Bildnachweis: e-Residency.
Die Diskussion um „EU-Inc.“ steht an einem Wendepunkt: Aus politischen Ankündigungen wird ein konkreter Gesetzesvorschlag: 48-Stunden-Gründung, 100-EUR-Kostenlimit, digitale Insolvenz und einem EU-weiten Unternehmensrahmen als optionalem „28. Regime“. Die Debatte verschiebt sich damit von Vision zu Umsetzung. In Estland wird genau dieses Modell seit über zehn Jahren praktisch erprobt. Das e-Residency Programm ermöglicht bereits digitale, grenzüberschreitende Unternehmensgründung. Wir haben mit Mats Kuuskemaa (Country Manager DACH, e-Residency of Estonia) gesprochen!
VC Magazin: Der EU-Inc.-Vorschlag soll Unternehmertum in der Europäischen Union fördern. Wo stehen wir derzeit in der Umsetzung und wie weit ist der „Weg zum Ziel“?
Kuuskemaa: Ein Unternehmen in Europa zu gründen war schon immer schwieriger, als es sein sollte. Ein Gründer in München, Warschau oder Wien muss sich durch ein juristisches Labyrinth kämpfen, das es in Tallinn schlichtweg nicht gibt und keiner von ihnen kann problemlos grenzüberschreitend agieren. EU Inc. ist ein Versuch, genau das zu ändern.
Was diese Runde von früheren Versuchen unterscheidet, ist die Herkunft des Drucks. Über 22.000 Gründer und Investoren unterzeichneten die EU-Inc.-Kampagne – und sie zeigte Wirkung. Das Europäische Parlament stimmte mit überwältigender Mehrheit dafür. Die Kommission legte daraufhin einen vollständigen Gesetzesvorschlag vor. Die Dynamik ist real.

Ebenso wie die Ambitionen: Gründung innerhalb von 48 Stunden, vollständig digital, kein Mindestkapital, harmonisierte Aktienoptionen, standardisierte Investitionsdokumente. Eine einzige Rechtsform für 27 Mitgliedstaaten. Die schwierigeren Fragen sind jedoch politischer Natur. Die Technologie ist schon lange bereit. Ungelöst bleibt die Frage der Governance: Inwieweit füllt nationales Recht die Lücken, wer kontrolliert das Register, wessen Insolvenzregeln gelten? Artikel 4 des Entwurfs überlässt alles ungeregelt den Mitgliedstaaten und Kritiker warnen bereits vor 27 unterschiedlichen Umsetzungen. Mario Draghi hat 2024 klar auf den Punkt gebracht, worum es geht: Ohne rasches, koordiniertes Handeln droht Europa ein langsamer Tod. Der Zeitplan für „EU Inc.“ – politische Einigung bis Ende 2026, Inkrafttreten frühestens 2027 oder 2028 – lässt wenig Spielraum für Verzögerungen.
VC Magazin: Sie kennen die aktuelle Lage im DACH-Raum, ebenso gut wie den Markt in Polen und in Estland. Welche Elemente des EU-Inc.-Vorschlags funktionieren zum Beispiel bereits in Estland?
Kuuskemaa: Ganz ehrlich: fast alle. Der Gesetzesentwurf liest sich wie eine Beschreibung
dessen, was Estland schon seit über einem Jahrzehnt praktiziert.
Nehmen wir die Unternehmensgründung. EU Inc. verspricht 48 Stunden. In Estland dauert es online etwa 15 Minuten. Ein österreichischer e-Resident hat das live auf der Bühne der London Tech Week bewiesen: Das Unternehmen war registriert, noch bevor das Publikum seinen Kaffee ausgetrunken hatte.
Aktienoptionen sind ein weiterer Bereich, in dem Estland schon früh Maßstäbe gesetzt hat. Optionen werden erst bei Veräußerung besteuert, nach einer Haltefrist von drei Jahren. Diese eine gestalterische Entscheidung macht estnische ESOPs zu den gründerfreundlichsten in Europa, und internationale Gründer haben das bemerkt.
