
VC Magazin: Was stimmt Sie mit Blick auf deutsche Start-ups und Grown-ups positiv?
Christoph Büth, Bereichsleiter Eigenkapitalfinanzierungen, NRW.Bank: 2025 wurden in Deutschland so viele Start-ups gegründet wie noch nie. Auch NRW entwickelt sich dynamisch. Als NRW.Bank tragen wir mit unseren Angeboten für Start-ups und Grown-ups maßgeblich dazu bei und sehen ein wachsendes Interesse an Finanzierungen. Es gilt, dieses Momentum zu nutzen und die jungen Unternehmen beim Skalieren noch besser zu unterstützen. Große Wachstumsfinanzierungen finden in Deutschland allerdings nach wie vor zu selten statt. In NRW wollen wir hier gezielt Abhilfe schaffen: Mit einem neuen Fonds adressieren wir die Finanzierungslücke in späteren Phasen.
Dr. Carolin Gabor, Managing Partner, Caesar Ventures Management: Die Resilienz des deutschen Ökosystems ist beeindruckend. Trotz makroökonomischen Gegenwinds verzeichneten wir zuletzt mit über 3.500 Neugründungen einen historischen Höchststand. Was mich besonders optimistisch stimmt, ist die Professionalisierung der akademischen Spin-offs. Nehmen wir die TUM: Das eingeworbene Venture Capital hat sich innerhalb einer Dekade von 20 Mio. auf 2 Mrd. EUR verhundertfacht. Und wir sehen diese Dynamik mittlerweile flächendeckend: von den Deeptech-Clustern in Aachen bis zu den Software-Hubs in Berlin und Hamburg.
Jelena Markovic, Managing Director, TGW Logistics Ventures [TLV]: Deutschlands Start-up-Ökosystem schafft es trotz aller makroökonomischen Widrigkeiten, serienmäßig hoch spezialisierte Deeptech-Start-ups mit starken Alleinstellungsmerkmalen hervorzubringen. Deutsche Start-ups setzen generell eher auf gesundes, nachhaltig profitables Wachstum, was insbesondere aus strategischer Investitionsperspektive attraktiv ist. Weiterhin sehen wir viele starke Gründerteams, die von einem hochwertigen Netzwerk an Universitäten und Industriekonzernen im deutschsprachigen Raum profitieren.
Jan Miczaika, Partner, HV Capital: Mich stimmt optimistisch, dass deutsche Start-ups und Scale-ups gerade im industriellen Bereich, von angewandter KI bis Robotik und Deeptech, in der europäischen Top-Liga spielen. In einer Zeit, in der oft von Deindustrialisierung in Deutschland gesprochen wird, ist das ein positiver Gegenimpuls. Was unsere Gründungskultur besonders prägt, ist die Nähe zu Top-Universitäten, exzellenter Forschung und Corporates. Daraus gehen viele Start-ups hervor, die ihren Fokus auf B2B legen und damit weit über Deutschland und Europa hinaus erfolgreich sind. Deutsche Unternehmen haben im letzten Jahr rund 8,8 Mrd. USD eingesammelt und liegen damit auf Platz zwei in Europa – das zeigt die Stärke und Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.
Katja Ruhnke, Geschäftsführerin, CK Venture Capital, und Vorstandsvorsitzende, Business Angels Deutschland (BAND): Mich stimmt positiv, dass wir immer mehr Traktion im Bereich Hardware-Start-ups sehen und diese zunehmend besser finanziert werden. Genau dort liegt eine unserer großen Stärken: Deeptech, Hardware, Ingenieurswesen – also die Fähigkeit, tief in komplexe Themen einzusteigen und echte Weltmarktexperten aufzubauen. Gleichzeitig sehe ich positiv, dass Start-up- und Scale-up-Strategien in der Politik an Bedeutung gewinnen. Immer mehr Entscheidungsträger beschäftigen sich ernsthaft mit der Szene, wollen sie besser verstehen und erkennen die Komplexität von Gründungen. Das sorgt für mehr Aufmerksamkeit – und hoffentlich auch für ein wachsendes Bewusstsein, dass die Rahmenbedingungen in Deutschland noch deutlich verbessert werdenmüssen.
Monika Steger, Geschäftsführerin, Bayern Kapital: Positiv stimmt mich vor allem die zunehmende Reife des Ökosystems. Wir sehen deutlich mehr Gründungen durch Personen, die bereits einen erfolgreichen Exit realisiert oder in der ersten oder zweiten Führungsebene erfolgreicher Start-ups Verantwortung getragen haben. Dieses Erfahrungswissen wirkt sich spürbar auf Teamqualität, Governance und Umsetzungsgeschwindigkeit aus. Parallel dazu ist der Markt für größere Finanzierungsrunden auch in Deutschland gewachsen, wenngleich weiter Luft nach oben bleibt. Das bietet Unternehmen Planungssicherheit und mehr Reichweite, um Technologien und Geschäftsmodelle substanziell zu entwickeln, statt zu früh in kurzfristige Skalierung gezwungen zu werden.
