M&A Kolumne von Dr. Michael Drill, Lincoln International

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Dr. Michael Drill, Lincoln International
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Die Erleichterung der Anleger über den Ausgang des ersten Durchgangs der Präsidentschaftswahlen hat den französischen Leitindex CAC 40 sowie den DAX auf neue Rekordhöhen getrieben. Schließlich wird allgemein erwartet, dass Emmanuel Macron bei der Stichwahl am 7.05.2017 als klarer Sieger hervorgehen wird. Im Gegensatz zu seiner Widersacherin Marine Le Pen vom rechten Front National steht der designierte neue Präsident für wirtschaftliche Reformen, ein vereintes Europa und eine Aufrechterhaltung offener Handelsbeziehungen mit dem Ausland. Damit ist die Gefahr eines Referendums über einen Austritt aus der Europäischen Union und den damit einhergehenden Unsicherheiten gebannt.

Frankreich, die einst stolze Grande Nation und nach wie vor die zweitgrößte Volkswirtschaft Europas, ist seit Jahren ökonomisch angeschlagen. Das Land lebte über seine Verhältnisse und produzierte ein jährliches Haushaltsdefizit nach dem anderen. Französischen Firmen fehlt es derzeit noch an Wettbewerbsfähigkeit. Gründe hierfür gibt es viele: Hohe Lohnkosten, 35-Stunden-Woche, ein frühes Renteneintrittsalter und überzogene Steuern.

Die von Herrn Macron angekündigten, dringend notwendigen politischen und wirtschaftlichen Reformen sollten in Zukunft Investitionen in unserem Nachbarland attraktiver machen. Wenn die Grande Nation wieder auf die Beine kommt, müsste nach Jahren der Zurückhaltung ein Boom von Übernahmen deutscher Unternehmen in Frankreich eintreten. Warum?

Mit keinem anderen europäischen Land treibt Deutschland mehr Handel als mit Frankreich; weltweit war für die Bundesrepublik in 2016 nur China wichtiger. Das gegenseitige Handelsvolumen aus Im- und Exporten mit Frankreich lag bei 167 Mrd. EUR. Der deutsche Markt ist das französische Exportziel Nummer eins und zugleich wichtigstes Lieferland. Gleichzeitig sind in Frankreich etwa 2.500 deutsche Unternehmen mit mehr als 330.000 Beschäftigten aktiv.

In den vergangenen Jahren zeigen die M&A-Statistiken sehr eindrücklich, dass französische Unternehmen in Deutschland viel stärker auf Einkaufstour waren als umgekehrt. Die Mehrheit der Übernahmen französischer Konzerne in Deutschland fand in den Bereichen Automobilindustrie, Konsumgüter, Business Services oder Finanzdienstleitungen statt. Prominente jüngste Beispiele sind etwa die Übernahmen von Opel durch PSA (Peugeot, Citroën), von WMF durch das Haushaltsunternehmen SEB, des Kofferherstellers Rimova durch den Luxusgüterriesen LVMH oder der BHF-Bank durch die Banque Oddo.

Im Vergleich hierzu haben sich deutsche Firmen in den letzten zwei bis drei Jahren mit Zukäufen in Frankreich stark zurückgehalten. Dies lag sicherlich an den bisher wenig attraktiven wirtschaftlichen, steuerlichen und arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen. Zudem war der französische Markt bis heute von Protektionismus gegenüber ausländischen Käufern geprägt.

Mit der „En Marche“-Parole des neuen Präsidenten erwarten unsere französischen Kollegen und wir Bewegung und positive Veränderungen bezüglich der Rahmenbedingungen für Unternehmenskäufer. Für deutsche Unternehmen ist der französische Markt allein schon wegen seiner Größe interessant. Neben den Zugangsmöglichkeiten zu etwa 60 Millionen Konsumenten bieten die gut ausgebildeten Arbeitskräfte, das hohe Arbeitskräftepotenzial und eine moderne Infrastruktur attraktive Perspektiven für Übernahmen. In zahlreichen Branchen gehören französische Firmen inzwischen weltweit zu den Branchenführern. Gleichzeitig eröffnet die Akquisition eines französischen Wettbewerbers bessere Möglichkeiten, Zugang zu ausländischen Märkten wie zum Beispiel Afrika zu bekommen.

 

Dr. Michael Drill ist Vorstandsvorsitzender der Lincoln International AG, einem auf M&A-Beratung spezialisierten Beratungshaus mit weltweit über 450 Mitarbeitern. Lincoln International verfügt über eigene Büros in den weltweit zehn größten Volkswirtschaften der Welt. In 2016 hat Lincoln International weltweit über 160 und in Deutschland 28 M&A-Transaktionen erfolgreich abgeschlossen.