„­Spannende­ Gründungen entstehen, wo ­industrielle Kompetenz auf­ Forschungsstärke trifft“

Interview mit Romy Schnelle, Sebastian Borek und Dr. Achim Plum, HTGF

Dr. Achim Plum, Sebastian Borek und Romy Schnelle, HTGF
Dr. Achim Plum, Sebastian Borek und Romy Schnelle, HTGF

Bildnachweis: HTGF.

Deutschland verfügt über starke Forschung, industrielle Kompetenz und wachsende Tech-Hubs. Darin sind sich die drei Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds (HTGF) einig, und sie wissen auch: Um im globalen Wettbewerb zu bestehen, braucht es mehr Transfer, Kapital und klare Standortprioritäten, damit aus Innovationen skalierbare Unternehmen entstehen.

VC Magazin: Deutschland positioniert sich im globalen Wettbewerb um Deeptech-Innovationen. Mit welchen Standortfaktoren kann Deutschland punkten?

Plum: Deutschland hat eine exzellente Forschungsbasis: dichte Hochschullandschaft, starke außeruniversitäre Forschung und Cluster wie München, Aachen oder Berlin. Unser Investmentteam sieht einen Großteil des relevanten Tech-Dealflows. Wir haben kein Ideen-, sondern ein Transferproblem: Es fehlt an unternehmerischer Ausbildung in den MINT-Fächern und an Strukturen, die Forschung systematisch in wachstumsstarke Unternehmen überführen. Das richtige Rüstzeug dafür ist die Voraussetzung für alles, was danach kommt.

Schnelle: Die Gründungsdynamik stimmt – wir sehen mehr Deeptech, mehr Hardware. Es kommt darauf an, diese Unternehmen wirklich groß zu machen. Viele Start-ups liefern, wachsen und stoßen dann beim Hochskalieren an eine Kapitaldecke. Je besser wir Gründende auf diesen Weg vorbereiten, desto einfacher wird es, das nötige Kapital zu mobilisieren. Deutschlands Start-ups brauchen starke Partner und deutlich mehr heimisches Wachstumskapital, das mitzieht. 2025 haben wir rund 1,3 Mrd. EUR an Anschlussfinanzierungen in unser Portfolio mobilisiert – davon fast 90% privates Kapital. Das Modell „öffentlich stößt an, privat skaliert“ funktioniert. Aber wir müssen es weiter skalieren.

VC Magazin: In vielen Regionen abseits der Hotspots entstehen immer mehr Tech-Hubs. Welche Regionen überraschen Sie aktuell positiv?

Borek: Die eigentliche Frage ist, wo echte kritische Masse entsteht. Wir brauchen eine klare Priorisierung der Regionen, in denen starke Forschung, Industrie und Gründungsdynamik zusammenkommen. Die Startup Factories sind dafür ein wichtiger Hebel: Dort werden Forschung, Industriepartner, Kapital und Venture Building bewusst an ausgewählten Standorten gebündelt. Die stärksten Cluster entstehen dort, wo die Rahmenbedingungen stimmen, nicht dort, wo am lautesten geworben wird.

Plum: Was wir gerade im Life Sciences- und Chemiebereich sehen: Sachsen und Niedersachsen gewinnen spürbar an Bedeutung. Beide profitieren von exzellenter Hochschulforschung und engen Verbindungen zur regionalen Industrie. Die klassischen Dealflow-Regionen Berlin, Bayern, der Rhein-Neckar-Raum rund um Heidelberg und Nordrhein-Westfalen bleiben weiterhin dominant. Was mich freut: Die Karte wird breiter.

Schnelle: Viele spannende Gründungen entstehen dort, wo industrielle Kompetenz auf Forschungsstärke trifft. Sachsen zeigt beispielsweise, was passiert, wenn Halbleiter- und Mikroelektronikforschung auf unternehmerischen Geist trifft. Mit einer 100-Mio.-EUR-Finanzierungsrunde hat FMC kürzlich eines der größten Investments im europäischen Halbleitersektor abgeschlossen.

VC Magazin: Defencetech und KI stehen derzeit stark im Fokus. Welche Investitionstrends sehen Sie, was ist für den HTGF derzeit besonders spannend?

Schnelle: Viele der Technologien, in die wir seit Jahren investieren, haben von Natur aus Dual Use-Charakter: Quantensensorik, Raumfahrtinfrastruktur, Kommunikationstechnologien. Die Grenze zwischen ziviler und sicherheitsrelevanter Anwendung ist fließend, und das ist ein Merkmal technologi-scher Tiefe. Was mich als Investorin antreibt, ist die Überzeugung, dass Europa in diesen Feldern eigene Stärke aufbauen muss.