VC Magazin: Auf welche Technologie setzen Sie als Investor derzeit besonders stark?
Büth: Unser Portfolio ist breit aufgestellt. Wir investieren unter anderem in Life Sciences, Energie- und Recycling-Lösungen sowie in Halbleitertechnologien. Gleichzeitig beobachten wir, dass im Zuge der sicherheitspolitischen Zeitenwende der Defence-Bereich an Bedeutung gewinnt. Deshalb haben wir unseren Investitionsradius erweitert und unterstützen zunehmend auch Unternehmen in diesem Segment. Auch wenn sich dieser Markt noch in einer frühen Phase befindet, sehen wir wachsendes Potenzial.
Gabor: Wir fokussieren uns auf KI-Infrastruktur und vertikale Applikationen, die „unfaire Vorteile“ durch proprietäre Datensätze nutzen. Reine GPT-Wrapper ohne eigenen Datenzugang reichen nicht aus. Der eigentliche Wert liegt im Application Layer, zum Beispiel bei der Gensequenzierung oder spezialisierten ERP-Automatisierungen wie SAP-Migrationen. Ein zweiter Kernbereich ist Physical AI, die Schnittstelle von Hardware und Software. Zum Beispiel ist die Kombination von AI und Robotics für den Standort Deutschland prädestiniert. Hier trifft unsere industrielle DNA auf moderne Sensorik und Computer Vision.
Markovic: Als strategischer Investor im Umfeld der Intralogistik fokussieren wir uns aktuell stark auf die Themen Robotik, Künstliche Intelligenz und Cybersecurity. Vorrangig sind Technologien von Relevanz, die Resilienz, Sicherheit und Leistungsqualität von Technologielösungen im industriellen Umfeld steigern. Dabei setzen wir auf Technologien, die kurzfristig tangible Mehrwerte schaffen und gleichzeitig die mittel- bis langfristige technologische Wettbewerbsfähigkeit eines Industrieunternehmens stärken können.
Miczaika: Die Verbindung von KI und Robotik hat enormes Potenzial, insbesondere im industriellen Bereich. Wir beobachten bei KI eine Entwicklung von generischen Modellen hin zu hochspezifischen Anwendungen. Robotik wird gerade in Bereichen wie Logistik, Fertigung und Pflege zum Standard – durch leistungsfähigere KI, Edge-Computing und deutlich günstigere Sensorik. Deutsche Start-ups haben hier einen strukturellen Vorteil durch ihre Industrienähe und eine lange Ingenieurstradition. Neura Robotics ist ein gutes Beispiel für dieses Erfolgsrezept.
Ruhnke: Ich setze bewusst nicht auf kurzfristige Technologietrends, sondern verfolge seit Beginn eine klare Impact-Strategie. Es ist aus meiner Sicht sogar gefährlich, nur Trends zu folgen, weil Unternehmen langfristig bestehen müssen. Viele setzen aktuell stark auf KI – wir bei CK Venture Capital bewusst nicht. Dafür haben wir zu großen Respekt vor den US- und asiatischen Märkten, wo deutlich mehr Kapital und Geschwindigkeit im Spiel sind. Gleichzeitig entwickeln sich KI-Technologien so schnell, dass es schwer ist, nachhaltige Gewinner früh zu identifizieren. Stattdessen investieren wir gezielt in Impact-Start-ups, insbesondere im Bereich Hardware und IoT, wo wir langfristig belastbare Wertschöpfung und echte Lösungen sehen.
Steger: Als öffentlicher Investor versuchen wir, keine Technologie übermäßig zu bevorzugen, sondern haben seit über 30 Jahren einen klaren Fokus auf Hightech- und Deeptech-B2B-Geschäftsmodelle, über alle Branchen. Hype-Branchen betrachten wir eher nüchtern und bewerten sie unter realistischen Wachstumserwartungen. Beispiel KI – hier betrachten wir Geschäftsmodelle sehr selektiv. Anwendungen mit klarem Mehrwert: ja; bei bloßen „AI-Label- Modellen“ sind wir eher zurückhaltend. Entscheidend sind für uns nachhaltige Alleinstellungsmerkmale, die echte Wettbewerbsvorteile bieten. Ein Feld, in dem das zum Beispiel gut möglich ist, sind die Life Sciences. Mega-Exits wie Tubulis, wo wir seit 2019 investiert sind, zeigen, dass dieser Sektor bei entsprechendem Risikoprofil weiterhin attraktiv sein kann.
