„Web3 ist wie Lego“

Marktüberblick

Benedikt Faupel (Bitkom) & Henrik Bredenbals (w3.fund)
Benedikt Faupel (Bitkom) & Henrik Bredenbals (w3.fund)

Bildnachweis: Bitkom, w3.fund.

Seit Monaten dominiert ein neues Megathema: ChatGPT. Der KI-Bot gilt bei vielen als Tausendsassa, für die Lösung der meisten Probleme, als Programmierer von Software und Designer von Websites oder auch als persönlicher Brieffreund. Große und leistungsstarke Sprachmodelle wie ChatGPT oder auch Bert oder PaLM sind ein Teil des Web3 oder – einer visionären Idee eines „neuen“ Internets mit stark erweiterten Möglichkeiten zur Interaktion. Zugleich geht es bei Web3 darum, dass Daten dezentraler behandelt werden und somit auch der Einfluss großer Konzerne zurückgedrängt werden könnte.

Je nach Quelle und Definition gelten als wesentliche Bestandteile von Web3 die Komponenten künstliche Intelligenz, semantisches Web, offene Quellennetze, Blockchain-Technologie – einschließlich der Non-Fungible Tokens (NFTs) –, dreidimensionale Räume wie das Metaverse sowie Sprachmodelle und Sprachassistenten. Letztere könnten auch zum Komplex der künstlichen Intelligenz gezählt werden. Bei Betrachtung dieses breiten Felds an Technologien wird schnell ersichtlich, welche großen Potenziale hier bestehen und welche Entwicklungen noch bevorstehen mögen. Zugleich sind aber ehemalige Buzzwords wie NFT oder Kryptowährung eher „verbrannt“. Ein Blick zehn Jahre zurück zeigt, dass es mit dem virtuellen Space, „Second Life“ bereits einen Vorläufer für die heutigen Ausprägungen des Metaverse gab. Vorhanden ist von Second Life und dem riesigen Hype leider nicht viel – am meisten haben vermutlich Digitalagenturen verdient, die ihren Kunden eine virtuelle Präsenz verkauft haben.

Jetzt ist Raum für die wahren Builder

Droht Web3 ein ähnliches Schicksal wie Second Life? Ganz und gar nicht – meint Benedikt Faupel, Bereichsleiter Blockchain beim Digitalverband Bitkom, denn Web3 beziehe sich auf eine visionäre Idee für die Zukunft des Internets. Es solle ein dezentralisiertes Internet sein, in dem Benutzer die Kontrolle über ihre Daten haben und direkt miteinander interagieren können, ohne auf zentrale Vermittler angewiesen zu sein: „Der Weg zu Web3 ist kein linearer Prozess und wird von vielen Faktoren beeinflusst. Es gibt also keinen klaren Punkt, an dem Web3 erreicht ist, genauso wie es keinen Punkt gibt, an dem das Ziel von Web3 aufgegeben wird. Es ist also nicht vorbei, und es ist auch nicht klar, ob eine vierte Revolution kommt. Wir befinden uns in einem kontinuierlichen Entwicklungsprozess.“ Eine ähnliche Meinung vertritt auch Henrik Bredenbals, Co-Founder der Berliner w3.fund Management GmbH: „Web3 ist nicht ‚over‘, der Crypto-Bear-Market vertreibt allerdings Touristen und Spekulanten. Dies lässt Raum für die wahren Builder, die Gewinner des nächsten Bullenmarkts.“ Die plakativen und spektakulären Ideen seien nun durch sehr konkrete und praktische Anwendungslösungen ersetzt worden. Es werde beispielsweise fleißig an Use Cases für Blockchain-Technologie gebaut. „Insbesondere beobachten wir ein gestiegenes Interesse der Institutionellen Investoren, die seit den Blackrock-Bitcoin-ETF Schlagzeilen nach und nach ihre Web3-Pläne zum Leben erwecken. Hierbei spielt die Tokenisierung der Finanzwelt eine übergeordnete Rolle“, fährt Bredenbals fort. Und er sieht zusätzlich einen wichtigen Fortschritt beim Verbraucherschutz für Kryptoanwender – zumindest in Europa: „Die MiCar (Markets in Crypto-Assets Regulation; Anm. d. Red.) trägt zu einer sicheren Adoption der breiteren Masse bei. MiCar ist das weltweit erste politische Framework für den europäischen Raum. Mit der Einführung, welche voraussichtlich Ende nächsten Jahres stattfinden soll, erwarten wir eine zunehmende Attraktivität Europas sowie erstmalig klare Richtlinien für Start-ups im Umgang mit Web3.“

