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Viele Mittelständler denken langfristig – handeln aber zu kurzfristig. Prof. Dr. Pero Mićić, Professor für Foresight und Strategie, zeigt, warum Zukunftssicherheit mehr verlangt als Resilienz: klare strategische Prioritäten, ein belastbares Zukunftsbild und konsequente Investitionen in KI und Produktivität. Nur so lassen sich Disruption und Wandel aktiv nutzen.
VC Magazin: Wie definieren Sie heute „Zukunftssicherheit“ für Unternehmen, was unterscheidet resiliente von wirklich zukunftsrobusten Organisationen?
Mićić: Zukunftssichere Unternehmen erfüllen aus meiner Sicht die folgenden acht Eigenschaften:
1. Sie verbessern nachhaltig die Lebensqualität vieler Menschen: Sie stiften einen klaren gesellschaftlichen Nutzen, was der Arbeit Sinn verleiht und dem Unternehmen einen klaren Fokus.
2. Sie arbeiten an großen realisierbaren Zukunftschancen: Sie verharren nicht im Status quo, sondern arbeiten ambitioniert auf die nächste Ära hinzu.
3. Viele Kunden kaufen gerne, viel und zu rentablen Preisen: Ein einzigartiger Nutzwert erzeugt große Anziehungskraft auf Kunden und eine starke Preissetzungsmacht.
4. Exzellente Mitarbeitende kommen, bleiben und engagieren sich gerne.
5. Ihre Produktivität ist an der Spitze der Branche: Der konsequente Einsatz von Zukunftstechnologien wie KI und Robotik sichert die Wettbewerbsstärke.
6. Ihre Wettbewerber haben es schwer, sie zu kopieren: Das Geschäftsmodell besteht aus intelligent verzahnten Elementen, deren Komplexität nicht einfach imitierbar ist.
7. Sie sind gegen technisch-strategische Disruptionen abgesichert: Sie hinterfragen ihre Zukunftsannahmen und sind bereit, sich selbst antizipativ zu disruptieren.
8. Ihr Unternehmen ist eine Freude für die Anteilseigner – es generiert hohe Erträge, ist niedrig verschuldet und erzeugt Stolz bei den Eigentümern. Der entscheidende Unterschied zur Resilienz liegt in der zeitlichen Ausrichtung und der Proaktivität: Resilienz beschreibt primär die Fähigkeit, reaktiv auf unerwartete Veränderungen, Schocks oder Krisen zu antworten und das Geschäftsmodell an veränderte Umwelten anzupassen, wenn diese bereits eingetreten sind.
VC Magazin: Können Sie zwei Beispiele für Unternehmen nennen, die in diesem Prozess bereits sehr weit sind?
Mićić: Ein hervorragendes Beispiel aus dem klassischen Mittelstand ist die iwis-Gruppe unter Führung von Johannes Winklhofer. Der Hersteller von Ketten und Antriebssystemen denkt in Zeithorizonten von 30 bis 100 Jahren, sieht sich als Treuhänder der nächsten Generation und hat den Wandel des ursprünglich vom Verbrennerantrieb abhängigen Geschäfts zur Elektromobilität sehr frühzeitig antizipiert. In Deutschland weniger beliebt, aber weltweit eines der beeindruckendsten Beispiele ist Tesla. Tesla hat im Bereich Energie, autonomer Mobilität und Robotik 20 bis 30 Jahre enormen Wachstums vor sich.
VC Magazin: Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten strukturellen Stärken des Mittelstands – und wo bestehen gefährliche Selbsttäuschungen?
Mićić: Die absolute Superkraft des Mittelstands, besonders bei Familienunternehmen, ist das Denken und Handeln für Generationen. Im Gegensatz zu von Quartalszahlen getriebenen Großkonzernen sitzt dort die nächste Generation oftmals morgens mit am Frühstückstisch, was eine langfristige, ethische und nachhaltige Ausrichtung befördert. Eine gefährliche Selbsttäuschung ist jedoch die sogenannte Kurzfristfalle: Viele Mittelständler sind so stark im operativen Tagesgeschäft gefangen, dass die strategische Arbeit vernachlässigt wird. Zudem herrscht oft eine fatale Skepsis oder Langsamkeit bei der Adaption neuer Technologien wie KI oder Robotik. Aus Angst oder Traditionsbewusstsein fallen viele mittelständische Firmen in ihrer Produktivität dramatisch hinter Großkonzerne zurück. Auch die Strategie der mehreren Standbeine führt allzu oft zu einer gefährlichen Verzettelung in zu vielen Geschäftsfeldern, die man in diesen komplexen Märkten nicht mehr alle verteidigen kann.
VC Magazin: Wie gelingt es Mittelständlern, ihr Geschäftsmodell weiterzuentwickeln, gegebenenfalls auch zu disruptieren, ohne das Kerngeschäft zu gefährden?