VC Magazin: Ein Rat für junge Gründer: Wem empfehlen Sie die Grün- dung in Deutschland und wem eher nicht?
Büth: Deutschland bietet gute Startbedingungen für technologiegetriebene Geschäftsmodelle. Das liegt auch an einer starken Grundlagenforschung. Allerdings liegen in der Übersetzung von forschungsgetriebenen Innovationen in skalierbare kommerzielle Geschäftsmodelle sicherlich noch viele Potenziale. Zugleich führen die aktuellen weltpolitischen Entwicklungen dazu, dass Europa technologisch souveräner und resilienter werden will. Gerade in Bereichen wie Halbleiter, Energie, KI oder Defence entstehen neue Chancen für Gründerinnen und Gründer. Unterstützt werden sie durch Förderangebote von Land, Bund und EU, die dazu beitragen, dass Start-ups hier nicht nur gründen, sondern auch erfolgreich wachsen können.
Gabor: Ich würde jedem eine Gründung in Deutschland empfehlen. Schließlich gibt es hier alles, was für ein erfolgreiches Start-up nötig ist: hochkarätiges wissenschaftliches und technisches Talent, enormes Kundenpotenzial, erfahrene Venture Capital-Investoren, eine institutionell verankerte Innovationskultur sowie stabile rechtliche Rahmenbedingungen. Regularien wie den EU AI Act, die oft als einschränkend wahrgenommen werden, sehe ich auch als Chance: Sie sorgen für tiefes Vertrauen der Verbraucher und schaffen den zuvor benannten rechtssicheren Rahmen für nachhaltiges Wachstum.
Markovic: Ich würde die Gründungsentscheidung in Deutschland weniger vom Produkt oder Businessmodell abhängig machen, sondern vom Mindset und der Wachstumsstrategie, die hinter dem Start-up stehen soll. Im deutschsprachigen Raum etablieren sich Start-ups als langfristige Gewinner der Strukturen, die auf nachhaltiges, profitables Wachstum setzen und Produkte mit echten Mehrwerten anbieten. Modelle, die auf Blitzwachstum, große und schnell aufeinanderfolgende Finanzierungsrunden setzen, gepaart mit hohen Bewertungen und anschließenden IPOs, werden nicht erfolgreich sein. Das hängt mit den Volumina an Kapital sowie dem Mindset der Investoren zusammen, aber auch mit den Kapitalmarktstrukturen im deutschsprachigen sowie europäischen Raum.
Miczaika: Deutschland ist ideal für Unternehmen, die an der Schnittstelle von Deeptech und industriellen Anwendungen arbeiten. Unser Talent-Pool und die Ingenieurskultur sind echte Wettbewerbsvorteile. Bei Gründungen in anderen Bereichen würde ich immer hinterfragen, ob diese Gründer aus dem Standort komparative Wettbewerbsvorteile ziehen können. Strukturelle Nachteile gibt es leider genug.
Ruhnke: Deutschland eignet sich besonders für Teams, die von Nähe zu Industrie, Forschung und anspruchsvollen B2B-Kunden profitieren – etwa in Deeptech, Climatetech, Health oder Industrial AI. Wer hier echte Probleme löst, kann starke Referenzen aufbauen. Weniger geeignet ist Deutschland für rein konsumentengetriebene oder rasant skalierende Modelle mit hohem Kapitalbedarf. Andere Ökosysteme sind hier oft schneller und risikofreudiger.
Steger: Gut aufgehoben sind hierzulande Unternehmen, deren Zielkunden Konzerne und der größere Mittelstand sind und die dort konkrete Produktivitäts-, Effizienz- oder Transformationsprobleme adressieren. Gerade hier bietet Deutschland ein breites Feld potenzieller Kunden sowie ein belastbares Ökosystem aus Kapitalgebern und industriellen Partnern. Bei forschungsintensiven Vorhaben hat man hier außerdem gute Chancen, die richtigen Top-Talente zu rekrutieren. Die Life Sciences können hier als Positivbeispiel gesehen werden, wie der kürzliche Exit bei Tubulis zeigt. Schwieriger ist der Standort dagegen für Geschäftsmodelle, die stark von kurzfristiger Gesetzgebung oder regulatorischer Unklarheit abhängen; man denke hier etwa an das Govtech-Umfeld. Unabhängig von der Branche gilt: Wer ein belastbares Team mitbringt, auf eine klare Technologie setzt, die Probleme löst und dabei noch einen großen Markt adressiert, hat grundsätzlich gute Chancen in Deutschland.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.