Neue Anwendungen werden entstehen

In welchen Bereichen des Web3 sind aktuell die meisten Entwicklungen und technologischen Fortschritte zu erwarten? „Der Metaverse-Bereich hat im vergangenen Jahr ein beeindruckendes Wachstum verzeichnet, da Unternehmen verstärkt in immersive virtuelle Welten investiert haben, die soziale Interaktionen und Handelsmöglichkeiten erlauben. Auch wenn die Werte vieler NFT-Sammlungen von Künstlern rapide an Wert verloren haben, wird der Wert von digitalen Besitznachweisen von immer mehr Unternehmen verstanden. Andere Bereiche wie Blockchain und Konnektivität entwickeln sich stetig weiter, nachdem der erste Hype vorüber ist und der Fokus nun auf konkrete Anwendungen gelegt wird“, meint Faupel. Den Sektor von NFTs und Metaverse sieht hingegen W3-Fund-Manager Bredenbals zumindest in der aktuellen Situation etwas schwächer – auch wenn das vermutlich nur eine kurze Verschnaufpause sei. Gleichzeitig beobachte er aber, dass die Nutzungsmöglichkeiten der NFT-Technologie nach wie vor eine große Rolle in den strategischen Überlegungen von internationalen Brands spielen würden – und er rechnet in naher Zukunft mit einem einen deutlichen Zuwachs des Interesses an der Tokenisierung der Finanzwelt. Ebenfalls spannend findet er für die Zukunft das Thema „Regenerative Finance“, bei welchem sich die Blockchain-Technologie zunutze gemacht wird, um die großen Umweltprobleme zu bekämpfen. In Summe ist Bredenbals sehr optimistisch für die Zukunft: „In den nächsten Jahren werden Anwendungen entstehen, die man sich heute noch gar nicht vorstellen kann. Der größte Wert wird mit den Anwendungen entstehen, die Milliarden Nutzer weltweit verwenden.“ Durch neue und besser zugängliche Technologie im Bereich von Blockchain könnten sich ganz neue Geschäftsmodelle entwickeln. Als erste Beispiele nennt er die neuen blockchainbasierten Loyalty-Programme von Lufthansa und Starbucks.

Investoreninteresse noch immer vorhanden

Die Aussichten für Unternehmen, die sich im Bereich des Web3 bewegen, sind den Experten zufolge positiv zu bewerten. Aber weckt das auch das Interesse von Investoren? Faupel ist da optimistisch: „Die Stichworte Blockchain, NFT und Metaverse wecken definitiv noch immer das Interesse von Investoren, auch wenn sie vielleicht gerade vom Thema künstliche Intelligenz etwas in den Hintergrund gedrängt werden. Dazu kommt, dass es inzwischen vielfach auch Skepsis hinsichtlich der kurzfristigen Perspektive, der regulatorischen Aspekte und der Bewertung einzelner Projekte in diesen Technologiebereichen gibt. Das heißt, es reicht nicht, sich einfach eines dieser Labels zu bedienen, um damit das Interesse auf sich zu ziehen, sondern es wird vielmehr sehr viel genauer hingeschaut, was sich konkret dahinter verbirgt – und das ist eine grundsätzlich gute Entwicklung.“ Etwas pessimistischer schätzt Bredenbals die Lage ein: „Wir beobachten aktuell eine gewisse Grundskepsis rund um das Thema Web3. Der Skandal um FTX hat maßgeblich dazu beigetragen und die Investorenlandschaft stark beeinflusst. Gleichzeitig bieten die aktuellen Märkte allerdings eine große Chance für einen günstigen Einstieg in viele Assetklassen. Die Investoren, die weiterhin überzeugt davon sind, dass Web3 und Blockchain-Technologie das Internet grundlegend verändern, nutzen die aktuellen Kurse für sich aus und agieren bewusst antizyklisch.“ Und natürlich kann sich auch die Zukunftstechnologie Web3 nicht vollständig abkoppeln von dem insgesamt weltweit eher schlechten Investorenklima im Venture Capital-Bereich.