Sicherheit oder Soziales? Das ist nicht die Frage!

Kommentar

Dr. Peter Güllmann, Bank im Bistum Essen
Dr. Peter Güllmann, Bank im Bistum Essen

Bildnachweis: © Bank im Bistum Essen.

Der Angriffskrieg Russlands auf die ­Ukraine, eskalierende Kriege im Nahen Osten und eine weltweit zunehmende Zahl autokratischer Tendenzen erschüttern aktuell das Sicherheitsgefühl vieler Menschen.

Und plötzlich verschieben sich politische und wirtnisfähigkeit sowie militärische Resilienz rücken in den Vordergrund. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, die Förderung globaler sozialer Infrastrukturen und das Verfolgen von Nachhaltigkeitszielen für eine menschen- und zukunftsorientierte Welt geraten zunehmend ins Hintertreffen.

Erhält das „S“ in ESG eine neue Bedeutung?

Schon gibt es erste Stimmen, die provokativ fragen: Sollte das „S“ in ESG künftig nicht mehr für „Social“, sondern für „­ Security“, also Sicherheit stehen? Diese Frage ist nicht nur zynisch und fehlgeleitet – sie ist gefährlich: Denn sie unterstellt, dass Nachhaltigkeit als Gesamtkonzept und Sicherheit als menschliches Grundbedürfnis in einem Zielkonflikt stehen. Genau das Gegenteil ist der Fall: Ohne (soziale) Nachhaltigkeit gibt es keine Sicherheit. Warum ist dem so? Beginnen wir mit der sozialen Dimension. Gesellschaftliche Stabilität entsteht nicht durch Aufrüstung und Abschottung, sondern durch funktionierende Institutionen, Vertrauen, Teilhabe und Perspektiven. Demokratie ist kein Selbstläufer – sie braucht wirtschaftliche Stabilität, soziale Gerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit. Genau hier setzt das „S“ in ESG an. Apropos wirtschaftliche Stabilität: Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern hat Europa verwundbar gemacht – politisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch. Der Ausbau erneuerbarer Energien als zentraler Bestandteil der nachhaltigen Transformation ist daher nicht nur Klimaschutz, sondern ein wesentlicher Baustein strategischer Souveränität und stabiler wirtschaftlicher Verhältnisse – und damit unmittelbar sicherheitsrelevant. Nicht zuletzt verschärfen der Klimawandel und die Vernachlässigung der Nachhaltigkeitsziele die globale Ressourcenknappheit sowie Extremwetterereignisse – mit der Folge einer weiteren Destabilisierung gefährdeter Regionen, wachsender geopolitischer Spannungen und zunehmender Migrationsbewegungen.

Resilient sein heißt: Komplexität aushalten

Natürlich wird das Thema Sicherheit für die Wirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen. Bündnisfähigkeit, Lieferkettenstabilität und der Schutz kritischer Infrastrukturen rücken stärker in den Fokus. Diese Form der Resilienz wird langfristig auch die Finanzwirtschaft prägen. Doch Resilienz bedeutet eben nicht nur kurzfristige Krisenfestigkeit, sondern vor allem langfristige Anpassungsfähigkeit. Und genau diese entsteht durch nachhaltige Strukturen: durch robuste Energiesysteme, eine intakte Umwelt und stabile Gesellschaften, die ein dauerhaftes Interesse an Frieden und Gerechtigkeit verfolgen

 

Über den Autor:

Dr. Peter Güllmann ist Vorstandssprecher der Bank im Bistum Essen und unter anderem verantwortlich für das Kreditgeschäft, Mikrofinanzierung und Nachhaltigkeit. Zudem ist er Vorsitzender des Rats für Wirtschaft und Soziales beim Bischof von Essen.