Bildnachweis: NRW.BANK.
Die NRW.Bank baut ihre Rolle als zentraler Finanzierungspartner im nach Wirtschaftsleistung größten deutschen Bundesland weiter aus. Während das Start-up-Ökosystem an Dynamik gewinnt und neue Fondsstrukturen entstehen, rücken Wachstumsfinanzierungen, Defencetech und die Transformation des Mittelstands stärker in den Fokus.
VC Magazin: Laut Startup-Verband konnte NRW im letzten Jahr erstmals bei der Zahl der Neugründungen an Berlin vorbeiziehen und landete mit 164 auf dem zweiten Platz hinter Bayern. Einen maßgeblichen Anteil daran hat die Frühphasenfinanzierung der NRW.Bank. Wie bewerten Sie das Start-up- Ökosystem in NRW derzeit?
Büth: Die aktuellen Zahlen zeigen klar, dass sich NRW in die richtige Richtung entwickelt. Neben der hohen Zahl an Neugründungen unterstreichen auch steigende Finanzierungsvolumina und Deal-Zahlen die Attraktivität des Ökosystems und des Standorts NRW insgesamt. 2025 war mit Blick auf die Anzahl der Transaktionen und auch hinsichtlich der Investitionsvolumina für uns ein Rekordjahr. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen ist attraktiv für jene, die hier gründen, aber auch für Start-ups, die sich weiterentwickeln und hier weiter verortet bleiben – so bleiben auch die Innovationen in NRW. Nordrhein-Westfalen etabliert sich damit zunehmend als starker Hub – getragen von einem breiten industriellen und wissenschaftlichen Fundament sowie neuen Initiativen wie den beiden Start-up-Factories im Ruhrgebiet und im Rheinland.
Köppe: Wir sehen darüber hinaus eine wachsende Fondslandschaft in NRW. Neue Regionalfonds haben sich in NRW konstituiert – mit VornVC im östlichen Ruhrgebiet und May Ventures im Münsterland. Zudem legt der Venture Capital-Fonds im Rheinland neoteq seine zweite Fondsgeneration auf. Größere Fundraisings etablierter Player wie Capnamic und Cusp Capital stärken das Ökosystem zusätzlich. NRW wird damit nicht nur für Gründer, sondern auch für Investoren immer attraktiver.
VC Magazin: Mit „NRW.Venture EU Tech&Scale“ hat die NRW.Bank einen neuen Wachstumsfonds aufgelegt. Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Fonds?
Büth: Mit dem Fonds stellen wir rund 200 Mio. EUR für wachstumsstarke, forschungs- und kapitalintensive Tech-Start-ups aus dem Deeptech-Bereich bereit. Ziel ist es, insbesondere die Finanzierungslücke in späteren Phasen zu schließen. Wachstumskapital fehlt leider noch in erheblichem Maße in Deutschland, und wir möchten das Signal senden, dass wir als NRW.Venture den Scale-ups hier zur Seite stehen. Wir können künftig bis zu 30 Mio. EUR pro Unternehmen investieren und agieren als Partner privater Investoren. Wir gehen davon aus, dass sich eine wachsende Zahl an Start-ups in Bereichen bewegen wird, die künftig hohe Volumina brauchen. Das gibt auch Unternehmen die Sicherheit, wenn sie in NRW gründen, dass sie hier auch langfristig Unterstützung finden und wir damit die Abwanderung von Innovationen verhindern und die Standortbindung stärken.
VC Magazin: Die NRW.Bank hat sich mit weiteren Förderbanken einer Initiative zur Förderung von Sicherheit und Verteidigung angeschlossen, und Defencetech rückt stärker in den Investitionsfokus. Welche Pläne verfolgen Sie mit Blick auf die Branche – haben Sie bereits erste Investments im Blick?
Büth: Im Zuge der geopolitischen Zeitenwende ist es wichtig, auch Unternehmen zu unterstützen, die zur Sicherheit und Landesverteidigung beitragen. Wir haben unseren Radius für das Venture- und das Mittelstandsgeschäft erweitert. Eine erste Finanzierung wurde bereits umgesetzt, weitere Gespräche laufen. Wir sehen hier ein wachsendes Marktsegment, auch wenn es sich noch in einer frühen Phase befindet. Die zunehmende Bedeutung dieses Sektors wird sich auch mit Blick auf die nächsten Jahre in unserem Portfolio widerspiegeln.
Köppe: Zusätzlich beobachten wir verstärkt Fonds, die sich auf Defencetech fokussieren. Erste Gespräche haben bereits stattgefunden, konkrete Investmententscheidungen stehen jedoch noch aus. Wir werden weiter das Ohr am Markt haben und nach passenden Fondsbeteiligungen schauen.