Mićić: Der Schlüssel liegt darin, nicht an den heutigen Produkten zu kleben, sondern in emotionalen und sachlichen Wirkungen zu denken. Kunden kaufen keine CDs, MP3-Dateien oder Streaming-Abonnements, sondern die Emotionen aus Musik. Was Menschen kaufen, verändert sich selten. Aber wie die Wirkung erzeugt wird, verändert sich ständig: Das ist Disruption. Wenn man sich auf die Wirkungen fokussiert, fällt es leichter, die Produkte und Leistungen zur Erzeugung der Wirkungen radikal neu zu denken. Um dies ohne Gefährdung des aktuellen Betriebs zu tun, empfiehlt sich das Denken in Horizonten: Auf Horizont null und eins betreibt und verbessert man das heutige Tagesgeschäft, während in Horizont zwei und drei die neuen und womöglich disruptiven Geschäftsfelder von morgen vorbereitet werden. Hilfreich ist dabei ein „Business Wargame“: Das Führungsteam schlüpft in die Rolle eines aggressiven Start-ups oder eines Tech-Giganten und greift das eigene Modell fiktiv an, um Schwachstellen aufzudecken und daraus proaktiv eigene Chancen zu generieren.
VC Magazin: Welche technologischen Entwicklungen sollten mittelständische Entscheider in den nächsten fünf Jahren besonders im Blick behalten?
Mićić: Im Zentrum der nächsten Jahre stehen Technologien, die als massive Produktivitätsbooster wirken, allen voran und ganz offensichtlich Künstliche Intelligenz und Robotik. Alles, was kognitiv oder physisch automatisiert werden kann, wird in absehbarer Zeit von KI und Robotern besser, schneller, sicherer und kostengünstiger erledigt werden können. Diese Automatisierung ist gleichzeitig der effektivste Hebel gegen den sich verschärfenden Arbeits- und Fachkräftemangel. Darüber hinaus sollten Entwicklungen im Bereich der nachhaltigen Energiesysteme, Speichertechnologien und Materialwissenschaften beobachtet werden, da sie die Wertschöpfungsketten grundlegend restrukturieren werden.
VC Magazin: Welche Rolle spielen Führungskultur und Entscheidungsprozesse bei der Zukunftsfähigkeit, was müssen Geschäftsführer anders machen als noch vor zehn Jahren?
Mićić: Die einzige nicht delegierbare Hauptaufgabe einer Geschäftsführung ist es, ein klares Zukunftsbild des Markts und ein Zukunftsbild des eigenen Unternehmens zu entwickeln und es im Team wirksam zu machen. Führung bedeutet, eine Bewegung zu erzeugen, und Bewegung erfordert zwingend eine Richtung. Und eine klare Richtung braucht ein Zukunftsbild. Leader müssen heute aktiv begründete Zukunftsfreude stiften, um der weitverbreiteten Zukunftsangst und Beharrungstendenz entgegenzuwirken. Zudem müssen Entscheidungsprozesse dezentraler werden: Wenn das Zukunftsbild klar ist und psychologische Sicherheit im Team herrscht, können Mitarbeitende hochgradig selbstorganisiert handeln, ohne dass das Management jeden Teilschritt diktieren muss. Dann kann man so produktiv und so schnell werden wie viele chinesische und nordamerikanische Unternehmen.
VC Magazin: Wenn Sie einem mittelständischen Unternehmen heute drei konkrete Prioritäten für mehr Zukunftssicherheit mitgeben müssten, welche wären das?
Mićić: Erstens: ein motivierendes Zukunftsbild entwickeln und wirksam machen. Klären Sie zwingend die drei Kernfragen: wozu sind wir da, (Mission inklusive des gesellschaftlichen Nutzens), wie sind wir einzigartig (Positionierung) und was wollen wir gemeinsam verwirklichen (Vision) – nur so bündeln Sie die Kräfte Ihres Teams und ziehen Spitzenkräfte an. Zweitens: ihre Zukunftsannahmen im Führungsteam abgleichen und regelmäßig prüfen; auch, um sich gegen Überraschungen abzusichern. Machen Sie explizit, auf welche technologischen und marktlichen Entwicklungen Sie das Schicksal Ihres Unternehmens verwetten. Unterziehen Sie diese Annahmen Stresstests, um Zukunftssicherheit zu erhöhen. Drittens: die Produktivität an die Spitze der Branche treiben. Nutzen Sie KI und alle Möglichkeiten der Automatisierung proaktiv, um die Effizienz radikal zu steigern, Kosten zu senken und knappe menschliche Ressourcen dort einzusetzen, wo Empathie und komplexe Problemlösung durch Menschen unverzichtbar sind.
VC Magazin: Vielen Dank für das Gespräch.
Über den Interviewpartner:
Prof. Dr. Pero Mićić ist Gründer und seit 1991 Vorstand der FutureManagementGroup AG. Er ist Professor für Foresight und Strategie sowie Autor mehrerer preisgekrönter Bücher. Er unterstützt bekannte Unternehmen bei der Entwicklung und Implementierung von Zukunftsstrategien. Als Investor ist Pero Mićić hautnah am Puls der Trends, Zukunftstechnologien und Geschäftsmodelle.



