M&A Kolumne von Dr. Hans Bethge, Oaklins Germany

Bullische Märkte kennen wir zur Genüge, die darauffolgende Ernüchterung leider auch. Zyklen gehören natürlich zum Marktgeschehen wie eben auch der Bär zur Börse. Seit nunmehr sieben Jahren geht es bei uns wirtschaftlich bergauf mit regelmäßigen Wachstumsraten, steigenden Exportüberschüssen und einem DAX, dessen Niveau sich verdoppelt hat. Diese Entwicklung ist natürlich auch am Markt für M&A-Transaktionen nicht spurlos vorübergegangen.

Lagen die Bewertungen für nicht börsennotierte Unternehmen 2010 noch durchschnittlich bei dem Fünf- bis Sechsfachen des EBIT, wird heute regelmäßig das Sieben- bis Neunfache, teilweise sogar Multiplikatoren im zweistelligen Bereich aufgerufen. Natürlich stimmen die Rahmenbedingungen: Die Zinsen befinden sich auf einem historischen Tief, „Fluchtgelder“ aus China und Russland suchen Anlagen, das zweite deutsche Wirtschaftswunder hat sich im globalen Dorf der Finanzmärkte herumgesprochen, und somit suchen auch strategische Investoren aus dem Ausland bei uns eine nachhaltig sichere Anlage. Damit trifft die nationale Nachfrage nach Unternehmen und Beteiligungen auf starken internationalen Wettbewerb. Die logische Konsequenz sind steigende Preise auf einem Allzeithoch.

Die Glaskugel wirtschaftlicher Prognostik ist nicht existent, insofern lässt die Frage, wie lange es noch weiter so gut geht, keine Antwort zu. Allerdings lehrt die Erfahrung, dass was hoch steigt, auch wieder tief fällt. Jetzt sind wir bereits bei den biblischen sieben Jahren angelangt, und ich möchte keineswegs biblische Analogien zu Wirtschaftszyklen ziehen. Jedoch sollte sich jede Entscheidung für oder gegen einen möglichen Verkauf eines Unternehmens daran messen, ob sich durch Zuwarten die Situation des Unternehmens verbessern lässt.

Bewertungen hängen von einer Vielzahl von Faktoren ab. Die internen bieten Möglichkeiten der Einflussnahme, die Performance weiter zu steigern und damit das EBIT als Bewertungsbasis nachhaltig zu erhöhen. Auf Absatzmärkte, Einkaufspreise, politische Parameter oder Naturkatastrophen trifft das natürlich nicht zu, und das erhöht die Unsicherheit jeder Kalkulation. Die Balance zwischen Chance und Risiko erscheint sich aus heutiger Sicht eindeutig zu Letzterem zu verschieben. Ein Entscheidungsträger vor dem Verkauf eines Unternehmens kann kaum darauf hoffen, dass sich externe Parameter weiter verbessern und in naher Zukunft zu einem höheren Kaufpreis führen. Wir befinden uns gegenwärtig auf dem Peak einer langjährigen Entwicklung, der sich allenfalls zu einem Hochplateau verbreitern kann. Eine rationale Entscheidung kann daher ceteris paribus nur zugunsten eines Verkaufs fallen. Allerdings wissen wir nur zu gut, dass viele Entscheidungen zum Verkauf eines Unternehmens sich nicht allein am Preis orientieren und die Ratio oft durch Emotionen überkompensiert wird.

Aber wie verhält es sich auf der anderen Seite mit den Käufern, seien es Strategen oder Finanzinvestoren. Eine rein rationale Entscheidung dahingehend, im günstigen Einkauf den Erfolg zu suchen, ließe jeden Kauf zum gegenwärtigen Zeitpunkt zum Fehler werden. Denn es kann nach menschlichem Ermessen nur noch günstiger werden, wenn man etwas Geduld aufbringt. Wir erleben das krasse Gegenteil. Trotz Höchstpreisen überbieten sich Strategen und Finanzinvestoren gerade um die raren Angebote, insbesondere sogenannte Primaries, also solche Unternehmen, die jungfräulich auf den Markt kommen und nicht bereits eine erste Wertsteigerungsrunde bei einem Private Equity-Unternehmen durchlaufen haben.

Auch hier scheint es also, als gäbe es keine zeitnahe Trendumkehr, dabei bedarf es nur einer irrationalen Entscheidung eines mächtigen oder vermeintlich mächtigen Potentaten in einem der zur Zeit heißen Krisengebiete und die Welt – auch die des M&A – muss völlig neu bewertet werden. Ob sich damit dann die Ausgangssituation für Unternehmenskäufe oder Verkäufe verbessert hat, ist mehr als fraglich. Wir haben das doch alles schon gesehen – oder vielleicht doch nicht?

 

Dr. Hans Bethge ist Vorstandsmitglied bei Oaklins Germany. Das Unternehmen mit Standorten in Hamburg, Stuttgart und Frankfurt berät Mandanten im gehobenen Mittelstand und hat als älteste M&A-Beratung in Deutschland und als Teil der Angermann-Gruppe seit dem Gründungsjahr 1953 mehr als 1.000 nationale sowie grenzüberschreitende Transaktionen erfolgreich beraten.