Borek: KI ist eine der grundlegendsten technologischen Entwicklungen. Was zählt, ist KI, die tief in reale Prozesse eingebettet ist: in der Medizin, im Engineering, in der Produktion. Agentic AI-Ansätze ermöglichen kleinen Teams, deutlich schneller marktreife Produkte zu bauen. Die Eintrittsbarrieren sinken, der Wettbewerb wird härter. Proprietäre Daten, klare Anwendungsfälle und echte Effizienzgewinne – das sind die entscheidenden Wettbewerbsvorteile.

Plum: Im Life Sciences- und Chemiebereich sehen wir enorme Hebel durch KI: in der Insilico-Drug-Discovery, KI-gestützter Diagnostik, Surgical Robotics und Synthetic Biology. Designte Enzyme, neue Biomanufacturing-Prozesse und Second-Generation-Feedstocks können die chemische Industrie strukturell Richtung Bioökonomie drehen. Das sind Technologien, die wir investierbar machen und über unsere Venture Capital-Plattform langfristig begleiten, mit dem Atem, den diese Zyklen brauchen.

VC Magazin: Wie zugänglich erleben Sie die Industriepartner gegenüber Investments und Start-ups, welche Art der Zusammenarbeit nehmen Sie wahr?

Schnelle: Wir erleben mehr Offenheit, aber auch einen deutlich professionelleren Zugang. Co-Entwicklungen mit klaren Meilensteinen, Pilotprojekte mit harten KPIs und definierte Venture Client-Strukturen sind heute deutlich weiter verbreitet als noch vor ein paar Jahren. Gerade in Deeptech-Feldern sind Industriepartner der Hebel, um aus einer Laborlösung ein marktreifes Produkt zu machen.

Plum: Viele unserer Fondsinvestoren – 67 Unternehmen und Family Offices – kommen zum HTGF, weil sie Zugang zu Zukunftstechnologien suchen. Wir filtern früh, welche Teams und Technologien für Wertschöpfungsketten relevant werden können. Damit werden unsere Portfoliounternehmen zur verlängerten Werkbank im R&D-Prozess für die Wirtschaft – Start-ups werden zur externen Innovationseinheit für Industrie und Mittelstand.

Borek: Ich erlebe gerade einen echten Kulturwandel. Große Unternehmen, die vor fünf Jahren noch primär auf interne F&E gesetzt haben, setzen heute systematisch auf die Zusammenarbeit mit Start-ups. Das ist eine strategische Neuausrichtung. Als HTGF denken wir dabei nicht nur als Kapitalpartner, sondern auch als Thinktank für den Wirtschaftsstandort – mit der Verantwortung, Start-ups und Industrie dauerhaft zusammenzubringen.

Jetzt online: VC Magazin Sonderausgabe "Standorte, Regionen & Technologien 2026"!
Jetzt online: VC Magazin Sonderausgabe „Standorte, Regionen & Technologien 2026“!

VC Magazin: Welche Exit-Märkte der Zukunft sehen Sie, in welche Richtung sollten sich Exits bewegen?

Borek: In der Spätphase stammt ein großer Teil der höheren Wagniskapitaltickets für deutsche Start-ups von Investoren mit Sitz im Ausland. Das heißt: Ein großer Teil der Wertschöpfung entsteht hier, wird aber von internationalen Investoren gehebelt – mit der Folge, dass hoch qualifizierte Arbeitsplätze und strategische Entscheidungen oft ins Ausland wandern. Wenn wir wollen, dass mehr große Exits in Europa stattfinden, brauchen wir ein andere Kapitalarchitektur.

Plum: Solange das Risiko der Spätphasenfinanzierung als sehr hoch wahrgenommen wird, greifen die Gründer und Investoren oft lieber nach dem Spatz in der Hand als nach der Taube auf dem Dach. Wenn wir dieses Risiko senken, durch tiefere Kapitalmärkte, mehr Eigenkapital mit langem Atem und starke Wachstumspartner, wächst die Bereitschaft, Unternehmen länger eigenständig aufzubauen. Dasselbe gilt für Börsengänge: Wenn der Risikoappetit nicht so hoch wie in den USA ist, dann ist die Antwort nicht ein neuer Börsenplatz, sondern Unternehmen so weit zu entwickeln, dass sie zum Appetit passen. Was zählt, sind Pensionskassen, Versicherer und Stiftungen, die Innovation als normale Anlageklasse begreifen. Das ist die eigentliche Stellschraube. Mit dem HTGF Opportunity und dem DTCF haben wir Instrumente, die genau diese Lücke adressieren – Kapital mit längerem Zeithorizont, das Unternehmen bis zur Exit-Tauglichkeit begleitet. Auch auf EU-Ebene tut sich etwas: Der Scaleup Europe Fund des EIC zielt genau darauf ab, europäischen Scale-ups den langen Atem zu geben, den sie brauchen.

