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Interview mit Ralf Borchers und Stephen Struwe-Ramoth, NBank Capital

„Niedersachsen hat den Start-up-Turbo gezündet“

Die NBank Capital Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Hannover hat mit Stephen Struwe-Ramoth und Ralf Borchers ein neues Geschäftsführer-Doppel an ihrer Spitze. Im Gespräch berichten sie vom aktuellen Portfolio, Trends in Niedersachsen und ihren Plänen, die sie sich in ihrer neuen Funktion ­gesetzt haben.

VC Magazin: Laut BVK-Statistik wurden im Jahr 2020 rund 137 Mio. EUR Beteiligungskapital in 17 niedersächsische Unternehmen investiert. Damit belegt Niedersachsen im Ranking der Bundeslän­der die Plätze zehn (Volumen) und elf (Anzahl). Spiegeln diese Zah­len das tatsächliche Geschehen in Niedersachsen richtig wider?

Struwe-Ramoth: Wir sehen die Zahlen als guten Indikator, der aber nicht die komplette Dynamik des letzten Jahres wiedergibt. Als NBank haben wir 2020 insgesamt fast 20 Mio. EUR in 37 neue Beteili­gungen beziehungsweise in Anschlussfinanzierungen inves­­tiert. Niedersachsen ist aus unserer Sicht in der Statistik daher deutlich unterrepräsentiert.

VC Magazin: Welche Technologien, Geschäftsmodelle und Unternehmensphasen dominieren Ihr aktuelles Portfolio?

Struwe-Ramoth: Als Landesförderbank haben wir den Auftrag, technologie- und regionsunabhängig zu agieren. Unsere Fonds investieren in kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) sowie Start-ups. Wir beteiligen uns mit einer breiten Streuung über alle Branchen und Technologien hinweg, sodass kein Klumpenrisiko entsteht.

Borchers: Durch die Corona-Hilfen, Stichwort „Säule-zwei-Programm“, die bei uns in den neuen Fonds „NVenture“ geflossen sind, sind Start-ups letztes Jahr ein klarer Schwerpunkt geworden. In der Start-up-Szene hat sich das Programm schnell rumgesprochen und trifft auf Bedarf. Wir stellen hier auch einen Trend zu KI-basierten Geschäftsmodellen in ganz unterschied­lichen Anwendungsbereichen fest. Das ist eine Querschnittstechnologie, die uns sicher weiter begleiten wird. Mit Blick auf die Pandemie nutzen KMU bislang eher andere Förderpro­gramme wie Zuschüsse oder Kredite mit Haftungsfreistellung. Wir erwarten aber im zweiten Halbjahr auch verstärkt Nach­fragen von etablierten Unternehmen.

VC Magazin: Wie planen Sie, das Portfolio künftig auszurichten? Wie sieht Ihr aktueller Investitionsfokus aus?

Struwe-Ramoth: Wir werden auch künftig branchen- und technologieoffen Start-ups fördern und KMU mit Eigenkapital ausstatten. Wachsende Schwerpunkte werden dabei Nachhaltigkeit und Klima­schutzlösungen sein. Wir investieren bereits in spannende Unternehmen – wie zum Beispiel Buses4future, die ÖPNV-Busse mit Wasserstoffantrieb entwickelt haben, oder die Veekim AG, die innovative und effiziente Magnete etwa für Elektroautos herstellen.

Borchers: Auch bei Agtechs, Foodtechs und Smart Farming sehen wir spannende Start-ups, zum Beispiel mit Robotik oder Sensorik, um Fungizide zu ersetzen oder Bewässerung und Düngung zu opti­mieren. Als Beteiligungsgesellschaft einer Förderbank bieten wir Start-ups außerdem den direkten Zugang zu weiteren für sie relevanten Förderprogrammen; diesen Beratungsservice wol­len wir noch verbessern.

VC Magazin: Wie beurteilen Sie die Unternehmenslandschaft in Niedersachsen? In welchen Regionen sehen Sie eine besonders große Anzahl Venture Capital-fähiger Start-ups?

