„AI Nation beendet die ‚KI-Kleinstaaterei’“

Interview mit Frizzi Engler-Hamm, AI Nation

Frizzi Engler-Hamm & Laura Möller (AI Nation)
Frizzi Engler-Hamm & Laura Möller (AI Nation)

Bildnachweis: Steffen Kastner.

Deutschland möchte eine führende Rolle bei der KI einnehmen. Frizzi Engler-Hamm, CEO des Munich Innovation Ecosystem und Co-Initiatorin von AI Nation, erklärt im Interview, wie die „Innovationsagenda 2030“ Forschung, Start-ups und Industrie zusammenbringt, warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist und wie AI Nation wissenschaftsnahe Teams von der Idee bis zum Markteintritt unterstützt. AI Nation ist eine bundesweit agierende Plattform zur Förderung von wissenschaftsnahen KI-Start-ups.

VC Magazin: München will sich als europäischer Hotspot für Künstliche Intelligenz etablieren. Was manifestiert die „Innovationsagenda 2030“ dazu, und welche Rolle spielt AI Nation dabei?

Engler-Hamm: München hat einen unglaublichen Innovationsmotor in sich: exzellente
Hochschulen, Weltmarktführer aus Industrie und Technologie, ein starkes Start-up-Netzwerk. Die Innovationsagenda 2030 – mit den fünf zentralen Handlungsfeldern KI-Hub, Scale-up City, Cleantech, Innovationsoffenheit und gezielte Positionierung – bringt diese Kräfte zum ersten Mal strategisch zusammen. Sie schafft Rahmenbedingungen, damit Forschung schneller in Wertschöpfung übergeht, Talente hierbleiben und wir technologischen Fortschritt mit gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Unser Anspruch: München soll ein Ort sein, von dem aus KI „made in Germany“ global sichtbar wird. AI Nation ist dabei ein wichtiger operativer Hebel. Wir sorgen dafür, dass aus Spitzenforschung echte KI-Produkte werden. Mit unserem Netzwerk öffnen wir Türen – zu Kapital, zu Labors, zu Industriepartnern – und helfen Forschenden dabei, Gründerinnen oder Gründer zu werden und aus einer Idee ein skalierbares Geschäftsmodell zu bauen.

VC Magazin: Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, um eine Initiative wie AI Nation zu starten – und was unterscheidet München von anderen Innovationsstandorten?

Engler-Hamm: Wir stehen an einem Wendepunkt. KI entwickelt sich rasant, die Innovationszyklen werden kürzer. Deutschland und Europa drohen beim KI-Rennen nur Zuschauer zu sein, weil die USA und China global den Ton angeben. Es passiert auch schon etwas hierzulande. Es gibt viele regionale Initiativen, aber wenig gemeinsame Schlagkraft. AI Nation beendet die „KI-Kleinstaaterei“: Wir bündeln die führenden KI-Hubs in Berlin und München und öffnen unsere Angebote für Talente aus dem ganzen Land. München ist dabei besonders: Nirgendwo sonst findet man diese einzigartige Mischung aus Exzellenz in der Forschung, internationaler Unternehmenslandschaft und Lebensqualität. Hier können KI-Start-ups nicht nur entstehen, sondern direkt mit Weltmarktführern zusammenarbeiten – vom Mittelstand bis zu Global Playern. Und genau das zieht Talente und Investoren an.

VC Magazin: AI Nation fördert Start-ups unter anderem mit Grants und einem Accelerator-
Programm. Welche Art von Gründerinnen und Gründern möchten Sie damit besonders ansprechen?

Engler-Hamm: Wir suchen wissenschaftsnahe Teams, die nicht nur coole Tech-Demos bauen, sondern Probleme lösen, die Industrie und Gesellschaft wirklich bewegen. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, KI nachhaltig und verantwortungsvoll einzusetzen, und wer Lust hat, aus einer Vision ein globales Unternehmen zu machen, den holen wir ab – mit bis zu 54.000 EUR Funding, Know-how, Netzwerk und einer klaren Struktur für den Weg von der ersten Idee bis zum Markteintritt. Unsere Förderung besteht konkret aus zwei Säulen: Beim AI Nation Grant gibt es Förderung für Teams vor der Ausgründung einer KI-basierten Idee mit bis zu 54.000 EUR pro Team, Zugang zu Coaches, Mentoren und Experten. Das Ziel des Programms ist es, Ideen zu validieren und Prototypen zu entwickeln. Der AI Nation Accelerator ist ein Wachstumsprogramm für wissenschaftsnahe KI-Start-ups nach der Gründung in Form von sechs Monaten intensiver
Unterstützung bei Marktstrategie, Produktentwicklung und Finanzierung. Neben Zugang zu
Investoren und Partnern gibt es zusätzlich bis zu 10.000 EUR Förderung.