VC Magazin: Im Fokus der Private Equity-Konferenz steht in diesem Jahr die Transformation des Mittelstandes. Wie ist das Portfolio der NRW.Bank in diesem Bereich aktuell aufgestellt?
Köppe: Wir haben in den vergangenen Jahren eine Reihe von Investments gemeinsam mit Co-Investoren getätigt. Unser Portfolio ist breit diversifiziert und umfasst verschiedene Sektoren. Wir investieren typischerweise zwischen 5 Mio. und 10 Mio. EUR pro Engagement. Die Investmentanlässe reichen von Nachfolgelösungen über Wachstumsfinanzierungen bis hin zu Buy-outs. Wir sind dabei Partner für den Mittelstand auf dem Weg in die Transformation.
VC Magazin: Mit welchen Herausforderungen werden Ihre Mittelstandsunternehmen konfrontiert? Welche Rolle spielen Themen wie Geopolitik oder Digitalisierung für Ihr Portfolio?
Köppe: Geopolitische Unsicherheiten wirken sich direkt auf Kostenstrukturen, Lieferketten und Nachfrage aus. Digitalisierung und KI gewinnen in Produktion, Vermarktung und Verwaltung zunehmend an Bedeutung, insbesondere zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Klassischerweise spielen auch Themenbereiche wie Expansion oder Internationalisierung eine große Rolle.
VC Magazin: Was macht aus Ihrer Sicht eine erfolgreiche Transformation aus?
Köppe: Transformation ist ein kontinuierlicher Prozess. Erfolgreiche Unternehmen hinterfragen ihr Geschäftsmodell regelmäßig, identifizieren Risiken und Chancen frühzeitig und bleiben operativ flexibel. Entscheidend sind eine solide Eigenkapitalbasis sowie strategisch passende Investoren, die Wachstum und Anpassungsfähigkeit ermöglichen.
Büth: Um die Transformation gut bewerkstelligen zu können, braucht es Gesellschafter und Investoren, die das notwendige Kapital zur Verfügung stellen und die zukunftsorientierte Strategie formulieren. Transformation ist schließlich nichts Eindimensionales und eben auch nichts Kurzfristiges, sondern eine Daueraufgabe. Die aktuelle wirtschaftliche Gesamtsituation stellt sicherlich viele Herausforderungen an den Mittelstand. Umso wichtiger ist ein frühzeitiges, strukturiertes Herangehen – und damit auch eine intensive Befassung mit Fragen des richtigen Finanzierungsmixes von Wachstum und Transformation.
VC Magazin: Wie unterstützt die NRW.Bank Mittelständler bei der Transformation?
Köppe: Neben Beteiligungskapital bieten wir ein breites Spektrum an Finanzierungsinstrumenten von Beratung über Förderkredite bis zu Zuschussprogrammen. Gleichzeitig begleiten wir unsere Portfoliounternehmen eng, bringen Netzwerke ein und unterstützen bei strategischen Weichenstellungen.
Büth: Darüber hinaus fördern wir den Austausch über Formate wie unsere Private Equity-Konferenz, Seminare und Zugang zu unseren Netzwerken. Ziel ist es, Impulse zu setzen, Wissen zu teilen und Vernetzungen zu ermöglichen, sodass die Unternehmer bei uns auf vielfältigen Wegen Input und Unterstützung erhalten können.
VC Magazin: Auf welche Speaker und Programmpunkte freuen Sie sich bei der Konferenz am meisten?
Büth: Im Fokus steht für mich die inhaltliche Breite: Wir vereinen Perspektiven aus Praxis, Finanzierung, Beratung und Wissenschaft. Ich freue mich besonders darauf, dass wir ein kompaktes Bild von der Transformation des Mittelstands im Jahr 2026 in NRW mit der Konferenz abbilden.
Köppe: Ich freue mich insbesondere auf die Panels mit Mittelstandsunternehmen aus unserem Portfolio. Der direkte Einblick in die Praxis bietet einen besonderen Mehrwert für die Teilnehmer.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über die Interviewpartner:
Christoph Büth leitet seit 2018 den Bereich Eigenkapitalfinanzierungen der NRW.Bank, der das Venture Capital- und das mittelständische Beteiligungsgeschäft umfasst. Der gelernte Banker und Diplom-Kaufmann verfügt über umfassende Erfahrungen im Beteiligungsgeschäft aus der Tätigkeit bei mehreren Banken.
Claudia Köppe leitet seit 2018 die Abteilung Mittelstand und Fondsinvestments im Bereich Eigenkapitalfinanzierungen der NRW.Bank. Sie ist Diplom-Kauffrau und verfügt über langjährige Erfahrung im Beteiligungsgeschäft aus der Tätigkeit bei mehreren Banken und in der Industrie.



