Der Startschuss für eine neue Gründerära

Deeptech-Transfer mit den Startup Factories

CFO/COO Lena Sofie Gericke und CEO Arik Willner (Impossible Founders)
CFO/COO Lena Sofie Gericke und CEO Arik Willner (Impossible Founders)

Bildnachweis: Impossible Founders.

Deutschland steht vor einer strukturellen Herausforderung: Während das Land in der akademischen Grundlagenforschung weltweit eine führende Rolle einnimmt, besteht bei der Übersetzung dieser Erkenntnisse in marktfähige und skalierbare Geschäftsmodelle noch deutlicher Nachholbedarf. Dieses Problem soll nun durch einen systematischen Ökosystemansatz gelöst werden.

Der entscheidende Hebel hierfür trägt den Namen exist Startup Factories. Hinter dieser vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) initiierten Maßnahme verbirgt sich nicht weniger als ein Paradigmenwechsel in der nationalen Gründungsförderung. Die Bundesregierung hat erkannt, dass es einer neuen, unternehmerischen Geschwindigkeit bedarf, um im harten globalen Technologiewettbewerb dauerhaft zu bestehen.

Schaffung europäischer Knotenpunkte

Ziel ist die Schaffung europaweit sichtbarer Knotenpunkte, an denen Wissenschaft, Industrie und privates Kapital systematisch miteinander verschmelzen. Es geht um den Aufbau leistungsfähiger Start-up-Ökosysteme – Strukturen, die Gründungen ermöglichen, beschleunigen und skalieren. Unter der Dachmarke „Startup Germany“ setzt der Bund stattdessen auf einen Public-Private-Partnership-Ansatz. Die zehn neuen exist Startup Factories agieren als eigenständige, unternehmerisch geführte Einheiten und müssen zu mindestens 50% von privater Seite kofinanziert werden. Es geht nicht mehr um klassische Forschungsförderung, sondern um Exzellenz und eine konsequente Marktintegration.

Impossible Founders: Ein Hamburger Hochtechnologieprofil

Wie dieser ehrgeizige Plan und der damit verbundene Kulturwandel in der Praxis aussehen, lässt sich derzeit beispielhaft in Hamburg beobachten. Dort zeigt die exist Startup Factory Impossible Founders, auf welchem Weg sich diese neuen technologischen Leuchttürme befinden. Rund acht Monate nach ihrem offiziellen operativen Start liefern die Impossible Founders eine erste Bilanz, die verdeutlicht, wo die echten Hürden beim Transfer von Forschung in den Markt liegen. Die Vision der Hamburger Macher ist gewaltig: Sie wollen die Metropolregion zu einem der führenden europäischen Hubs für Deeptech formen. Dabei ist das technologische Profil messerscharf auf interdisziplinäre Zukunftsfelder wie Künstliche Intelligenz, Quantum Computing, Novel Materials, Greentech und Life Sciences ausgerichtet. Der Name der Initiative ist Programm – hier sollen gezielt Unternehmen entstehen, die nach herkömmlichen Maßstäben vielleicht nie das Licht der Welt erblickt hätten.

Starkes Bündnis aus Wissenschaft und Wirtschaft

Um ein Vorhaben dieser Größenordnung zu stemmen, setzt die als gemeinnützige GmbH (gGmbH) organisierte Factory auf ein in Hamburg bislang einmaliges Bündnis. Hinter den Impossible Founders verschmelzen die Wissenschaftseinrichtungen der Stadt – die Universität Hamburg (UHH), die Technische Universität Hamburg (TUHH) und das Deutsche Elektronen-Synchrotron (DESY) – systematisch mit finanzstarken Initiatoren wie der Michael Otto Stiftung und der Joachim Herz Stiftung. Den Brückenschlag zur Marktrealität sichern gewichtige Corporate-Partner wie die Otto Group und die Hamburger Sparkasse (Haspa). Angeführt wird das operative Team von CEO Dr. Arik Willner und CFO/COO Lena Sofie Gericke. Bezüglich der Frage, wie man brillante Forscher zu erfolgreichen Gründern macht, hat Willner eine klare Haltung: „Der entscheidende Shift ist nicht Mut, sondern Infrastruktur“, stellt der CEO klar. „Wissenschaftler werden nicht zu Unternehmern, weil man ihnen sagt, sie sollen schneller scheitern – sie werden es, wenn man ihnen ein System baut, das den Weg zum Markt real verkürzt.“ Er betont, dass das eng verzahnte Ökosystem globale Strahlkraft besitze. Sein Versprechen an die Forschung: „Unser Ziel ist nicht, Wissenschaftler zu ‚verändern‘. Sie bleiben exzellente Forscher – und lernen zusätzlich, wie man aus dieser Exzellenz skalierbare Wirkung macht.“

