Ein Blick zurück nach vorn

Panthermedia/J R Bale
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Langweilig war es nie in den 13 Jahren, in denen das VentureCapital Magazin den deutschen Private Equity-Markt begleitete. Während der Buyout-Markt nach den Einbrüchen der Finanzkrise wieder auf dem Weg der Genesung ist, steht das Frühphasensegment heute an einem Scheideweg. Immer mehr Investoren wenden sich von der Assetklasse Venture Capital ab, einige Managementteams können keinen neuen Fonds mehr auflegen. Gleichzeitig ist Gründen wieder modern, und besonders Berlin zieht Talente aus ganz Europa an. Wo klassisches Venture Capital fehlt, springen Business Angels, Inkubatoren und Family Offices in die Bresche. Aber wird das reichen, um aus Ideen etablierte Unternehmen zu machen? Eines ist sicher – in 13 Jahren wird der Markt anders aussehen als heute.

Szenario 1: Es könnte besser laufen

2013 meldet der Branchenverband BVK für das deutsche Venture-Segment nur noch Investitionen in Höhe von 450 Mio. EUR – in den Folgejahren kann sich diese Zahl zumindest stabilisieren. Das haben die deutschen Gründer allerdings hauptsächlich ausländischen Investoren zu verdanken, die im Berliner Start-up-Becken fischen. In den anderen Ländern der Europäischen Union gibt es schließlich kaum mehr lohnende Investments, da fließt immer wieder Kapital in die deutsche Hauptstadt ab. Die stabile Marktentwicklung auf geringem Niveau ist aber auch den heimischen Business Angels geschuldet: Der Investitionszuschuss Wagniskapital, den die schwarz-gelbe Koalition unter der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel vor ihrer Abwahl 2013 noch beschlossen hatte, rettet die deutsche Gründerlandschaft. Denn die Zahl der in Deutschland aktiven Business Angels verdoppelt sich bis 2020 auf geschätzt 10.000. Problem bleibt allerdings die Anschlussfinanzierung nach diversen Angels-Runden. Denn richtig große Venture Capital-Gesellschaften sind Mangelware. Das VC-Panel der Beratungsgesellschaft FHP Private Equity Consultants befragt 2023 nur noch 15 Fonds, damit hat sich die Anzahl innerhalb von zehn Jahren mehr als halbiert. Die Flucht der institutionellen aus der Assetklasse Venture Capital, die bereits zu Beginn der 2010er-Jahre eingesetzt hat, geht unaufhaltsam weiter – auch der von der Europäischen Kommission 2015 eingerichtete Venture-Dachfonds kann diesen Trend nicht aufhalten. Es fehlen eben einfach die Erfolgsstorys aus den Portfolios. Nicht einmal das deutsche Vorzeige-Start-up Zalando hat für einen lukrativen Exit getaugt: Die Berliner erobern mit schrillen Werbespots im Sturm 87% der weltweiten Märkte, liefern ab 2019 sogar nach Nordkorea. Nur an den USA beißen sie sich bislang die Zähne aus – weswegen die Investoren immer noch auf einem ungehobenen Schatz sitzen. Für die Samwer-Brüder, die rechtzeitig ihre Anteile an ein Konsortium aus Investmentbanken verkaufen, ist Zalando ein glänzender Erfolg. Die anderen müssen beständig nachschießen – allein AB Kinnevik hat 2026 200 Mio. EUR in den Versandhändler investiert.

Szenario 2: Venture Capital unerwünscht

Als Großbritannien 2014 seine Drohung wahr macht und aus der Eurozone austritt, ist nichts mehr, wie es vorher war. In den Folgejahren konzentriert sich nicht nur die deutsche, sondern die gesamte europäische Politik einzig und allein auf die Erhaltung erst des Euros, dann der Europäischen Union an sich. Der Sicherung des Gemeinschaftsprojekts EU werden alle anderen Interessen untergeordnet. Für die Wirtschaftspolitik hat das dramatische Folgen, Start-ups fallen völlig vom Radar der deutschen Politiker – und mit ihnen die Interessen ihrer Investoren. Was viele befürchtet haben, tritt 2019 denn auch ein: Für einen High-Tech Gründerfonds III hat die Bundesrepublik schlicht kein Geld mehr. Und die Corporates streichen schon seit Längerem ihre Venture-Budgets zusammen, schließlich leiden sie an der Erosion des Euros. Die Unterstützung von Start-ups ist da noch die kleinste Sorge, zumal seit dem kolossal gescheiterten Börsengang von Zalando 2016 alle Hoffnungen auf lukrative Venture-Erlöse endgültig gescheitert sind. So bleibt dem HTGF nur noch die Deinvestition des bestehenden Portfolios. Er ist nicht der einzige (halb-)staatliche Fonds, dem es so ergeht. Die KfW darf schon seit 2016 nicht mehr in Start-ups investieren, die Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften in der ganzen Republik steigen in den kommenden Jahren ebenfalls aus ihren Venture-Programmen aus. Mit dem Auslaufen des HTGF jedoch verschwindet der letzte große deutsche Venture Capital-Fonds. Denn Beteiligungen an neuen privaten Frühphasenfonds hat Brüssel für die Investoren durch AIFM II und AIFM III so schwierig gemacht, dass kein ernst zu nehmender Assetmanager das Wort Venture mehr öffentlich in den Mund nehmen würde. Bei Privatinvestoren ist es übrigens das Gleiche: Seit die grüne Mehrheit im Bundestag 2017 den Spitzensteuersatz auf 60% erhöht hat und Dividenden aus Streubesitz zu 75% versteuert werden müssen, lohnt es sich nicht mehr, als Business Angels zu investieren. Gerade in der ehemaligen Gründerhauptstadt Berlin reißt diese Politik enorme Löcher: Die Arbeitslosigkeit steigt 2020 auf 27%, die Einwohnerzahl sinkt derweil auf 2,5 Millionen, Tendenz weiter negativ.