„Wir haben uns gegen die Übernahme durch VW entschieden“

Tech Talk mit Gunnar Froh, Wunder Mobility

„Aktuell ist so viel Geld am Markt wie nie“ - Gunnar Froh, Wunder Mobility, Ridesharing
„Aktuell ist so viel Geld am Markt wie nie“ - Gunnar Froh, Wunder Mobility
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Bildnachweis: Wunder Mobility.

Das weltweite Volumen des Mobility as a Service-Marktes soll bis zum Jahr 2026 auf über 372 Mrd. USD ansteigen. Wunder Mobility entwickelt Technologien für Mobilitätskonzepte – von Softwareplattformen für Sharing-Dienste-Anbieter, Ridehailing-Dienste oder Mitfahrgelegenheiten bis hin zu Lösungen für Parkraummanagement oder Produkten wie Light Electric Vehicles wie E-Mopeds oder Kickscooter, damit sie „sharing-fertig“ bezogen werden können. Welche Wachstumspotenziale der Mobilitätsmarkt bietet, erläutert Gunnar Froh Gründer von Wunder Mobility.

VC Magazin: Sie waren erster Deutschlandchef von Airbnb. Welche Kernerfahrung als Start-up-Unternehmer haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Froh: Ich habe während meiner Promotion ein Start-up, Acooleo, gegründet, das Airbnb dann später kaufte. Deren Team in San Francisco waren damals 30 Leute, wir waren fünf in Deutschland. Mein Job bei Airbnb war es, den Markt in Deutschland und in Europa aufzubauen. Es begann eine Reise, die sich immer schneller entwickelte. Aus dieser Zeit ziehe ich drei Lektionen. Erstens: Bei einer Promotion werden jeden Tag viele Ideen ausgetauscht. Aber über das Gespräch und die Ideen hinaus muss man handeln, das heißt, frühzeitig anfangen und ausprobieren, auch wenn man noch nicht genau weiß, wohin das führt und wie das genau finanziert wird. Es ergeben sich häufig Optionen, so wie Airbnb dann bei uns investiert hat. Das Zweite ist ein „regret minimization framework“: Wenn man etwas Interessantes angeht und ausprobiert, muss man häufig etwas anderes loslassen, von dem man vielleicht ursprünglich meint, dass es auch wichtig ist. Diese Entscheidungen sind nicht einfach, aber wichtig. Man stellt sich immer die Frage: Werde ich in X Jahren bereuen, nicht XY zu machen? Und schließlich drittens: Erst wenn man anfängt, erkennt man, wo die Probleme wirklich liegen und kommt in Kontakt mit anderen, die mit ähnlichen Themen zu tun haben. Viele wagen diesen ersten Schritt nicht, dabei ergeben sich gerade aus ihm erst die vielen weiteren Möglichkeiten.

VC Magazin: Wie kam es zur Gründung von Wunder Mobility 2014 und warum haben Sie dort das anfängliche Geschäftsfeld des Ridesharing später aufgegeben?
Froh: Ich habe während der Promotion noch ein Carsharing-Start-up, CampusCar, gegründet, denn ich hatte schon früh Interesse an Mobilität. Wir haben mit einer Software aus Kanada ein Carsharing-Unternehmen gelauncht und es in Verbindung mit der WHU in Ulm und anderen Hochschulen hochgezogen. Später habe ich durch meine Arbeit bei Airbnb die Gründer des Fahrdienstvermittlers Lyft kennengelernt, weil sie die gleichen Investoren wie Airbnb hatten. Mir war klar, dass deren Thema zum Massenphänomen wird und habe, inspiriert von Lyft, einen Ridesharing-Dienst gegründet. In Deutschland ist das Thema Fahrdienstvermittlung allerdings bis heute noch nicht groß geworden, weil viele Regulierungen im Weg stehen. In den USA hat Lyft aber mittlerweile die Milliarde-Dollar-Marke geknackt. Wir sind mit unserem Ridesharing-Angebot schon am Ende des ersten Jahres ins Ausland gegangen. Vor drei Jahren haben wir die Ausrichtung des Unternehmens nochmal geändert, sind aus dem Consumer-Markt rausgegangen und haben uns als reinen Softwareanbieter für Mobilitätslösungen ausgerichtet. Mit Wunder Mobility wollen wir zum Shopify in der Mobilitätsbranche werden.

VC Magazin: Was war der Grund für die Ausrichtung als Softwareanbieter für Mobilitätslösungen?
Froh: VW hatte nach dem Dieselskandal entschieden, in neue Mobilitätsdienste zu investieren und dafür Moia gegründet. VW wollte uns übernehmen, um den Launch von Moia zu beschleunigen. Monatelang haben wir Verhandlungen geführt, aber am Ende haben wir uns dagegen entschieden, weil wir an unserer unternehmerischen Unabhängigkeit festhalten wollten. So kamen wir dann zur Idee, unsere Software als Service an andere Mobilitätsanbieter zu lizensieren. Mittlerweile sind wir das größte Mobility Tech-Unternehmen in Europa mit über 100 Kunden auf sechs Kontinenten in über 100 Städten. Große Unternehmen wie Toyota, Daimler, Ford, aber auch kleinere Start-ups oder Städte zählen zu unseren Kunden.

