„Wir haben mehr Unternehmen, die solche Finanzierungsrunden aufnehmen können“

Exclusiv-Interview zur 45 Mio. EUR-Runde von brillen.de
Lydia Benkö und Patrice Deckert von DCA Europe begleiteten die Finanzierungsrunde.
<

VC Magazin: Das Investment in brillen.de ist die erste Beteiligung von TCV in Deutschland. Wie gefragt sind deutsche Tech-Unternehmen aktuell bei internationalen Investoren?
Deckert: In den letzten Wochen und Monaten hat man einige größere Finanzierungsrunden von deutschen Technologieunternehmen mit internationalen Venture Capital-Gesellschaften gesehen. Aus unserer Sicht ist für Investments dieser Größenordnung aber der Standort nicht das entscheidende Kriterium, sondern es geht vielmehr um die Qualität des Unternehmens, die Technologie bzw. die dahinterliegende Wachstumsstory. Nichtsdestotrotz ist es natürlich von Vorteil, wenn das Start-up beispielsweise in Berlin sitzt, wo es vergleichsweise geringe Kosten und einen guten Zugang zu qualifiziertem Personal hat.
Benkö: Ein Grund weshalb es aktuell vermehrt zweistellige Millionen-Finanzierungen in Deutschland gibt, liegt natürlich auch darin, dass wir inzwischen mehr reife Unternehmen haben, die solche Runden auch aufnehmen können. Das war vor ein paar Jahren noch nicht der Fall, da der Markt im Vergleich zu den USA noch nicht die notwendige Reife hatte.
Doran: TCV investiert in herausragende Hightech-Firmen, die von exzellenten Managementteams geführt werden und auf die Disruption von großen Industrien fokussiert sind. Brillen.de ist ein hervorragendes Beispiel für unseren Investmentfokus. Wo die Unternehmen, an denen wir uns beteiligen, ansässig sind, ist für uns sekundär. Wir investieren in zukunftsfähige Unternehmen, die ihren Sitz in den USA, Deutschland oder anderswo haben.

VC Magazin: Bislang war brillen.de ohne Kapitalgeber unterwegs. Was sprach für die Aufnahme eines weiteren Gesellschafters und was sind die nächsten Schritte?
Deckert: Richtig. Es gab in der Vergangenheit kleinere Family- and Friends-Runden, aber darüber hinaus ist das Unternehmen rein aus dem eigenen Cashflow gewachsen. Mit dem frischen Kapital soll nun die internationale Expansion finanziert werden.
Benkö: Außerdem war der operative Support, den TCV in ihre Beteiligungen einbringt, ein starkes Argument für einen weiteren Gesellschafter. So sitzt beispielsweise nun Simon Breakwall, der Gründer von Expedia, einem ehemaligen Portfoliounternehmen von TCV, im Supervisory Board von brillen.de. Der Wunsch, auch operative Unterstützung in ein Investment einzubringen, ist etwas, das Technology Crossover Ventures auszeichnet.
Doran: Brillen.de plant das neue Kapital zu nutzen, um sein Führungsteam auszubauen und die internationale Expansion voranzutreiben sowie die bestehenden Märkte in Deutschland, Österreich, Spanien und England zu erweitern.

VC Magazin: TCV hat bereits einige Investments im E-Commerce-Sektor wie Dollar Shave Club, Just Fab, etc. Welchen Mehrwert bringen Sie bei brillen.de ein?
Doran: Brillen.de hat nach einem Investitionspartner gesucht, der das Unternehmen in der nächsten Wachstumsphase und der globalen Erweiterung seiner Services unterstützen kann. In der Entscheidung zugunsten von TCV war ausschlaggebend, dass eine Beteiligung von uns weit über eine Kapitaleinlage hinausgeht. Wir arbeiten eng mit Management-Teams zusammen und können brillen.de helfen, die Finanzstruktur zu stärken, Verkaufs- und Marketingprozesse zu verbessern und das Technologie-Team zu erweitern.