Borchers: Laut Businessmap von startup.niedersachsen sind rund 40% der Start-ups in der Region Hannover beheimatet; weitere 20% kommen aus Braunschweig, die restlichen 40% verteilen sich auf die Universitätsstandorte wie Göttingen, Osnabrück, Oldenburg und Lüneburg. Spannend ist aus unserer Sicht, dass die jeweiligen Regionen unterschiedliche Themenprofile haben. In Hannover ist es natürlich vielfältig, aber Life Sciences Start-ups findet man vor allem neben Hannover noch in Braunschweig und Göttingen. In der Region rund um Osnabrück besteht ein Fokus auf Agrar- und Ernährungsthemen, hier sind auch die klassischen Hidden Champions der Agrarbranche angesiedelt. Braunschweig setzt hingegen auf Mobilitätsthemen.

VC Magazin: Wenn Sie in benachbarte Bundesländer blicken: Was spricht für beziehungsweise gegen Niedersachsen als Start-up- und Unternehmensstandort?

Borchers: Durch die vielfältigen Aktivitäten der Landesinitiative startup.niedersachsen und neue Förderprogramme ist Niedersachsen als Start-up-Standort in den letzten drei bis vier Jahren deutlich attraktiver geworden. Die NBank will dazu aktiv bei­tragen. So fördern wir zum Beispiel zehn Start-up-Zentren, die gute Ansprechpartner und Begleiter im ersten Gründungsjahr sind. Darüber hinaus gibt es Gründungsstipendien, die vorteilhaft für das Ökosystem sind. Das schlägt sich in einer positiven Gründungsdynamik nieder. Eine Schwäche hingegen ist, dass wir bundesweit noch nicht als etablierter Start-up-Standort in der Investorenszene wahrgenommen werden. Die Start-ups hier haben es daher schwerer, Wachstumskapital zu finden. Das fällt Berlinern oder Münchnern sicher leichter; dort sind auch die Venture Capitalisten direkt vor Ort. Wir brauchen mehr bundesweit bekannte Leuchttürme, damit wir künftig auch stärker ins Blickfeld rücken.

VC Magazin: Immer mehr Konzerne und Mittelständler suchen die Nähe zu Start-ups und Hochschulen. Auch in Niedersachsen?

Borchers: Es gibt hier große Player – die scouten aber oft weltweit und sehen Niedersachsen gar nicht richtig. Zahlreiche Mittelständler nehme ich offener wahr. Beim Seedhouse, ein Inkubator in Osnabrück, haben sich zum Beispiel fast 30 Mittelständler und Hidden Champions als Kooperationspartner und Gesellschafter gefunden – das ist ein toller Erfolg.

VC Magazin: Das Thema Venture Capital liegt bei der NBank seit Anfang des Jahres in Ihren Händen. Wie sehen Ihre Pläne aus, was haben Sie vor?

Struwe-Ramoth: Wir halten an unserem Kernauftrag – unabhängig von Branchen, Alter, Technologie und Region Kapital bereitzustellen – fest und werden das Thema Nachhaltigkeit noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Auch wollen wir unsere Fondsfamilie weiterentwickeln und unser Angebot für den Mittelstand ausbauen. Neben den schon vorhandenen Kooperationen wollen wir auch künftig privates Kapital einbinden und sind immer offen für Co-Investments.

VC MagazinVielen Dank für das Interview!

Stephen Struwe-Ramoth führte die Geschicke der NBank bis zum Ende des Jahres 2020 gemeinsam mit Georg Henze, der aus dem Unternehmen ausgeschieden ist. Parallel leitete der Banker sieben Jahre lang die Beratungsstelle Lüneburg, später zusätzlich die Beratungsstelle Braunschweig.

 

Ralf Borchers kam 2018 zur Gesellschaft und ist dort seitdem für die Start-up-Förderung zuständig. In dieser Funktion engagiert er sich auch für die Landesinitiative startup.niedersachsen. Zuvor war er 25 Jahre in verschiedenen Funktionen im niedersächsischen Wirtschaftsministerium tätig und hat dort insbesondere Erfahrungen in der Mittelstands- und Gründungsförderung gesammelt.