Die technologische Ablösung des Faxgeräts

Digitale Souveränität als Wettbewerbsvorteil

Dr. Phillipp Kurtz und Dr. Niklas Zennder, Famedly
Dr. Phillipp Kurtz und Dr. Niklas Zennder, Famedly

Bildnachweis: Famedly.

Analoge Kommunikationswege wie das Fax bestimmen noch immer weite Teile des Gesundheitswesens und der öffentlichen Verwaltung. Das im Jahr 2019 gegründete Unternehmen Famedly aus Berlin adressiert dieses Problem. Die Gründer Dr. Phillipp Kurtz und Dr. Niklas Zender lernten sich während ihres Medizinstudiums kennen. Beide sammelten persönliche Erfahrungen mit den Defiziten der digitalen Infrastruktur in Krankenhäusern. In Berliner Kliniken wurden Patientendaten oft über mehrere Stockwerke hinweg gefaxt. Diese Beobachtungen führten zur Entscheidung für die Unternehmensgründung, damals mit exist gefördert. Heute versteht sich Famedly als wichtiger Akteur für sichere Messaging-Dienste.

Das Kernprodukt ist ein Messenger für die nationale Telematikinfrastruktur. Der Name des Unternehmens ist ein Kunstwort aus den Begriffen Family und Medical. „Der Name beschreibt unsere Idee einfach gut: die Gesundheitsbranche so eng zusammenzubringen wie eine Familie“, sagt Kurtz. Nach seinen Angaben ermöglicht das Tool den Austausch sensibler Informationen in Echtzeit. Dabei werden Röntgenbilder oder Laborwerte sicher zwischen verschiedenen Einrichtungen übertragen. Für diese Innovation erhielt das Team 2025 den Senkrechtstarter-Preis des Verlags Thieme. Die Fachjury würdigte damit die Verbesserung der digitalen Abläufe im Gesundheitswesen.

Strategische Begleitung durch Investoren

Die Entwicklung des Unternehmens wurde maßgeblich durch IBB Ventures unterstützt. Die Berliner Beteiligungsgesellschaft begleitete das Start-up durch komplexe regulatorische Phasen. Besonders die Zertifizierungsprozesse bei der nationalen Agentur für digitale Medizin, gematik, waren langwierig. Kurtz betont: „Deswegen war für uns IBB Ventures genau die richtige Mischung aus Wachstums-Mindset und Verständnis für deutsche Bürokratie.“ Ein US-amerikanischer Investor wäre für diese spezifischen Prozesse weniger geeignet gewesen. Im Jahr 2022 konnte das Haus eine Finanzierungsrunde über 2,5 Mio. EUR abschließen. Ein wichtiger Meilenstein war zudem die Kooperation mit dem Deutschen Apothekerverband. Heute nutzen über 90% aller Apo-theken in Deutschland die Technologie.

Datenschutz und technologische Unabhängigkeit

Ein zentraler Aspekt der Unternehmensstrategie ist die digitale Souveränität. Das Start-up bietet eine Alternative zu den großen Plattformen aus den USA. Für Kurtz ist technologische Unabhängigkeit in der aktuellen Weltlage eine absolute Notwendigkeit. Die Architektur des Messengers sieht vor, dass die Daten auf deutschen Servern verbleiben. Jede Einrichtung kann zudem über den genauen Standort der Server entscheiden. Dieser Fokus auf den Datenschutz eröffnet dem Haus inzwischen neue Geschäftsfelder. Öffentliche Auftraggeber zeigen laut dem Unternehmen ein wachsendes Interesse an souveränen Lösungen. Die Emanzipation von außereuropäischen Anbietern in kritischen Infrastrukturbereichen wird zum entscheidenden Kriterium bei Ausschreibungen.

Expansion in den Verteidigungs- und Behördensektor

Die Kompetenzen im Gesundheitsbereich lassen sich auf andere sensible Sektoren übertragen. Das Unternehmen konnte bereits Aufträge im Bereich der nationalen Sicherheit gewinnen. Für die BWI GmbH wird eine Verschlüsselung in den Messenger der Bundeswehr implementiert. Laut Kurtz entscheiden sich Kunden gezielt für Partner mit einer klaren Produktvision. Auch das Land Niedersachsen und Behörden in Schleswig-Holstein nutzen die zugrunde liegende Open Source-Technologie bereits und arbeiten zur Weiterentwicklung mit Famedly zusammen. Das Unternehmen erwartet für das laufende Geschäftsjahr einen Umsatz von 10 Mio. EUR.