VC Magazin: Große Finanzierungsrunden hierzulande sind nach wie vor kaum ohne internationale Venture Capital-Gesellschaften machbar. Wie gelingt deren Ansprache? Was ist zu beachten?
Benkö: Wichtig ist, dass die Unternehmen sich vorab entsprechend vorbereiten, d.h. ihre Unterlagen strukturieren und gegebenenfalls bereits vorab alte Verträge ins Englische übersetzen. Solche Dinge verursachen sonst in der Due Diligence, über die sich die Venture Capital-Gesellschaften absichern, nur unnötige Verzögerungen und Unsicherheiten.
Deckert: Daneben ist natürlich der richtige Zugang erfolgskritisch. Gerade große internationale Investoren bekommen jeden Tag unzählige Beteiligungsmöglichkeiten auf den Tisch. Wer hier langfristige Kontakte zu den Entscheidern pflegt, hat einen klaren Vorteil gegenüber denen, die erst über mehrere Instanzen gehen müssen.

VC Magazin: In den USA konnte man zuletzt einige Down Rounds bei prominenten Tech-Unternehmen beobachten. Wie schätzen Sie das Bewertungsniveau deutscher Jungunternehmen ein?
Deckert: Zuerst einmal muss man sagen, dass Down Rounds immer eine Folge von vorangegangenen Phasen hoher Bewertungen sind. Ex-post stellt sich dann heraus, dass diese hohen Bewertungen nicht gerechtfertigt waren. Fragen muss man sich also, ob und wie solche hohen Einstiegsbewertungen zustande kommen können. In den USA lag dies sicherlich nicht zuletzt an dem starken Kapitalangebot, das mangels renditeträchtiger Anlagealternativen vorherrschte. Das hat nicht nur die Bewertungen inflationiert, sondern auch viele Investoren, die nicht klassisch im Venture Capital-Segment aktiv sind, in den Markt getrieben. In Deutschland ist solch eine Entwicklung, insbesondere vor dem Hintergrund des nach wie vor sehr geringen Zinsniveaus, sicherlich ebenfalls denkbar. Per heute ist unseres Erachtens allerdings noch keine Blase im Sinne eines Makrotrends der Überbewertungen erkennbar. Wohl gibt es sicherlich immer wieder sehr hohe Bewertungen, die von außen betrachtet aggressiv anmuten, aber im internationalen Vergleich sehen wir die Bewertungen deutscher Technologieunternehmen nach wie vor eher im moderaten Bereich. Dazu trägt sicherlich nicht zuletzt der Charakter deutscher Investoren bei, welche vergleichsweise risikoavers sind.
Benkö: Stichwort Charakter: Der Charakter des US-amerikanischen Venture Capital-Marktes zeichnet sich was Bewertungen anbetrifft durch relativ hohe Ausschläge nach oben aus. Auf der anderen Seite zieht das allerdings ebenso relativ gesehen hohe Ausschläge nach unten nach sich. Diese hohe Schwingungsbreite werden wir höchstwahrscheinlich in der Ausprägung in Deutschland nicht erleben.

VC Magazin: Vielen Dank für das Interview.

 

Lydia Benkö ist Managing Partner bei DCA Europe. Zuvor war sie Partnerin und nun Venture Partnerin bei Heilemann Ventures. Außerdem war Benkö im M&A- und Venture Capital-Geschäft von Corporate Finance Partners (heute Acxit Capital Partners) tätig. Patrice Deckert ist ebenfalls ist Managing Partner bei DCA Europe und ehemaliger Partner und nun Venture Partner bei Heilemann Ventures. Davor bekleidete er verschiedene Positionen im Investment Banking bei Hauck & Aufhäuser (ehemals JP Morgan Cazenove), Merrill Lynch und Sal. Oppenheim. John Doran ist Principal im Londoner Büro von Technology Crossover Ventures. Sein Investitionsfokus liegt in den Branchen Software, Internet und Fintech. Bevor Doran sich 2012 TCV anschloss war er Vice President bei Summit Partners.