Stack. Das ist unsere Plattformthese.

VC Magazin: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für das europäische Quantenökosystem?

Beckstein: Europas strukturelle Stärke ist einzigartige Forschungstiefe. Doch die Lücke im Weg von der Exzellenz zur kommerziellen Skalierung lässt sich beziffern: 32% der weltweiten Quantenunternehmen entstehen in der EU, aber nur 6% der Patente. Nicht der Mut zur Gründung fehlt, sondern die Fähigkeit, aus Start-ups industrielle Champions zu bauen. Drei Herausforderungen sehe ich. Erstens zu wenig Wachstumskapital: Beim Growth Stage-Kapital hat Europa seit 2015 einen Rückstand von rund 375 Mrd. USD gegenüber den USA. Zweitens Fragmentierung: Es fehlt ein gemeinsamer Markt für Quantenanwendungen – regulatorisch, beschaffungsseitig, infrastrukturell. Der geplante EU Quantum Act ist ein richtiger Schritt, aber Gesetze allein bauen keine Industrie. Drittens die Translation vom Labor in den Markt: Exzellente Wissenschaftler brauchen Begleitung auf dem Weg zum Gründer und in den Markt. Da setzte QAI an. Die Lösung ist kein einzelnes Programm, sondern ein kohärenter Ansatz: privates Kapital mit staatlicher Hebelfunktion, Beschaffungsnachfrage durch Corporates und Verteidigung, transnationale Plattformen für Talente, Kapital und Kunden. Europa hat alles, was es braucht – es braucht Akteure, die den Brückenbau betreiben. Das ist unser Selbstverständnis bei QAI.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über die Interviewpartnerin:

Alexandra Beckstein ist CEO und Gründerin von QAI Ventures, einer Schweizer Venture Capital- und Ecosystem-Plattform, die in Quantum- und Enabling-Technologien entlang der Advanced Computing-Wertschöpfungskette investiert. Mit einem Hintergrund in Energie- und Infrastruktur-Engineering prägte sie die Strategie von uptownBasel, dem 700-Mio.CHF-Quantum-Innovations­ campus, und wirkte als Expertin an der Schweizer Nationalen Quantenstrategie mit.

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