Bildnachweis: NRW.Bank.
Das Erfolgsmodell „deutscher Mittelstand“ steht zunehmend unter Druck. Steigende Kosten, volatile Märkte und die Dynamik technologischer Entwicklungen fordern Unternehmen in nie da gewesenem Ausmaß heraus. Besonders sichtbar wird das bei Innovationen und neuen Technologien. Während deren strategische Bedeutung unbestritten ist, bleibt die Investitionsbereitschaft verhalten.
Gerade der Mittelstand bleibt bei Investitionen in Forschung und Entwicklung (FuE) hinter seinem wirtschaftlichen Gewicht zurück kleine und mittlere Unternehmen (KMU) entfallen nur rund 8% der FuE-Ausgaben, obwohl ihr Umsatzanteil bei rund 28% des gesamten Umsatzes in Deutschland liegt. Das birgt erhebliche Risiken für die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland.
Innovationsdruck trifft Investitionslücke
Die Gründe dafür, dass der Mittelstand weniger in Innovationen investiert, sind vielfältig: Geopolitische Spannungen, steigender Kostendruck und regulatorische Anforderungen führen dazu, dass viele Unternehmen ihre Investitionen zurückstellen und sich auf das operative Geschäft konzentrieren. Ausbleibende Investitionen bergen dabei die Gefahr, im Wettbewerb nicht mehr Schritt halten zu können. Dabei geht es nicht mehr nur um einzelne Technologien, sondern um die Transformation ganzer Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Wer künftig wettbewerbsfähig bleiben will, muss diese Transformation aktiv gestalten und neue Wege gehen.
Kooperationen als Booster für Transformationen
In diesem Umfeld gewinnen Kooperationen mit Start-ups eine neue strategische Bedeutung. Sie sind längst mehr als ein Instrument zur Innovationsförderung: Für viele mittelständische Unternehmen sind sie heute ein zentraler Hebel, um Transformation im Kerngeschäft umzusetzen. Dennoch wird ihr Potenzial bislang nicht ausreichend gehoben. Kooperationen zwischen Start-ups und Mittelstand bleiben zu selten. Zugleich haben sich die Erwartungen kleiner und mittlerer Unternehmen an die Zusammenarbeit in den letzten Jahren deutlich gewandelt: In einer Studie von Startup-Verband und Accenture geben 57% der befragten Start-ups und sogar 73% der Scale-ups an, dass schnelle Ergebnisse und kurzfristige Gewinne für Kooperationspartner immer wichtiger werden. Damit steigen die Anforderungen an Start-ups spürbar. Sie müssen schneller belastbare Ergebnisse und einen klaren Mehrwert für das Kerngeschäft liefern. Diese neuen Spielregeln scheinen Kooperationen auf den ersten Blick zu erschweren. Doch bei genauerer Betrachtung steckt darin eine Chance. Es zeigt, dass sich Kooperationen weiterentwickeln: von explorativen Innovationsprojekten hin zu belastbaren Partnerschaften. Wenn Zusammenarbeit konsequent auf konkrete Geschäfts ergebnisse ausgerichtet ist, verändert das die Rolle der Start-ups – sie werden nicht mehr nur als Ideengeber wahrgenommen, sondern als operative Partner auf Augenhöhe.
Von der Idee zur Wertschöpfung im Kerngeschäft
Kooperationen mit Start-ups sind heute keine Image-Maßnahme mehr, sondern geschäftsprägend. Gefragt sind Lösungen, die sich zügig in bestehende Prozesse integrieren lassen, Effizienzpotenziale heben oder neue Umsatzquellen erschließen. Start-ups können hier gezielt Mehrwert schaffen, etwa durch die Automatisierung von Abläufen, den Einsatz datenbasierter Anwendungen, neue digitale Vertriebswege oder die Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen. Ein Beispiel aus der Praxis ist das Start-up OMMM aus Leverkusen. Das 2019 gegründete Unternehmen hat eine KI-basierte Lösung entwickelt, die die Planung der industriellen Produktion deutlich vereinfacht. Die Software berücksichtigt sämtliche Restriktionen in Produktionsprozessen, analysiert diese in Echtzeit und erstellt auf Knopfdruck optimierte Produktionspläne. Für Industrieunternehmen bedeutet das konkret: geringere Rüst- und Reinigungskosten, ein reduzierter Energie- und Rohstoffverbrauch sowie deutlich weniger Planungsaufwand. Gleichzeitig steigen Effizienz, Nachhaltigkeit und Servicelevel. Führende Unternehmen aus der Lebensmittel- und Baustoffindustrie setzen unter anderem bereits auf die Lösung des Start-ups. Weitere Kooperationen sind in der Pipeline. Über die reine Innovationswirkung hinaus können Kooperationen mit heimischen Start-ups auch die wirtschaftliche Resilienz des Mittelstands stärken. Unternehmen reduzieren Abhängigkeiten von außereuropäischen Technologien oder Anbietern, erschließen alternative Innovationsquellen und bauen eigenes Know-how gezielter auf.