Status Quo: Systematik statt Zufall

In den ersten acht Monaten hat das Team ein beachtliches Tempo vorgelegt: Über 800 Bewerbungen gingen ein, 250 Personen nahmen an den Programmen teil, über 200 Ideen und Pitchdecks wurden gesichtet und zehn Teams sind bereits auf dem konkreten Weg zur Gründung. Willner resümiert: „Die ersten Monate waren vor allem eines: ein echter Aufbruch – und der Beweis, dass der Markt für dieses Modell bereit ist.“ Ein zentraler Meilenstein war dabei die systematische Verankerung im Hamburger Ökosystem, etwa durch die enge Abstimmung mit der Investitions- und Förderbank (IFB) Hamburg, um Parallelstrukturen zu verhindern. Den vermeintlichen Widerspruch zwischen wissenschaftlicher Präzision und der „Fail fast-Mentalität“ von Start-ups löst die Factory pragmatisch auf: „Der vermeintliche Widerspruch ist keiner – er entsteht nur, wenn man Wissenschaft und Unternehmertum zeitlich vermischt“, analysiert Willner. Während in der Forschung Präzision entscheidend ist, geht es im Unternehmertum darum, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben. Das Profil der Factory als operativer Beschleuniger zeigt sich in der erzwungenen Industrienähe: „Wir stellen sicher, dass der erste Industriekunde bereits früh im Prozess involviert ist – nicht erst, wenn ein Produkt fertig ist. Unsere Partner bringen konkreten Beschaffungsbedarf, Anwendungsszenarien und Markt-Feedback ein. Das verkürzt Entwicklungszyklen um Jahre, nicht Monate.“ Die Devise: Ein Prototyp muss nicht perfekt sein – aber relevant.

Die Hürden: Marktrealität und „Fast Tracks“

Ein traditioneller Hemmschuh ist der oft zähe Transfer von Intellectual Property (IP). Hier setzt die Factory auf konsequente Standardisierung und frühe Klärung. „Wir arbeiten an standardisierten Vereinbarungen, die Transferstellen, Gründerteams und Investoren eine gemeinsame Grundlage geben“, erklärt Willner. „Wir wollen sehr frühphasig mit den Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen kooperieren, sodass die Sicherung von IP bereits vom wirtschaftlichen Interesse getrieben wird.“ Das Ziel ist Vorhersehbarkeit: Investoren brauchen keine Garantien, aber sie brauchen einen klaren, kalkulierbaren Pfad. Dabei ist das Start-up für die Impossible Founders nur ein mögliches Vehikel, aber nicht das einzige: In manchen Fällen gehen wissenschaftliche Entwicklungen auch direkt in die Verprobung mit Unternehmen. „Wir bauen Impossible Founders bewusst nicht als reine Förderblase“, so Willner. „Aus Forschung entstehen keine isolierten Projekte, sondern Lösungen, die von Anfang an im realen Umfeld funktionieren müssen.“

Ausblick: Das System als echter Schutzwall

Der Zehnjahresplan ist mit über 170 Start-ups und 1,8 Mrd. EUR Investitionsvolumen hochgesteckt. Auf ein mögliches „Unicorn“ angesprochen, stellt Willner klar: „Ein einzelnes Unicorn ist für uns nicht das Ziel – und die Frage danach stellt das Modell gewissermaßen falsch herum.“ Entscheidend sei das Profil als reproduzierbares System, das technologische Schutzwälle errichtet. „Wettbewerber können ein Software-Produkt kopieren. Sie können nicht die geballte Forschungsinfrastruktur und die Jahrzehnte wissenschaftlicher Exzellenz des Verbunds aus DESY, UHH und TUHH kopieren. Das sind echte Burggraben“, ist Willner überzeugt. Wer heute investiert, kauft sich Optionalität auf genau diese Unternehmen zu „Pre-Hype-Konditionen“. Das Hamburger Beispiel zeigt: Der Wille zum radikalen Umbau der Gründungsförderung ist da. Ob der Spagat zwischen staatlichem Anspruch und privater Renditeerwartung dauerhaft gelingt, wird sich erweisen – das Fundament ist jedenfalls gelegt.