„Business ­Angels ­entscheiden ­gründlicher, als ihr Ruf vermuten lässt“

Interview mit David Rhotert, Companisto

David Rhotert, Companisto
David Rhotert, Companisto

Bildnachweis: Companisto.

Nach Rekordzahlen und einer Analyse von mehr als 50.000 Investoren-Sessions zieht Companisto-Mitgründer David Rhotert Bilanz – warum Business Angels heute selektiver investieren, Daten den Venture Capital-Markt verändern und weshalb Transparenz und Profitabilität für Start-ups wichtiger sind denn je.

VC Magazin: Investoren agieren heute deutlich selektiver als noch vor einigen Jahren. Welche Veränderungen beobachten Sie derzeit im Verhalten privater Start-up-Investoren, von denen viele zu Ihrem Netzwerk gehören?

Rhotert: Ehrlicherweise: Ja, private Investoren sind vorsichtiger geworden – aber sie sind nicht weg. Sie prüfen länger, sie prüfen tiefer, und sie lassen sich nicht mehr von jedem Hype anstecken. Die wirkliche Veränderung ist eine andere: Angels investieren seltener allein. Sie bündeln sich, investieren gemeinsam, holen sich Expertise aus dem Netzwerk – und sie trauen sich in Runden, die früher reines Venture Capital-Territorium waren. Kein Lagerkampf, einfach Marktmechanik. Dass Companisto im vergangenen Jahr 45 Mio. EUR Venture Capital in Start-ups investieren konnte, ist ein starkes Signal für den Innovationsstandort Deutschland. Als Gründer freue ich mich besonders über die Entwicklung unseres Netzwerks – meine größte Anerkennung gilt aber den Companisto Business Angels. Ihr Mut, ihre unternehmerische Energie und ihre Bereitschaft, Innovationsrisiken zu tragen, machen diese Entwicklung erst möglich. Sie sind ein wichtiger Teil dessen, was Deutschland für die Zukunft braucht.

VC Magazin: Companisto verfügt inzwischen über einen langen Track Record im Bereich Start-up-Finanzierungen. Nach welchen Kriterien wählen Sie heute Unternehmen für Ihr Netzwerk aus – und wie haben sich diese Anforderungen verändert?

Rhotert: Die Basics bleiben: starkes Team, echter Markt, Technologie mit Substanz. Aber wir sind strenger geworden, das kann man nicht anders sagen. Reine Wachstumsstorys ohne Pfad zur Profitabilität haben es bei uns schwer; diese Zeit ist einfach vorbei. Und dann gibt es ein Kriterium, das viele unterschätzen: Kann das Team transparent liefern? Unsere Angels prüfen hart. Wer mit lückenhaften Unterlagen in eine Finanzierungsrunde geht, verliert. Wir sehen das in unseren Daten: Je mehr ein Investor prüfen kann, desto eher investiert er. Und wir fragen früh: Trägt die Story auch die nächste Runde? Wir begleiten Unternehmen über Jahre – da nimmt man keine One-Hit-Wonder rein.

VC Magazin: Nach 14 Jahren im Markt hat Companisto vor Kurzem Rekordzahlen gemeldet. Welche strategischen Faktoren unterscheiden Ihr Modell vom Wettbewerb, was haben Sie in den letzten Jahren anders gemacht?

Rhotert: 2025 wurden über unser Netzwerk 45 Mio. EUR investiert, bei 9,5 Mio. EUR Umsatz und 2 Mio. EUR Gewinn – profitabel, während viele im Markt noch rote Zahlen schreiben. Das erste Quartal 2026 war mit 14,7 Mio. EUR das stärkste unserer Geschichte. Der Unterschied: Wir haben Digitalisierung nie als Marketingfolie behandelt, sondern als Systembau. Wir haben den kompletten Beteiligungsprozess digitalisiert und darüber das größte Business Angel-Netzwerk der Europäischen Union aufgebaut; laut ECCL-Studie sind wir das volumenstärkste Equity Investment-Netzwerk der EU. Dazu kommt das Vertrauen der eigenen Community: Im Mai haben mehr als 5.000 Privatpersonen in unserer eigenen Investmentrunde über 5 Mio. EUR in Companisto investiert. Wir sind unter dem Radar gewachsen, und so werden wir jetzt immer sichtbarer.

VC Magazin: Sie haben kürzlich Zehntausende Investoren-Sessions ausgewertet. Was sind die zentralen Erkenntnisse über die Herangehensweise von Business Angels und Privatinvestoren?

Rhotert: Wir haben über 50.000 Sessions aus 166 Finanzierungsrunden analysiert – und das Spannendste ist: Der Pitch schlägt den Businessplan. Nur ein Viertel der Investoren sieht sich den Pitch an, aber diese Gruppe verantwortet fast 60% aller Investments. Ein guter Pitch allein reicht trotz dem nicht: Überzeugen muss das Pitchdeck, und je tiefer die Prüfung, desto höher die Abschlussquote. Dazu kommt ein klarer Deadline-Effekt: 42% des Kapitals fließen am letzten Tag einer Finanzierungsrunde. Business Angels entscheiden gründlicher, als ihr Ruf vermuten lässt. Dieses Wissen gab es in der Branche bisher nicht – jetzt teilen wir es mit Gründern.

VC Magazin: Über Ihr Investmentnetzwerk können sich Privatinvestoren direkt an Start-ups beteiligen oder als Business Angel mit einem Investment ab 10.000 EUR in den Angel Club einsteigen. Welche Zielgruppen sprechen Sie damit gezielt an?

Rhotert: Der Kern ist unser Angel Club mit über 6.550 Business Angels – Unternehmer, Executives und Family Office-Investoren, die sich mit größeren Tickets direkt am Eigenkapital beteiligen und ihr Know-how einbringen. Daneben ermöglichen wir bewusst auch kleinere Einstiege: Ich möchte, dass auch die 18-jährige Studentin ihr erstes Ticket macht. So wachsen die Business Angels von morgen heran; viele unserer heutigen Clubmitglieder haben klein angefangen. Ich nenne das Innovationsgesellschaft: mehr Menschen, die an Unternehmertum teilhaben, statt nur zuzuschauen.

VC Magazin: Welche nächsten Meilensteine streben Sie an, wo sehen Sie Companisto in fünf Jahren?

Rhotert: Mein Ziel ist, dass der Angel Club zum Referenzpunkt für Angel Investing wird. Mit 10.000 oder 20.000 aktiven Angels wird kritische Masse zum Standard. Der Weg dahin führt über Kooperationen – mit Wagniskapitalgebern und anderen Angel-Netzwerken – und über Daten: Wir veröffentlichen in Kürze den ersten Market Report zum Investitionsverhalten von Business Angels, mit Benchmarks, die es bisher nirgendwo gab. Und statistisch bin ich sicher: Irgendwann kommt der große Exit, der die Wahrnehmung verschiebt. In fünf Jahren soll Companisto die Infrastruktur sein, über die Angel Investing in der EU selbstverständlich läuft – so selbstverständlich, wie man heute ein Depot eröffnet.

VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Über den Interviewpartner: 

David Rhotert ist Mitgründer und CEO von Companisto, dem größten Business Angel-Netzwerk der Europäischen Union mit Sitz in Berlin. Der Rechtsanwalt gründete das Unternehmen 2012 gemeinsam mit Tamo Zwinge – seither wurden über das Companisto-Netzwerk mehr als 350 Mio. EUR in Start-ups und Wachstumsunternehmen investiert.