Das gleiche Muster gilt für die digitale Infrastruktur, die einfache Besteuerung und die Investitionsdokumentation. Estland hat all dies bereits vor Jahren aufgebaut. Was EU Inc. nun als Innovation vorschlägt, läuft hier seit einem Jahrzehnt still im Hintergrund, mit über 140.000 E-Residents und über 40.000 Unternehmen als Beweis dafür. Außerdem hat sich Estland als ebenso starker Standort für das Wachstum eines Unternehmens erwiesen wie für dessen Gründung.
VC Magazin: Wie steht e-Residency zum EU-Inc.-Vorschlag und welche Änderungen werden von Ihrer Seite erwartet?
Kuuskemaa: e-Residency ist Estlands staatlich gefördertes Programm für digitale Identität, das es Unternehmern weltweit ermöglicht, ein EU-konformes Unternehmen vollständig online zu gründen und zu führen – ohne Papierkram und ohne physische Präsenz. Es handelt sich um ein eigenständiges Regierungsprogramm, das in jeder formalen Hinsicht von EU Inc. getrennt ist. Was es in diese Debatte einbringt, sind konkrete Erfolge: ein Jahrzehnt Erfahrung mit genau der Art von reibungslosem, digitalem Unternehmensumfeld, das EU Inc. aufbauen möchte. Die Hälfte aller e-Residents, die Unternehmen gegründet haben, stammt aus anderen EU-Mitgliedstaaten und wurde von einem System angezogen, das für Gründer tatsächlich funktioniert.
EU Inc. und e-Residency lösen unterschiedliche Probleme. Das eine befasst sich mit der Fragmentierung innerhalb des Binnenmarkts. Das andere öffnet die Tür für Gründer weltweit. Beide sind notwendig und genau deshalb muss EU Inc. ehrgeizig bleiben.
Drei Dinge werden darüber entscheiden, ob dies gelingt. Ein echtes zentrales Register, kein Flickenteppich aus miteinander verbundenen nationalen Systemen. ESOP-Regeln, die Gründer erst bei Veräußerung besteuern, nicht bevor sie auch nur einen Euro Rendite gesehen haben. Und eine grenzüberschreitende Steuerberichterstattung, die so einfach ist, dass ein Start-up nicht in jedem Land, in dem es tätig ist, einen lokalen Berater benötigt.
Ein Detail im aktuellen Entwurf verdient ebenfalls besondere Beachtung: Die Anforderung, dass mindestens ein Geschäftsführer seinen Wohnsitz in der EU haben muss. Für internationale Gründer, die derzeit die e-Residency nutzen, stellt das ein echtes Hindernis dar. In Europa herrscht Gründer-Mangel. Eine Regelung, die globalen Talenten den Zugang versperrt, steht im Widerspruch zu den erklärten Zielen des gesamten Vorschlags. Und die Zeit läuft. EU Inc. wird frühestens 2027 einsatzbereit sein.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch!
Über den Interviewpartner:
Mats Kuuskemaa ist Country Manager DACH bei der e-Residency of Estonia. Das estnische e-Residency-Programm wurde Ende 2014 mit dem Ziel ins Leben gerufen, ausländischen Staatsangehörigen einen sicheren Zugang zu den elektronischen Behördendiensten Estlands zu ermöglichen, gleichzeitig das grenzüberschreitende Unternehmertum zu fördern und zusätzliche Einnahmen für den Staatshaushalt zu erzielen. Für Gründer bedeutet dies, dass sie ein Unternehmen in Estland remote aufbauen und führen können. Seit dem Start des Programms im Jahr 2014 haben mehr als 133.000 Personen aus 185 Ländern den e-residenten-Status erhalten und zusammen etwa 39.000 Firmen gegründet.