VC Magazin: Wie entwickelt sich die Mobilitätsbranche weiter? Wie groß ist dieser Markt?
Froh: Die Mobilitätsbranche ist sehr fragmentiert und aktuell im Begriff sich zu konsolidieren. Wie man sich in diesem Markt wirklich differenzieren kann und was gewinnbringende Strategien sein können, ist noch offen. Ich habe dazu zwei Hypothesen: Erstens glaube ich, dass man sich als Anbieter über die Hardwarekompetenz differenzieren kann. Zweitens wird in diesem Markt gewinnen, wer sich sehr gute Ökosysteme aufbaut. Dass die Hardware wichtiger wird, sehen wir auch daran, dass wir unseren Softwarekunden zunehmend Empfehlungen geben, welche Fahrzeuge sie nutzen sollen, also z.B. Light Electric Vehicles wie E-Mopeds, E-Bikes, E-Scooter. Deshalb haben wir vor kurzem mit Yadea auch das erste selbst designte E-Moped auf den Markt gebracht. Im Bereich Software hingegen gewinnt derjenige, der möglichst viele Softwarelösungen gut verknüpft. Unsere Kunden brauchen häufig mehrere Lösungen, z.B. für die Positionierung der Fahrzeuge am Morgen oder Predicitve Maintenance für die Wartung. Darüber hinaus ist auch die Finanzierung der Fahrzeuge ein wichtiges Thema, weshalb wir Wunder Financial Services gegründet haben. Da entsteht ein Ökosystem für Software as a Service, was sich neue Spieler nicht leicht aufbauen können. Eine letzte Beobachtung von mir ist: Mobilitätsdienste können nicht monopolisiert werden, denn die Eintrittsbarrieren sind gering, weshalb es einen Longtail von Anbietern auch langfristig geben wird. Gleichzeitig wächst dabei die Rolle der Städte, die vermehrt zu Anbietern werden.

VC Magazin: Aktuell ist die Mobilitätsbranche sehr im Umbruch und einige Anbieter mussten aufgrund von Corona aufgeben. Wie prägt das Ihre Vision für neue Mobilität?
Froh: Die Corona-Pandemie ist eine Krise, die mit der großen Chance verbunden ist, darüber nachzudenken, wie wir unsere Branche und die Welt auf eine nachhaltige Zukunft nach der Krise vorbereiten können. Das kann viele Innovationen freisetzen, die den Verkehr völlig neu definieren, z.B. wird man gemeinsam nutzbare und miteinander vernetzte Fahrzeuge mit mehreren Mobilitätsdiensten auf einer All-in-one-Plattform verbinden und so ein komplettes, multimodales Mobilitätssystem für Städte entwickeln. Wir müssen uns künftig auch darauf konzentrieren, wie wir private Elektroautos in die Mobilitätsökosphäre der Zukunft integrieren, anstatt zu versuchen, Privatbesitz beim Auto zu ächten.

VC Magazin: Welche Venture Capital- und Private Equity-Häuser tummeln sich in Mobilitätsmarkt, wen finanzieren diese Unternehmen?
Froh: Ein Großteil des Investitionsvolumens geht in die USA und nach China, in Europa finden deutlich weniger Investitionen statt. Insgesamt wird in autonomes Fahren und Shared Mobility investiert, aber auch in Elektroantriebe und Konnektivität. Unter den Investoren findet man alle großen Namen, aber auch spezialisierte Häuser. Und Investoren wie die Kroschke Gruppe investieren gar in einen Venture-Capital „MobilityFund“. Bei uns haben sich deutsche Business Angels, Venture Capital-Fonds aus London, New York und San Francisco und auch das Family Office einer amerikanischen Milliardärsfamilie beteiligt. Zu den Investoren zählen beispielsweise Blumberg Capital, KCK, Piton Capital, Andrin Bachmann, Kingsway Capital, iEurope Capital oder Struck Capital.

VC Magazin: Wunder Mobility hat nach dem Kauf von Fleebird in 2018 nun das australisches Start-up Keaz gekauft. Was war die Motivation?
Froh: Keaz verfügt nicht nur über eine erstklassige Vermietungstechnologie, sondern auch über einen Kundenstamm vom asiatisch-pazifischen Raum bis Nordamerika. Der umfasst bekannte Namen wie BMW, Toyota, Lexus, Envoy und Merchants Fleet. Der Kauf von Keaz soll der Auftakt für eine Serie von Akquisitionen sein. Dafür haben wir 50 Unternehmen auf dem Radar.

VC Magazin: Welche Herausforderungen gibt es dabei in Ihrem Markt bei der Finanzierung?
Froh: Aktuell gibt es keine wirklichen Herausforderungen, es ist so viel Geld am Markt wie nie, wenn man bereit ist, Kapital international zu beschaffen. Den Kapitalsuchenden kann man von daher nur empfehlen, viel zu reisen und viele Venture Capital-Geber zu treffen. Denn viele Investoren sitzen aktuell auf viel noch nicht investiertem Kapital. Dieses sogenannte Dry Powder ist aktuell auf Rekordniveau.

VC Magazin: Herr Froh, vielen Dank für das Interview.

Gunnar Froh ist Gründer und Geschäftsführer von Wunder Mobility. Das 2014 von ihm gegründete Mobility-Tech-Unternehmen entwickelt Technologien, die Unternehmen, Start-ups und Städten helfen Mobilitätskonzepte umzusetzen. Zuvor hatte Froh eine leitende Rolle für die Internationalisierung bei Airbnb inne, hat die gemeinnützige Carsharing-Organisation CampusCar sowie Accoleo, einen Wohnraum-Marktplatz, gegründet und als Berater bei McKinsey Erfahrungen gesammelt.