VC Magazin: Wenn Sie fünf bis zehn Jahre in die Zukunft schauen: Welche technologischen Durchbrüche aus Deutschland haben das Potenzial, globale Märkte nachhaltig zu prägen?

Schnelle: Fusionsenergie, neue Speichertechnologien und Power-to-X-Lösungen können die globale Energieversorgung neu ordnen und Deutschland hat in diesen Feldern echte Substanz. Proxima Fusion ist ein konkretes Beispiel dafür, wie weit diese Technologien bereits gediehen sind. Zirkuläre Geschäftsmodelle und biobasierte Materialien werden ganze Industriezweige strukturell verändern. Wenn Europa hier nicht investiert, werden diese Durchbrüche andernorts stattfinden – und wir werden zum Abnehmer.

Plum: Vollautonome Surgical Robotics wird die operative Medizin neu definieren. Und das nicht als technologische Spielerei, sondern als Antwort auf den globalen Mangel an ausgebildeten Chirurginnen und Chirurgen. In-silico-Drug-Discovery wird einen der kostspieligsten Prozesse der Pharmaindustrie dramatisch verkürzen. Und Synthetic Biology hat das Potenzial, die chemische Industrie auf ein biobasiertes Fundament zu stellen. Das sind Technologien, an denen Teams in unserem Portfolio heute arbeiten.

Borek: Was mich am meisten interessiert, ist nicht eine einzelne Technologie, sondern das Zusammenspiel – autonome KI-Agenten, die rund um die Uhr arbeiten; Roboter, die in der Produktion und Logistik echte Entscheidungen treffen; Quantencomputing, das Optimierungsprobleme löst, an denen klassische Systeme scheitern. Der Durchbruch wird nicht im Labor entstehen, er entsteht dort, wo diese Technologien konvergieren.

VC Magazin: Welche Investitions- oder Standortentwicklungen machen Ihnen in diesen wirtschaftlich angespannten Zeiten Hoffnung und Mut?

Plum: Dass die Probleme klar benannt sind – von der Gründungsbürokratie bis zur Schwäche in der Wachstumsfinanzierung – und es politischen Willen gibt, gegenzusteuern. Die neue Start-up- und Scale-up-Strategie der Bundesregierung ist ein konkretes Signal in die richtige Richtung. Und dass Deutschland – trotz der aktuellen Schieflage – als drittgrößte Volkswirtschaft eine enorme Forschungs- und Technologiebasis und damit eine hervorragende Grundlage für eine Erneuerung hat. Wenn wir über Start-ups reden, reden wir eigentlich über die industrielle Wettbewerbsfähigkeit der nächsten Jahrzehnte.

Borek: Wir sehen im Portfolio, wie viel Substanz in Start-ups steckt: Teams, die reale Engpässe lösen, eigene Technologie bauen und Wertschöpfung schaffen, die sich nicht kopieren lässt. Die Frage ist, ob wir ihnen hier die richtigen Kapitalpfade bieten – oder ob andere Ökosysteme schneller sind. Mit unseren Seed-Fonds, dem DTCF und dem HTGF Opportunity entwickeln wir uns zur Multi-Stage-Venture-Capital-Plattform, und genau das braucht es, um aus europäischen Start-ups Tech Champions zu machen.

Schnelle: Als HTGF sehen wir uns dabei als Motor: Wir machen Schlüsseltechnologien investierbar und begleiten die besten Teams verlässlich von der ersten Runde bis zur Wachstumsphase. Wenn wir jetzt langfristige Anleger stärker in den Markt holen und Finanzierung so gestalten, dass Wachstum wirklich möglich wird, kann aus der aktuellen Gründungsdynamik ein neues Wirtschaftswunder entstehen.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Interviewpartner:

Dr. Achim Plum, seit Januar 2025 Geschäftsführer des HTGF, bringt über 20 Jahre Erfahrung und ein großes Netzwerk in der Life Sciences-­Industrie mit. Der promovierte Genetiker verfügt über Expertise unter anderem in den Bereichen Diagnostik, Präzisionsmedizin, Life Sciences Tools und Medizintechnik.

Sebastian Borek ist seit Oktober 2025 Geschäftsführer des HTGF und leitet den Investmentbereich Digitaltech. Er bringt mehr als 25 Jahre internationale Erfahrung im Aufbau digitaler Geschäftsmodelle, technologieorientierter Start-ups und Venture Capital-Strukturen mit.

Romy Schnelle ist seit Mai 2023 Geschäftsführerin des HTGF und verantwortet den Bereich Industrial, Climate & Deeptech. Seit 2008 ist ­Schnelle Teil des HTGF und baute ein starkes Portfolio im Deep- und ­ Digitaltech auf und realisierte zahlreiche erfolgreiche Exits wie der Verkauf von stocard an Klarna.

Zum HTGF Family Day 2026 Event-Recap!