NRW als Europas Reallabor für industrielle Transformation
Diese Entwicklung findet nicht isoliert statt, sondern im Zusammenspiel eines wachsenden Ökosystems von Mittelstand, Start-ups, Wissenschaft und Forschung, Investoren sowie Förderbanken und öffentlichen Partnern. Nordrhein-Westfalen zeigt, welches Potenzial ein solches Ökosystem birgt. Mit über 700.000 Unternehmen ist der Mittelstand in NRW breit und stark aufgestellt. Das macht ihn zu einem essenziellen Bestandteil für ein leistungsfähiges Start-up- und Innovationsökosystem. Er fungiert als Brücke zwischen technologischer Innovation und industrieller Skalierung. Mittelständische Unternehmen treten dabei nicht nur als erste Kunden auf, sondern vor allem als Pilotpartner und industrielle Anker, die es Start-ups ermöglichen, ihre Lösungen unter realen Marktbedingungen zu validieren und weiterzuentwickeln. Zugleich wächst das Start-up-Ökosystem in NRW dynamisch: Allein 2025 wurden hier 658 neue Start-ups gegründet; ein Zuwachs von 33% gegenüber dem Vorjahr. Damit liegt NRW deutschlandweit auf Platz zwei. Die Kombination aus starkem Mittelstand und hoher Gründungsdynamik macht NRW zum idealen Reallabor für industrielle Transformation. Hier treffen konkrete industrielle Bedarfe auf innovative technologische Lösungen. Kooperationen entstehen nicht abstrakt, sondern entlang realer Anwendungen.
Verbindende Rolle im Ökosystem
Als Förderbank übernimmt die NRW.Bank in diesem Ökosystem eine verbindende Rolle. Wir unterstützen sowohl Start-ups beim Wachstum als auch mittelständische Unternehmen bei der digitalen und nachhaltigen Transformation. Allein im Jahr 2025 hat die NRW.Bank Unternehmen und Gründende mit 3,3 Mrd. EUR gefördert. Für die Transformation der NRW-Wirtschaft haben wir dabei über 770 Mio. EUR bereitgestellt. Gleichzeitig beteiligen wir uns mit einem Bestand an Finanzierungszusagen in Höhe von 822 Mio. EUR über Co-Investments an Start-ups sowie mittelständischen Unternehmen und stärken so deren Wachstum wie auch den Transfer von Innovationen. Darüber hinaus schaffen wir Plattformen für den Austausch zwischen Mittelstand, Start-ups und Investoren, etwa mit der Private Equity-Konferenz NRW. Solche Formate bringen die relevanten Akteure zusammen und ermöglichen den unmittelbaren Austausch zu Kooperations- und Finanzierungsmöglichkeiten. Ziel ist es, Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen und Transformation im Mittelstand aktiv zu unterstützen.
Transformation braucht Zusammenarbeit
Wettbewerbsfähigkeit entsteht heute im Zusammenspiel der richtigen Partner. Mit dem richtigen Match entfalten sie ihre volle Wirkung. Sie führen zu neuen Produkten sowie effizienteren Prozessen und stärken so die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen. Darauf weisen auch die Ergebnisse der Studie von Startup-Verband und Accenture hin: 86% der etablierten Unternehmen, die bereits mit Start-ups kooperiert haben, haben demnach positive Erfahrungen gemacht. Das zeigt, welches Potenzial in solchen Partnerschaften steckt. Kooperationen sind damit kein Experiment mehr, sondern ein wirksamer Hebel für Innovation und Wachstum.
Über die Autorin:
Johanna Antonie Tjaden-Schulte ist Vorständin der NRW.Bank mit der Zuständigkeit für Vertrieb und Förderstrategie. Neben der transformatorischen Förderung von mittelständischen Unternehmen treibt sie das Ziel an, jungen Unternehmen nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen, um sich stark in NRW zu positionieren. Zuvor war sie bei der Commerzbank AG als Managing Director im Corporate Banking tätig.



