„Industrie nutzt Strom oft zum falschen Zeitpunkt“

Strom dann nutzen, wenn er verfügbar, günstig und klimafreundlich ist. - Foto: encentive CEO Nicolàs Juhl
Strom dann nutzen, wenn er verfügbar, günstig und klimafreundlich ist. - Foto: encentive CEO Nicolàs Juhl

Bildnachweis: Chaplin, VentureCapital Magazin.

Lange galt Energie als fixer Kostenblock für Industrieunternehmen. Heute entscheidet der Umgang mit ihr zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit. „Flexibilität im Energieverbrauch wird damit zur strategischen Frage“, sagt Nicolàs Juhl, CEO von encentive. Das Unternehmen aus Neumünster setzt genau hier an und entwickelt eine Plattform, die industrielle Anlagen nicht nur überwacht, sondern aktiv steuert, um Energie dann zu nutzen, wenn sie verfügbar und wirtschaftlich sinnvoll ist.

VC Magazin: Wie ist encentive entstanden und welches konkrete Problem aus der industriellen Praxis war der Ausgangspunkt für die Gründung?

Juhl: encentive kommt aus dem Norden Deutschlands. Dort machte mein Co-Founder Daniel die Beobachtung, dass Windräder trotz Wind immer wieder stillstehen und erneuerbare Energien nicht effektiv genutzt werden. Ausgangspunkt war daher die Frage, wie sich Energieverbrauch besser an die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien anpassen lässt.

Zunächst beschäftigten wir uns mit dem Gebäude- und Haushaltsbereich, etwa der intelligenten Steuerung von Wärmepumpen. Schnell wurde jedoch klar, dass der größte Hebel in der Industrie liegt: Einzelne Industriestandorte verbrauchen so viel Energie wie tausende Haushalte. Daraus entstand der klare Fokus, industrielle Anlagen aktiv zu steuern, um Kosten und CO₂-Emissionen in großem Maßstab zu senken.

VC Magazin: Was leistet die Plattform flexOn konkret und worin unterscheidet sie sich von klassischen Energie- oder Energiemanagementsystemen in der Industrie?

Juhl: Klassische Energiemanagementsysteme visualisieren, analysieren und Handlungsempfehlungen geben. Sie agieren wie ein Co-Pilot, der Unternehmen sagt, was sie tun könnten, aber nie selbst fliegt.

flexOn hingegen ist ein Auto-Pilot, der industrielle Anlagen vollautomatisch in Echtzeit steuert. Unsere KI setzt direkt im Maschinenraum an und optimiert Energieflüsse aktiv, ohne Produktionsprozesse zu beeinträchtigen. Dadurch nutzen Unternehmen Strom genau dann, wenn er günstig und grün ist, und sparen so automatisiert bis zu 20 % Energiekosten – ein qualitativer Unterschied zu rein analytischen Systemen.

VC Magazin: Warum rückt industrielle Energieoptimierung aus Ihrer Sicht gerade jetzt so stark in den Fokus von Investoren?

Juhl: Der Ausbau erneuerbarer Energien führt zu immer stärkerer Volatilität der Strompreise. Gleichzeitig kämpfen Industrieunternehmen mit dauerhaft steigenden Energiekosten. Energie ist damit zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden und kein nachgelagerter Kostenblock mehr.

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Flexibilität ist die strukturelle Antwort auf dieses Problem – und genau hier setzen wir bei encentive an. Unsere KI-basierte Plattform verwandelt den Risikofaktor Volatilität in eine Chance: Sie senkt Kosten, ermöglicht den Einsatz erneuerbarer Energien und verbindet modernste KI mit den realen Anforderungen der Industrie. Diese Kombination ist es, die unseren Lead-Investor General Catalyst letztes Jahr besonders überzeugt hat.

VC Magazin: Welche Use Cases treiben heute die Nachfrage nach flexOn und was sagen die erzielten Einsparungen über die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells aus?

Juhl: Die Nachfrage nach flexOn wird aktuell vor allem durch konkrete Anwendungsfälle in
energieintensiven Industriebetrieben getrieben – insbesondere dort, wo hohe Stromkosten und volatile Preise direkt auf die Marge wirken.

Ein zunehmend wichtiger Use Case ist der Einsatz von Batteriespeichern, um günstige
Strompreisphasen gezielt zu nutzen. Dabei begleiten wir unsere Kunden von der Simulation der optimalen Speicherdimensionierung bis zur sogenannten Multi-Use-Optimierung, bei der ein Speicher mehrere Ziele gleichzeitig erfüllt – etwa die Erhöhung des PV-Eigenverbrauchs und die Optimierung auf Börsenstrompreise.

Entscheidend für die Skalierbarkeit ist der wirtschaftliche Hebel pro Standort: Ein einzelner
Industriestandort kann durch flexOn so viel Energie und CO₂ einsparen wie tausende
Einfamilienhäuser. Diese Größenordnung zeigt, dass bereits wenige Kunden einen hohen
wirtschaftlichen Impact erzielen – und das Geschäftsmodell mit zunehmender Anlagenkomplexität und Standortgröße weiter skaliert.

VC Magazin: encentive hat kürzlich eine Seed-Runde abgeschlossen. Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für externes Kapital und wofür wird es konkret eingesetzt?

Juhl: Wir arbeiten schon lange an einer echten Lösung im Bereich der Flexibilisierung. Gerade jetzt kommen jedoch alle Wachstumshebel zusammen: Das Wort Flexibilisierung steht im Koalitionsvertrag, der Industriestrompreis kommt und die KI-Modelle sind so weit, dass sie echte Mehrwerte auf der Maschine erreichen können. Hinzu kommt, dass wir mit Industriegrößen zusammenarbeiten, was viel Nachfrage nach sich zieht.

Wir investieren das Kapital gezielt in den Ausbau der Engineering- und Development-Teams – sowohl im Hardware- als auch im Softwarebereich – sowie in die Weiterentwicklung der Plattform, insbesondere für Batteriespeicher und die Elektrifizierung industrieller Wärme. Parallel fließt das Kapital in die Skalierung des Marktzugangs.

VC Magazin: Wie sieht der nächste Wachstumsschritt aus: Wo liegt der Fokus bei Skalierung, Produktentwicklung und Markterschließung?

Juhl: Der nächste Wachstumsschritt liegt in der Integration weiterer industrieller Anlagen und der Expansion in zusätzliche Branchen. Technologisch fokussiert sich encentive auf drei
Flexibilitätswellen: Kälte, Batteriespeicher und die Elektrifizierung der Wärme. Auf der Markseite erfolgt die Skalierung zunehmend über Partner wie Energieversorger und Stromhändler. Sie haben bereits einen breiten Zugang zur Industrie. Gemeinsam ermöglichen wir es ihnen, innovative und zeitgemäße Lösungen für ihre Industriekunden anzubieten.

VC Magazin: Mit Blick nach vorn: Welche Vision verfolgen Sie mit encentive und welche Rolle soll das Unternehmen langfristig im industriellen Energiemarkt spielen?

Juhl: encentive verfolgt die Vision, Flexibilität zum Standard im industriellen Energiemarkt zu machen. Langfristig soll das Unternehmen die zentrale Steuerungsinstanz für industrielle Energieflüsse werden – vergleichbar mit einem Betriebssystem für industrielle Energieanlagen. Ziel ist es, wirtschaftlichen Erfolg und Dekarbonisierung untrennbar zu verbinden und die Industrie zum aktiven Treiber eines resilienten, klimaneutralen Energiesystems zu machen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über den Interviewpartner:

Nicolàs Juhl ist CEO der encentive.