VC Magazin: Welche konkreten Projekte mit Start-up gibt es bereits?

Engler-Hamm: Das Spannende bei AI Nation: Die meisten Teams starten noch vor der Unternehmensgründung direkt aus der Forschung – und durch unser Programm schaffen sie den Sprung in den Markt sehr schnell. Aktuell arbeiten bei uns Teams aus allen denkbaren Bereichen, von Healthcare über Real Estate und Tourismus bis Manufacturing, Transport, Finance und Energy Management, hauptsächlich B2B. Um ein paar unserer AI-Nation-Alumni zu nennen: SmartAIs etwa entwickelt eine innovative, KI-gestützte Smartphone-App als Orientierungshilfe für blinde und sehbehinderte Menschen. SynthesEyes arbeitet an einer KI-basierten Simulationsplattform für spezielle medizinische Operationen. Pantohealth bietet KI-gestützte, vorausschauende Instandhaltung, Echtzeitüberwachung und Datenanalyse für die Bahninfrastruktur. Lucid Genomics entwickelt eine KI-basierte Digital-Healthtech-Plattform zur umfassenden DNA-Analyse.

VC Magazin: Wie gelingt es Ihnen, die Brücke zwischen Universitäten, Forschung und Wirtschaft zu schlagen – und welche Rolle spielen die Partner dabei?

Engler-Hamm: Indem wir die Welten aktiv verbinden. Forschende finden bei uns
Sparringspartner aus der Industrie, die echtes Marktfeedback geben. Corporates bekommen Zugang zu jungen Technologien, die ihr Kerngeschäft in fünf Jahren verändern könnten. AI Nation wird getragen von Science & Startups aus Berlin sowie dem Munich Innovation Ecosystem, der Start2 Group, dem Strascheg Center for Entrepreneurship und den TUM Venture Labs. Dieses Netzwerk sorgt aktiv dafür, dass Wissen nicht im Labor stecken bleibt, sondern zur Wertschöpfung beiträgt.

VC Magazin: Welche gesellschaftlichen oder ökologischen Wirkungen wünschen Sie sich von den Start-ups, die aus AI Nation hervorgehen?

Engler-Hamm: Wenn wir es schaffen, Technologie und Verantwortung zusammenzudenken, wird KI nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als Chance. Mit AI Nation wollen wir genau dazu ermutigen – denn wir brauchen viel mehr Start-ups, die Ressourcen sparen, Lieferketten transparenter machen, medizinische Diagnostik verbessern oder die Kreislaufwirtschaft vorantreiben.

VC Magazin: Für Corporates ist die Initiative eine Einladung zur Kooperation. Welche
konkreten Chancen ergeben sich für etablierte Unternehmen, wenn sie Teil des Netzwerks werden?

Engler-Hamm: Durch eine Partnerschaft mit AI Nation können Corporates und Mittelständler sehr früh an KI-Innovation andocken, ohne selbst das volle Risiko zu tragen. Wir kuratieren die spannendsten Teams, bieten Formate für Pilotprojekte und Co-Creation und öffnen Zugang zu Talenten. Wer Teil von AI Nation ist, wird nicht von KI überrascht, sondern gestaltet sie aktiv mit!

VC Magazin: Wo sehen Sie München im Jahr 2030 im Vergleich zu anderen internationalen
Tech-Standorten – etwa Paris, Tel Aviv oder dem Silicon Valley?

Engler-Hamm: Ich sehe München in einer Liga mit anderen internationalen Tech-Hubs. Die Stadt ist ein führendes Zentrum für angewandte KI, besonders in Industrie, Robotik und nachhaltigen Technologien. Wir werden die USA oder China wohl nicht mehr überholen. Aber wir können ein eigenes Profil entwickeln: KI aus München, Deutschland und Europa soll für Qualität, Sicherheit und Skalierbarkeit stehen.

VC Magazin: Was wäre für Sie der größte Erfolg, wenn Sie in einigen Jahren auf AI Nation zurückblicken?

Engler-Hamm: In einigen Jahren blicken wir auf ein Netzwerk von KI-Gründerinnen und -Gründern, die weltweit erfolgreich und zugleich fest in Deutschland verwurzelt sind. Heute zählen wir hierzulande über 900 aktive KI-Start-ups. Wenn es uns gelingt, diese Zahl in den nächsten Jahren zu erhöhen und den Boosteffekt durch KI für die Wertschöpfung zu verzehnfachen, kann daraus ein zentraler Motor unseres Wohlstands entstehen. Und vielleicht werden Politik, Wissenschaft und Wirtschaft dann sagen: „AI Nation hat geholfen, Deutschland auf der KI-Weltkarte sichtbar zu machen!“

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Interviewpartner:

Frizzi Engler-Hamm und Laura Möller sind die Co-Initiatorinnen der AI Nation.