„Die Qualität der Gründerteams ist so stark wie selten zuvor“

Interview mit Christian Winter, Cusp Capital

Christian Winter (Cusp Capital)
Christian Winter (Cusp Capital)

Bildnachweis: Cusp Capital.

Reality-Check mit Christian Winter: Hat sich seine optimistische Venture Capital-Prognose von 2024 bewahrheitet? Im Interview berichtet er über zähes Fundraising und blockierte Exits – aber auch darüber, warum Europas resiliente Gründer uns gerade jetzt allen Grund zur Zuversicht geben.

VC Magazin: Mitte 2024 sagten Sie an dieser Stelle: „Die Investmentaktivitäten werden deutlich zunehmen.“ Wenn wir die harte Makrorealität betrachten: Hat der Markt diese Prognose einkassiert – oder wo genau hat sich Ihr Optimismus bewahrheitet?

Winter: Er hat sich teilweise bewahrheitet – aber differenzierter als erwartet. Die Deal-Aktivitäten haben zugenommen, besonders in den Themenfeldern KI, Deeptech und Defence. Das Fundraising für Firmen bleibt strukturell schwierig, da vor allem attraktive Exits fehlen. Was mich wirklich freut: Kapital fließt heute gezielter, und die Qualität der Gründerteams, die zu uns kommen, ist so hoch wie selten zu vor. Substanz zählt wieder. Das war und ist der Kern meines Optimismus.

VC Magazin: Wenn Sie auf die Gründer schauen, die aktuell bei Ihnen pitchen: Spüren Sie dort Entwicklungen, die uns zuversichtlich auf den Venture Capital-Jahrgang 2026 blicken lassen?

Winter: Absolut. Die Gründer, die heute zu uns kommen, haben Effizienz verinnerlicht, nicht als Kompromiss, sondern als echte Überzeugung. Sie sind sehr fokussiert auf Unit Economics und haben sehr genau ihre adressierten Märkte und Kunden im Blick. Darüber hinaus operieren sie – dank Einsatz von KI – sehr effizient. Genau das macht den Jahrgang 2026 so spannend: Es entstehen Unternehmen, die auch ohne Boom-Konditionen nachhaltig skalieren.

VC Magazin: Fachkräftemangel und Bürokratie gelten als massive Bremsklötze für Europas Wirtschaft. Gleichzeitig investiert Cusp Capital stark in branchenspezifische Software und KI. Stimmt es Sie optimistisch, dass Start-ups diese scheinbaren Wachstumshemmer gerade in neue Geschäftsmodelle verwandeln?

Winter: Genau das ist unsere Investitionsthese hinter CertHub. Die ausufernde Bürokratie wird nicht mehr verschwinden, und Unternehmen benötigen zum Management dieser leistungsfähige Softwaretools, da gerade Mittelstand und Kleinunternehmen oftmals nicht über die benötigten personellen Ressourcen verfügen. Grundsätzlich glauben wir, dass sich der Mangel von Spezialisten in Zukunft besonders gut durch leistungsfähige KI-native Software hervorragend kompensieren lässt. In Bezug auf unser Investment in Sides ist die wirtschaftlich angespannte Situation in der Gastronomie europaweit das Thema. Nicht nur der Personalmangel, sondern auch steigende Kosten setzen diesem Sektor besonders zu. Hier bietet Sides eine integrierte Lösung zum Management der gesamten Prozesskette: vom Wareneinkauf über Bestellungen, Produktion und Lieferung zum Kunden inklusive des Bezahlvorgangs. Damit können Gastronomiebetriebe und die Systemgastronomie ihre Effizienz deutlich steigern. Es gilt: Je komplizierter das regulatorische Umfeld, je komplexer die Prozesse, desto stärker ist der USP und die Verteidigbarkeit für die besten Lösungsanbieter.

VC Magazin: Sie investieren auch in digitale Produkte für Arbeitnehmer und Konsumenten mit geringerem Einkommen, etwa in das spanische Start-up Payflow. Ist das Ihre bewusste strategische Antwort auf Inflation und sinkende Kaufkraft?

Winter: Payflow ist eine strukturelle Antwort auf ein dauerhaftes Problem. Earned Wage Access gibt Millionen Arbeitnehmern Zugang zu ihrem verdienten Lohn, bevor der Monat endet: kostenlos für sie, bezahlt von Arbeitgebern, die damit Bindung und Motivation steigern. Die finanzielle Situation von Arbeitnehmern mit niedrigen Löhnen verschlechtert sich in Europa leider immer mehr, und die aktuellen Krisen beschleunigen dies immer weiter. Payflow kann hier ein Baustein sein, und das aktuelle Wachstum bestätigt unsere ursprüngliche These.

VC Magazin: Wir reden oft über das, was Europa fehlt. Lassen Sie uns den Spieß umdrehen: Bei welchen Themen hat Europa aktuell echte Standortvorteile, um die uns die USA in fünf Jahren beneiden werden?

Winter: In regulierten Industrien, um nur ein Beispiel zu nennen. Tiefe B2B-Software für Healthcare, Compliance und Finanzwesen – Segmente, in denen europäische Gründer die Domäne kennen, die Entscheider kennen und regulatorisch früher am Markt sind als US-Wettbewerber. ESG-Regulatorik schafft gerade völlig neue Software-Kategorien, die es in den USA in dieser Form nicht gibt. In fünf Jahren werden US-Unternehmen feststellen, dass sie hier massiv aufholen müssen. Der Wettbewerb wird aber global und intensiver als je zuvor.

VC Magazin: Trotz aller erwähnten Hürden: Welche technologische Entwicklung steht bei Cusp Capital aktuell ganz oben auf dem Whiteboard, die Ihnen persönlich den größten Optimismus für die nächsten Jahre gibt?

Winter: Hochspezielle AI in vertikalen Software-Produkten; nicht die horizontalen Modelle, die jeder baut, sondern tief eingebettete, domänenspezifische KI, die ganze Workflows übernimmt. CertHub ist ein Beispiel dafür, was möglich ist, wenn KI auf echtes Domänenwissen trifft. Das ist ein struktureller Wandel, der gerade erst beginnt, und europäische Gründer sind hier besser positioniert als vielfach angenommen. Der Markt verändert sich im Moment rasend schnell. Wir stehen erst am Anfang einer tiefgreifenden AI-basierten Disruption, die tief in wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen hineinreichen wird.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über den Interviewpartner: 

Christian Winter ist General Partner bei Cusp Capital und seit über 20 Jahren Teil des europäischen Venture Capital-Ökosystems. Er investierte unter anderem in Klarna, Zalando, und Delivery Hero und verfügt über umfangreiche Erfahrung in der Skalierung von Start-ups und begleitet Gründerteams aktiv bei strategischen und operativen Fragestellungen.